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Windhund ade: Netzbetreiber stellen Anschlussverfahren um

Stuttgart/Regensburg (energate) - Deutschlands Stromnetze kommen zunehmend an ihre Grenzen. Die Nachfrage nach Netzanschlüssen übersteigt vielerorts die Kapazität. Die Vergabe von Netzanschlusskapazitäten erfolgte bisher meist nach dem Prinzip "first come, first served" des Windhundverfahrens. Netze BW und drei Eon-Töchter haben nun Veränderungen in ihren Vergabeverfahren angekündigt. Der baden-württembergische Netzbetreiber Netze BW hat ein neues Punkteverfahren zur Vergabe von Netzanschlüssen vorgestellt. Bayernwerk Netz, Edis und SH Netz verfolgen im Eon-Kosmos einen ähnlichen Ansatz. energate hat sich in der Branche umgehört, welche Verfahren sonst noch verwendet werden.

 

Drei Kriterien zum Netzanschluss

 

Netze BW setzt zukünftig auf ein Punktemodell, das aus drei Hauptkriterien besteht: der Projektreife, der Ortsgebundenheit und der Frühzeitigkeit. Im Mittelpunkt steht dabei die Projektreife, angelehnt an das bereits umgestellte Vergabeverfahren der Übertragungsnetzbetreiber. Netze BW befragt künftig Anschlusspetitenten zum Stand der Flächensicherung, dem Genehmigungsstand und dem Planungsstand. Die Projektreife entscheidet dabei über 50 Prozent der Netzanschlussvergabe.

 

Außerdem führt der baden-württembergische Netzbetreiber als weiteres Kriterium die Ortsgebundenheit ein. Dieser Aspekt macht 34 Prozent im Vergabeverfahren aus und hat insbesondere Erweiterungen von Bestandsanlagen am Standort im Blick. Baden-Württemberg verfügt über eine Vielzahl stromhungriger Mittelständler, die so künftig priorisiert ins Rennen um Netzanschlüsse gehen. Netze BW nutzt dafür den neu geschaffenen Paragrafen 17b des Energiewirtschaftsgesetzes aus dem Netzpaket. Dieser sieht vor, dass Netzbetreiber künftig anhand gesetzlich verankerter Kriterien priorisieren dürfen.

 

Einen vollständigen Abschied von den Prinzipien des Windhundverfahrens nimmt Netze BW aber nicht. Mit dem Kriterium der Frühzeitigkeit gilt in Anlehnung an das Windhundverfahren der Grundsatz, dass frühe Anmeldungen bevorzugt behandelt werden. Wer länger wartet, bekommt mehr Punkte - jedoch gilt das Datum des Antrags künftig eben nicht mehr als alleiniges Kriterium der Bearbeitung.

 

Punkteverfahren gilt für EnWG-Petenten

 

Das neue Punktemodell greift ausschließlich für Bezugskunden mit großen Anschlussbegehren über 950 kW in der Mittel- und Hochspannung. Netzanschlüsse für EEG-Anlagen und die essenzielle Daseinsvorsorge werden weiterhin über das Windhundverfahren vergeben. Das Punktemodell greift, wenn freie Netzanschlusskapazitäten in den nächsten drei Jahren vorhanden sind. Die Vergabe findet jährlich und regionsweise statt, der erste Vergabeturnus beginnt am 1. November 2026 und endet am 31. Dezember 2026. Netze BW rechnet mit Rückmeldungen im März 2027.

 

Sollte ein Netzanschluss für ein Projekt nicht bewilligt werden, besteht die Möglichkeit für einen flexiblen Netzanschluss (FCA). Auch hier gilt, dass dieser in den nächsten drei Jahren vorhanden sein muss. Bis ein separates Verfahren entwickelt wird, werden bis zu 30 FCAs flächendeckend im Punktemodell mit vergeben. Anders als beim Punkteverfahren ist der Anschluss über einen FCA jedoch auch in Gebieten mit limitierten Kapazitäten möglich.

 

Netze BW hat eigenes Verfahren entwickelt

 

Damit hat Netze BW ein eigenes, bislang noch nicht erprobtes Vergabeverfahren entwickelt. Während eines Hintergrundgesprächs erklärte Sonja Marin Casanova, Teamleiterin Netzanschluss Netze BW, auf energate-Rückfrage, warum sich der Netzbetreiber für diesen Weg entschieden hatte. "Wir haben in Baden-Württemberg nicht nur das Mittelspannungsnetz, sondern auch sehr viel Hochspannungsnetz. Das heißt, wir haben große Industrieunternehmen im Hochspannungsnetz, aber auch kleinere Kunden wie eine größere Bäckerei im Mittelspannungsnetz. Würden wir etwa das Repartierungsverfahren einführen, wie es andere, städtische Verteilnetzbetreiber tun, müssten wir dem Industrieunternehmen dieselbe Leistungsmenge geben wie der Bäckerei." Dass dies in einem so großen, vielfältigen Netz wie dem der Netze BW nicht funktioniere, sei einleuchtend, so Casanova.

