Zum InhaltZum Cookiehinweis

RSS Feed

Wasserstofferzeugung: Mehr Hürden als Markt

Paderborn/Lichtenau (energate) - Im ostwestfälischen Lichtenau unternimmt ein kommunales Konsortium erste Schritte in der Wasserstofferzeugung. Doch das Projekt "Schlafender Riese" zeigt exemplarisch, woran die Produktion von grünem Wasserstoff in der Praxis krankt - selbst dort, wo die Ausgangsbedingungen ideal erscheinen. Im Interview mit energate erläuterte Steve Flechsig, Geschäftsführer der eigens gegründeten Projektgesellschaft Wasserstoff Lichtenau, die regulatorischen Hürden, die sich auftürmen. Ein Beispiel: Die systemisch sinnvolle Nutzung von Überschussstrom lässt sich in dem Projekt nicht umsetzen, weil jeglicher wirtschaftlicher Anreiz fehlt. "Einen direkten monetären Vorteil aus der Nutzung von Abregelungsstrom sehen wir derzeit nicht", sagte Flechsig und verwies auf die strengen EU-Regularien zur Erzeugung von Wasserstoff. 

 

"700 Betriebsstunden - viel zu wenig"

 

Gerade die strengen RFNBO-Strombezugskriterien der EU für Elektrolyseure sind der Wasserstoffbranche schon seit Längerem ein Dorn im Auge. Insbesondere die Vorgaben zur Zusätzlichkeit (Additionalität) und der zeitlichen und geografischen Korrelation stellen hohe Anforderungen an die Strombeschaffung und gelten daher als zentrale Kostentreiber in der Wasserstoffproduktion. In Lichtenau ergibt sich ein spezielles Problem, dort würde sich insbesondere anbieten, überschüssigen Strom einzusetzen, was die EU-Regularien grundsätzlich auch zulassen. Allein: Würde die Anlage in Lichtenau diese Form des Strombezugs nutzen, "kommen wir über diesen Weg auf weniger als 700 Betriebsstunden im Jahr - bei einer kapitalintensiven Anlage viel zu wenig", so Flechsig. 

 

Für das Lichtenauer Projekt ist dieser Umstand besonders ärgerlich, denn der Standort liegt in einem Hotspot für Windenergie. In Zeiten hoher Einspeisung ist das lokale Netz regelmäßig überlastet. Der Projektverantwortliche Flechsig untermauert dies mit Zahlen: 2025 konnten 70 GWh nicht ins Lichtenauer Stromnetz eingespeist werden, "weil das vorgelagerte Netz an windreichen Tagen bereits ausgelastet ist". Entsprechend plädierte er für einen regulatorischen Rahmen, "der netzdienliche Systemdienstleistungen durch Elektrolyseure auch wirtschaftlich honoriert".  

 

Nutzen statt Abregeln - nicht in Lichtenau

 

Ironischerweise hilft dem Lichtenauer "schlafenden Riesen" auch das sogenannte Nutzen-statt-Abregeln-Prinzip nicht, das genau für eine solche Konstellation gesetzlich verankert wurde. Der entsprechende Paragraf 13k EnWG soll Anreize schaffen, Stromverbrauch in Phasen von Netzengpässen zu verlagern - allerdings nicht in Ostwestfalen: "Der Paragraf definiert bestimmte Entlastungsregionen, in denen die Regelung überhaupt greift - die liegen überwiegend im Norden und Osten Deutschlands. Unser Standort fällt nicht darunter."  

 

Doch auch an anderer Stelle steht das Projekt vor Herausforderungen - etwa in der Vermarktung des Wasserstoffs. Weil eine direkte Anbindung der Region an das Wasserstoff-Kernnetz nicht vorgesehen ist, haben die Projektträger vor allem Abnehmer in der Region im Blick. "Generell ist OWL keine industriell geprägte Region, aber im Kreis Paderborn haben wir einige potenzielle Großabnehmer aus der Stahl- und Betonindustrie", so Flechsig. Doch die Kundenakquise gestaltet sich schwierig: "Wir haben mit verschiedenen Unternehmen aus Industrie und dem Bereich der Industriegaslieferanten gesprochen und erste Vereinbarungen getroffen - aber noch auf sehr loser Basis." Abnehmer aus dem Nahverkehr, die ihre Flotte auf Wasserstoffantriebe umstellen könnten, sind bisher ausgeblieben - auch mangels Zugang zu Fördermitteln, wie Flechsig in dem Interview darlegte. 

 

Wirtschaftlichkeit "nicht die wichtigste Motivation"

 

Immerhin hat Flechsig zuletzt auch "positive Impulse" wahrgenommen - allen voran die Reform der THG-Quote: "Die Umstellung von zweifacher auf dreifache Anrechnung hat die erzielbaren Erlöse deutlich erhöht", stellt der Lichtenauer Wasserstoffexperte fest. Waren bisher Erlöse im Bereich von drei Euro pro Kilogramm realistisch, "bewegen wir uns inzwischen im zweistelligen Bereich - und damit in einer Größenordnung, die sich mit den Gestehungskosten von grünem Wasserstoff deckt". Entsprechend spürt Flechsig in Gesprächen mit Industriegaslieferanten, "dass der Markt anzieht". Zugleich räumte der Projektleiter ein, dass die Wirtschaftlichkeit gar nicht die wichtigste Motivation für das H2-Projekt ist: Vielmehr gehe es zunächst um den Aufbau von Wertschöpfungsketten und Know-how. "Bei großen Infrastrukturthemen ist es am Anfang selten möglich, sofort schwarze Zahlen zu schreiben - bei Wasserstoff ist das nicht anders", gab Flechsig zu bedenken. 

 

Unter dem Projektnamen "Schlafender Riese" soll in Lichtenau südlich von Paderborn ein Elektrolyseur mit einer Kapazität von 10 MW entstehen. Hinter dem Projekt steht federführend der Regionalversorger Westfalen Weser, auch die lokalen Stadtwerke Lichtenau sind als Juniorpartner beteiligt. "Als nächsten Meilenstein planen wir den Spatenstich noch in diesem Jahr", gab Flechsig Einblicke in den Zeitplan. Ende 2027 soll die Anlage den Produktionsbetrieb aufnehmen. Das Konsortium kalkuliert mit Gesamtinvestitionen von knapp 30 Mio. Euro, wobei rund 11 Mio. Euro aus Fördermitteln des Landes NRW stammen. Die Projektgesellschaft Wasserstoff Lichtenau hatten die beteiligten Parteien Anfang 2025 gegründet

 

"Nicht einfach allein loslaufen"

 

Trotz der komplexen Gemengelage gibt sich Flechsig vorsichtig optimistisch, was die wirtschaftliche Perspektive der Wasserstofferzeugung angeht. "Wenn mehrere günstige Faktoren zusammenkommen, kann Wasserstoff auch für ein Stadtwerk ein tragfähiges Geschäftsfeld sein", sagte er. Aber man sei gut beraten, "nicht einfach allein loszulaufen, sondern Partner zu suchen - aus der Kommunalwirtschaft, aus der Industrie vor Ort oder mit dem ÖPNV". Auch die Anwenderseite müsse von Anfang an mitgedacht werden, gibt der Projektleiter zu bedenken. /rb 

 

Das Interview mit Steve Flechsig, Geschäftsführer der Wasserstoff Lichtenau GmbH, ist Teil der energate-Sommerserie "Politik trifft Praxis". Das gesamte Interview lesen Sie im heutigen Add-on Markt & Industrie.

Zurück