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Wie Netzbetreiber erfolgreich digitalisieren

Hamm (energate) - Die Bundesnetzagentur hat im Juli die Festlegung zur Qualitätsregulierung veröffentlicht, die neben der Netzzuverlässigkeit auch die Netzleistungsfähigkeit als zweite Säule verankert. Dies wird gemessen über die Bausteine Energiewendekompetenz und Digitalisierung. Doch gerade bei der Digitalisierung hinken Deutschlands Netzbetreiber hinterher, zeigt eine von der Behörde veröffentlichte Karte zur Versorgungsqualität der deutschen Verteilnetzbetreiber. Auf der vom Beratungsunternehmen E-Bridge Consulting entwickelten Skala von 0 (keine Digitalisierung) bis 1 (vollständige Digitalisierung) liegt der deutschlandweite Indexwert bei gerade einmal 24,7 Prozent, nur eine Handvoll Unternehmen kommt über 0,5. Auffällig ist zudem ein regionales Muster: Die Vorreiter liegen fast ausnahmslos im Westen der Bundesrepublik, während städtische Netzbetreiber und Metropolen zum Teil deutlich zurückliegen.

 

Zu diesen Vorreitern gehören SH Netz, Pfalzwerke Netz, Stadtwerke Bochum Netz und Netze BW: drei klassische Flächennetzbetreiber und mit Bochum ein städtischer Netzbetreiber. energate hat bei ihnen nachgefragt, wie sie die Digitalisierung in ihren Unternehmen vorangebracht haben. Die Antworten zeigen gemeinsame Erfolgsmuster ebenso wie deutliche Unterschiede im Vorgehen. Sie machen klar, dass selbst die Vorreiter noch mitten im Transformationsprozess stecken.

 

Digitalisierung fängt bei der Haltung an

 

Generell gilt: Digitalisierung ist bei diesen Unternehmen nicht bloß ein IT-Projekt, sondern strategisch verankert. Netze BW betonte, das Thema werde "ausdrücklich nicht als isoliertes IT-Thema verstanden, sondern als zentraler Hebel", um stabile Netze im Hochlauf der Energiewende sicherzustellen. Ähnlich argumentierte auch Stadtwerke Bochum Netz: Digitalisierung sei "eine zentrale Voraussetzung, um die technische, regulatorische und wirtschaftliche Transformation der Energieversorgung aktiv zu gestalten". Benjamin Merkt, Vorstand Technik der SH-Netz-Muttergesellschaft Hansewerk, verwies darauf, dass Digitalisierung "seit Jahren fester Bestandteil der Netzstrategie" sei. Pfalzwerke Netz nannte Digitalisierung ebenfalls "strategisch verankert", blieb bei konkreten Maßnahmen aber allgemeiner als die anderen drei.

 

Regulatorische und marktwirtschaftliche Ereignisse als Auslöser

 

Der Digitalisierungsschub lässt sich bei den vier Antworten stark an regulatorischen und marktwirtschaftlichen Ereignissen festmachen. Pfalzwerke Netz etwa machte die "Boom-Jahre" 2022/2023 mit dem starken Zubau an Erzeugungsanlagen sowie die Einführung des Paragrafen 14a EnWG zum 1. Januar 2024 als zentrale Auslöser für den Digitalisierungsschub aus. Die Pfälzer überführten in dieser Zeit die Anschlussprozesse in eigene Portallösungen sowie Messtechnik in Ortsnetzstationen.

 

Bei der Stadtwerke Bochum Netz ist es der starke Zubau von Photovoltaik, Wärmepumpen und Ladeinfrastruktur, der die Digitalisierung treibt. SH Netz begann 2017 mit dem Rollout moderner Messeinrichtungen, 2020 folgten die intelligenten Messsysteme. Mit einer Rolloutquote von 29,3 Prozent belegt das Unternehmen laut Bundesnetzagentur-Daten aktuell den 77. Platz beim Rollout - wenngleich SH Netz als Flächennetzbetreiber andere Voraussetzungen als viele der weiter vorne liegenden, teils sehr kleinen Messstellenbetreiber hat.

 

SH Netz investiert in Digitalisierung seit 2012

 

Die Antworten zeigen auch, dass die Digitalisierungsbemühungen teilweise bereits seit vielen Jahren laufen. Seit 2012 betreibt SH Netz ein Auslastungsmonitoring-System im Netzbetrieb - aktuell an zwölf Stromkreisen, bis Ende kommenden Jahres sollen 20 weitere hinzukommen. Seit 2018 baut die Eon-Tochter digitale Ortsnetzstationen. Derzeit betreibt sie 3.500 Stück, rund 450 kommen pro Jahr hinzu. Netze BW entwickelte im Jahr 2015 einen ersten unternehmensweiten "Digitalen Aktionsplan". Erste Projekte betrafen dabei die Netzdigitalisierung, etwa durch die Einführung einer digitalen Disponierung in der Instandhaltung.