 

Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang, dass Netze BW eine Standardisierung des Vergabefahrens in ganz Baden-Württemberg anstrebt. Das Punkteverfahren ist mit dem Verband für Energie- und Wasserwirtschaft in Baden-Württemberg (VFEW) abgestimmt. "Ziel war es, gemeinsam mit dem Verband ein möglichst einheitliches, transparentes und praxistaugliches Verfahren für Baden-Württemberg abzustimmen", sagte Netze-BW-Geschäftsführer Jörg Reichert.

 

BDEW übt indirekt Kritik an Gesetzgeber

 

Auch andernorts werden neue Vergabeverfahren eingeführt. Die Eon-Töchter Bayernwerk Netz, Edis und SH Netz pilotieren ebenfalls ein kriterienbasiertes Zuteilungsverfahren für Netzanschlussanfragen über 1.000 kW. Kriterien sind der Reifegrad eines Projekts, Aspekte einer effizienten Netznutzung, die lokale Gebundenheit und das Regionalszenario, was der Netzausbauplanung zugrunde liegt. Bayernwerk Netz will zunächst Erfahrungen in der Praxis sammeln und Rückmeldungen von Kunden, Verbänden und der Politik einholen. Bayernwerk-CEO Egon Leo Westphal setzte sich bereits im April auf einer Bilanzpressekonferenz für eine strikte Priorisierung ein. Er schlug eine "klare Reihenfolge" vor: "Erst kommen Industrie und Gewerbe, dann kommen Rechenzentren und dann kommen Speicher."

 

In der Debatte um die verschiedenen Verfahren äußerte der Branchenverband BDEW gegenüber energate seine generelle Unterstützung für Priorisierungsmöglichkeiten bei Netzengpässen für Netzbetreiber - wie im Netzanschlusspaket angelegt. Vor allem mit Blick auf die Verteilnetze forderte der Verband aber "klare gesetzliche Regeln mit ausreichender Transparenz und Vereinheitlichung einerseits und Flexibilität für die Umsetzung in der Praxis andererseits". Die Priorisierung von Anschlussnehmern wie beim Reifegradverfahren der Übertragungsnetzbetreiber lasse sich nicht ohne Weiteres auf das Verteilnetz übertragen. Stattdessen sollten Verteilnetzbetreiber eigene Grundsätze aufstellen können, die der Anschlussstation vor Ort gerecht werden.

 

Windhundverfahren noch immer dominant - aber nicht überall

 

Eine generelle Veränderung des Netzanschlussverfahrens ist im Eon-Konzern hingegen noch immer eine Seltenheit. "Aktuell wenden die Eon-Verteilnetzbetreiber in der Regel das Windhundprinzip als Vergabeverfahren an, mit wenigen regionalen Ergänzungen", erklärte eine Eon-Sprecherin auf Nachfrage von energate. Trotzdem beschäftige sich Deutschlands größter Verteilnetzbetreiber mit konkreten Optionen für die Weiterentwicklung bestehender Netzanschlussprozesse. Konzernweit sehe das Unternehmen die Grenzen des Windhundprinzips "bei starkem Zuwachs und hoher Dynamik an Netzanschlussanfragen", so die Sprecherin weiter.

 

Zu einem ähnlichen Schluss kommt auch der VKU. Auf Nachfrage von energate kritisierte ein Sprecher das Windhundverfahren, da es "enorme Aufwände und Unsicherheiten sowohl bei Projektierern als auch Netzbetreibern" erzeuge. Deswegen halte der Verband die im Netzpaket genannten Priorisierungskriterien für "sinnvoll", erklärte der Sprecher. Allerdings sei auch bei den VKU-Mitgliedsunternehmen das Windhundverfahren noch weit verbreitet.

 

Weitere Netzbetreiber setzen auf eigene Verfahren

 

Auch andere Netzbetreiber reagieren auf den Anschlussboom und passen ihre Netzanschlussverfahren an. Beispielsweise prüft Mitnetz Strom die Änderung zum Reifegradverfahren und plant die Einführung von flexiblen Netzanschlüssen. Die Hamburger Energienetze stellen ihr Verfahren in der zweiten Jahreshälfte 2026 auf das Repartierungsverfahren um. Stromnetz Berlin setzt schon seit Ende 2025 auf dieses Instrument. In Bezug auf flexible Netzanschlüsse arbeitet Allgäu Netz an einem "FCA 2.0", wie der Geschäftsführer im energate-Interview erklärte. Und auch beim Netzanschluss geht das Unternehmen einen eigenen, mehrstufigen Weg. /lw /rh

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