Stromnetzresilienz: Debatte um Prävention greift zu kurz
Berlin (energate) - Nach mehreren Sabotageakten auf Umspannwerke fordert der Sicherheitsexperte Stephan Boy ein grundsätzliches Umdenken beim Schutz der Energieinfrastruktur. Ein vollständiger physischer Schutz der weit verteilten Anlagen sei unrealistisch, sagte das Vorstandsmitglied des Zukunftsforums Öffentliche Sicherheit (ZÖS) im Interview mit energate. Stattdessen müssten eine bessere Vorsorge und die möglichst rasche Wiederherstellung der Versorgung in den Fokus rücken.
Die jüngsten Angriffe auf Umspannwerke, zu denen sich ein Mann aus Nordrhein-Westfalen bekannte, treffen nach Einschätzung Boys auf eine zunehmend komplexe Bedrohungslage. Die Bandbreite möglicher Täter und Motive reiche von geopolitischen Konflikten und hybriden Bedrohungen bis zu politisch motiviertem Extremismus. Der aktuell Verdächtige gab in Bekennerschreiben an, mit seinen Aktionen gegen die Nutzung fossiler Brennstoffe vorgehen zu wollen. Sicherheitsexperte Boy zeigte sich besorgt darüber, dass nach vergangenen Anschlägen auf die Stromnetze in Berlin und Reutlingen nun erstmals auch das Stromübertragungsnetz Ziel derartiger Sabotageakte war. "Wenn ich dort zentrale Komponenten außer Kraft setze, kann ich unmittelbar große Auswirkungen erzielen", warnte er. Forderungen nach einem besseren physischen Schutz von Umspannwerken und anderen Anlagen greifen aus Sicht des Sicherheitsexperten aber zu kurz.
Vollständiger Schutz "unrealistisch"
"In der Vergangenheit war die Antwort häufig: Wir machen den Zaun etwas höher", führte Boy aus. Angesichts der heutigen Sicherheitslage reiche das aber nicht mehr aus. Das Energiesystem bestehe aus einer enormen Zahl von Masten, Umspannwerken, Netzknoten und Kraftwerken. "Die können wir nicht vollständig schützen." Neben der Prävention müssten deshalb Widerstandsfähigkeit und Wiederherstellungsfähigkeit in den Fokus rücken. Betreiber und Behörden sollten davon ausgehen, dass es zu Ausfällen kommen kann. Entscheidend sei dann, Störungen schnell zu erkennen und die Versorgung möglichst rasch wiederherzustellen.
Akuten Verbesserungsbedarf sieht Boy vor allem beim Lagebild. Bislang betrachteten Energieversorger, Polizei, Feuerwehr und Behörden die Ereignisse häufig jeweils aus ihrer eigenen Perspektive. "Dieses Silodenken müssen wir aufbrechen", forderte Boy. Das ZÖS schlägt deshalb ein "interdisziplinäres Lagebild in Echtzeit" vor. Denkbar sei eine zentrale Organisation, die Informationen zusammenführt und daraus ein gemeinsames Lagebild erstellt. Entscheidend sei, dass alle Beteiligten auf dieselbe Informationsbasis zugreifen können. Zudem müsse möglichst bereits vor einem Krisenfall bekannt sein, welche Ressourcen zur Verfügung stehen und wie diese eingesetzt werden können.
Gesamtkoordination bleibt staatliche Aufgabe
Auch eine stärkere Zusammenarbeit der Netzbetreiber hält Boy für sinnvoll. Beim großflächigen Stromausfall in Berlin Anfang des Jahres habe sich gezeigt, wie wichtig die gegenseitige Unterstützung bei der Wiederherstellung der Versorgung sei. Plattformen, über die Betreiber im Krisenfall kurzfristig Personal oder beispielsweise Reservetransformatoren bereitstellen können, seien hilfreich. Die Gesamtkoordination eines größeren Stromausfalls könne die Energiewirtschaft jedoch nicht übernehmen. Dies sei "eine staatliche Aufgabe", sagte Boy.
"Vorsorge statt Alibi"
Von der Politik fordert Boy vor diesem Hintergrund, die Sensibilität für Sicherheitsfragen zu erhöhen - "mit Augenmaß und ohne Alarmismus". Zugleich müsse sie die notwendigen gesetzlichen und organisatorischen Voraussetzungen für eine bessere Zusammenarbeit schaffen. Boys Appell lautet: "Vorsorge statt Alibi." Das gelte auch für Unternehmen und Bevölkerung. Die Energieversorgung habe in Deutschland über Jahrzehnte derart zuverlässig funktioniert, dass eine eigene Vorbereitung auf längere Ausfälle kaum notwendig erschien. Das müsse sich dringend ändern, forderte Boy. /cs
Das ganze Interview mit ZÖS-Vorstand Stephan Boy lesen Sie im Add-on Strom.