 

Herausforderung: Datensilos - KI als Lösung?

 

Die Stadtwerke Bochum Netz begründet ihren Fortschritt vor allem strukturell, über den Aufbau eines Enterprise-Architecture-Managements. Ziel ist ein API-offenes, cloudbasiertes Software-Ökosystem, das die vollständige Vernetzung der digitalen Systeme unterstützt. "Mit dem Enterprise-Architecture-Management verfolgen wir das Ziel, die Komplexität unserer IT-Landschaft nachhaltig zu reduzieren. Dazu gehören weniger individuelle Schnittstellen, ein konsequenterer Einsatz standardisierter Technologien und Prozesse sowie eine gezielte Konsolidierung der eingesetzten Anwendungen", hieß es aus Bochum.

 

Ein Thema, das auch die anderen Unternehmen beschäftigt. Die Stadtwerke Bochum Netz beschreibt ihre IT-Landschaft offen als "historisch dezentral und segmentiert gewachsen", mit fehlenden standardisierten Schnittstellen. Deshalb baut sie ein unternehmensweites Datenmanagement samt Data Governance auf, mit dem Ziel eines zentralen "Single Point of Truth". Netze BW nennt Datensilos und schwankende Datenqualität als zentrales Hindernis der vergangenen Jahre. Die Schwaben begegnen dem mit wiederverwendbaren "Datenprodukten" und einer systemneutralen Datenlandschaft.

 

SH Netz setzt gezielt auf künstliche Intelligenz: Mit dem Projekt "Cable Age" werden fehlende Altersangaben von Niederspannungskabeln aus vorhandenen Netzdaten abgeleitet. Mit "AutomONSta" sollen Typenschilder von Schaltanlagen künftig automatisiert statt manuell per Bilderkennung erfasst werden. Alle Unternehmen gestanden aber auch ein, dass die Datenbasis, auf der die Digitalisierung aufbauen müsste, noch lange nicht durchgängig verlässlich sei.

 

Netzdigitalisierung als personelle Herausforderung

 

Bochum ging auch explizit auf die organisatorische und personelle Dimension ein, die die Digitalisierungstransformation begleiten. Digitalisierung verändere "Arbeitsweisen, Rollen, Entscheidungsprozesse und die Zusammenarbeit über Bereichsgrenzen hinweg". Deshalb begleite das Unternehmen die technische Weiterentwicklung gezielt mit Organisations- und Personalentwicklung. Führungskräften komme dabei eine besondere Rolle zu. Die anderen drei Unternehmen konzentrieren sich in ihren Antworten stärker auf Systeme und Prozesse als auf den kulturellen Wandel - ein Aspekt, der angesichts des knappen Fachkräfteangebots künftig an Bedeutung gewinnen dürfte.

 

Weiterhin langer Weg

 

Trotz aller Fortschritte zeigen die Zukunftspläne der vier Netzbetreiber, welch langer Weg noch vor ihnen liegt. SH Netz rechnet erst bis Ende 2026 mit einem digitalisierten Anteil von rund 20 Prozent seiner Ortsnetzstationen. Die Stadtwerke Bochum Netz will dynamische, automatisierte Netzberechnungen zunächst nur "in geeigneten Standardfällen" nutzen, ein flächendeckender Einsatz ist noch nicht in Sicht. Netze BW kündigt mit dem geplanten "Hub-&-Cluster-Modell" eine weitere organisatorische Umstrukturierung an, die erst noch eingeführt werden muss. Und die regulatorische Unsicherheit, die mehrere Unternehmen als Belastung nannten, lässt sich nicht abstellen, sondern nur mit robusteren, agileren Prozessen abfedern. Die vier Netzbetreiber zeigen damit weniger einen abgeschlossenen Erfolg als einen belastbaren Weg dorthin, den sich andere Netzbetreiber bislang offenbar nicht zutrauen oder den sie nicht leisten können. /rh

 

Die Energiewendekompetenz der Netzbetreiber ist auch Thema einer gemeinsamen Umfrage von Enersis und energate. Sie richtet sich insbesondere an Netzbetreiber und zielt darauf ab, den aktuellen Stand der Energiewendekompetenz zu ermitteln. Außerdem soll die Umfrage aufzeigen, welche digitalen Kompetenzen die geforderte Energiewendekompetenz ermöglichen. Interessierte können nach wie vor teilnehmen. Zur Umfrage gelangen Sie hier.

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