Stadtwerke unter Druck: Wie weit rücken sie zusammen?
Essen (energate) - Stadtwerke müssen sich steigenden regulatorischen Anforderungen, hohen Investitionsbedarfen für Energie- und Wärmewende, Fachkräftemangel und Digitalisierung stellen. "Dies lässt sich immer schwerer in Eigenregie umsetzen", wie Henry Otto, Leiter Energy Consulting bei PWC Deutschland, auf Nachfrage von energate beschrieb. Doch kommt nun die große Fusionswelle von Stadtwerken? Immerhin planen in der Pfalz drei Stadtwerke ihren Zusammenschluss ebenso wie die Energieversorgung Limburg mit den Stadtwerken Diez. Zuletzt wurde zudem bekannt, dass die Energieversorgung Rudolstadt (EVR) zur hundertprozentigen Tochter der Teag werden könnte.
"Das Thema Kooperationen gewinnt definitiv an Bedeutung", sagte Henry Otto. Der regulatorische Druck sei immens, "da neben vielfältigen Anforderungen in allen Wertschöpfungsstufen die Umsetzungsfristen kürzer werden und die Abhängigkeit von IT-Systemen und Dienstleistern enorm ist", so Otto. Als Beispiele nannte er die Umsetzung regulatorischer Vorgaben wie § 14a EnWG, den Smart-Meter-Rollout oder den Ausbau neuer Geschäftsfelder wie Wärmeversorgung und Speicherlösungen.
"Vollständige Fusionen eher die Ausnahme"
Oliver Rottmann, Geschäftsführer des Kompetenzzentrums Öffentliche Wirtschaft, Infrastruktur und Daseinsvorsorge (Kowid) an der Universität Leipzig, sieht Kooperationen als Antwort auf strukturelle Belastungen kommunaler Unternehmen. Gegenüber energate erklärte er, dass Stadtwerke als regional verankerte Akteure der Daseinsvorsorge zentrale Treiber der Transformation seien. Zugleich seien sie aber eng an die vielfach angespannte Haushaltslage ihrer kommunalen Eigentümer gekoppelt. Gerade kleinere Häuser könnten das notwendige Kompetenzspektrum häufig nicht mehr allein vorhalten. Daraus entstünden Netzwerke, strategische Kooperationen und punktuelle Fusionen. "Nicht primär Größe oder Expansion stehen im Vordergrund, sondern Zukunftsfähigkeit, Investitionsfähigkeit und regulatorische Resilienz", so Rottmann.
Der Branchenverband BDEW beobachtet in dem Zusammenhang eine Zunahme von Einkaufsgemeinschaften, IT-Kooperationen, gemeinsamen Gesellschaften und regionalen Verbundmodellen. Laut der Stadtwerkestudie 2025 von BDEW und EY betrachten 74 Prozent der befragten Unternehmen Kooperationen, strategische Allianzen und Fusionen als wichtiges Zukunftsthema. Doch: "Vollständige Fusionen bleiben weiterhin eher die Ausnahme", erklärte die Vorsitzende der BDEW-Hauptgeschäftsführung Kerstin Andreae auf Nachfrage von energate.
"Kooperationen sind natürlich kommunalpolitisch leichter umsetzbar als Fusionen, weil kommunale Eigentümer ihre lokale Marke und Kontrolle behalten können", so Rottmann. Die Formen der Zusammenarbeit reichen aber weit über klassische Einkaufsgemeinschaften hinaus. Besonders häufig entstehen Kooperationen bei Wärmeplanung, Netzbetrieb, Digitalisierung und Shared Services. Nach Einschätzung des Kowid-Geschäftsführers zählen dazu unter anderem gemeinsame Projektgesellschaften für Wind-, PV- oder Wärmenetze, Kooperationen beim Smart-Meter-Rollout, Redispatch- und Flexibilitätsmanagement, Handelsplattformen oder auch interkommunale Wärmegesellschaften. Hinzu kommen gemeinsame Serviceeinheiten für Personal, Regulierung oder Bilanzkreismanagement.
Regulierung und IT als stärkste Treiber
Der Druck auf kommunale Versorger nehme seit Jahren kontinuierlich zu und drohe inzwischen "zur Wachstumsbremse zu werden", warnte Andreae. Zusätzliche Melde- und Regulierungspflichten konterkarierten vielfach Bemühungen zum Bürokratieabbau. Rottmann geht sogar noch einen Schritt weiter: "Für kleine und mittlere Stadtwerke wird es teilweise existenziell." Entscheidend sei weniger die einzelne Regulierung als vielmehr die Kumulation paralleler Anforderungen - von Energiewende und Digitalisierung über IT-Sicherheit und Nachhaltigkeitsvorgaben bis hin zur Netzsteuerung.
Besonders deutlich zeige sich der Druck in stark standardisierten und regulatorisch geprägten Prozessen. Der regulatorische Druck sei "immens", sagte auch Henry Otto von PWC. Zudem verkürzten sich die Umsetzungsfristen kontinuierlich. Gleichzeitig steige die Abhängigkeit von spezialisierten IT-Systemen und Dienstleistern. Nicht jedes Stadtwerk könne das dafür notwendige Spezialwissen dauerhaft selbst vorhalten. Daher liegen seiner Einschätzung nach die größten Skaleneffekte in Marktkommunikation, Messwesen, EDM, Abrechnung sowie im Kundenservice und der IT.
Ähnlich argumentiert Benedikt Brüggemann, Sektorleiter Power, Utilities & Renewables bei Deloitte, auf Nachfrage von energate. Auch er sieht bei Digitalisierungsprojekten deutliche Skaleneffekte. Die Einführung moderner ERP-Systeme sei für größere Regionalversorger deutlich effizienter als parallele Implementierungen bei mehreren kleinen Häusern.
Wärmewende erhöht den Konsolidierungsdruck
Doch nicht nur im IT-Bereich stehen Stadtwerke vor Herausforderungen. Vor allem die Wärmewende dürfte den Kooperationsdruck weiter verstärken. Laut Kowid-Leiter Rottmann entstehen enorme infrastrukturelle Skaleneffekte bei Großwärmepumpen, Geothermieprojekten, Fernwärmeverbünden oder Wasserstoffinfrastrukturen. Wirtschaftlich würden solche Systeme insbesondere bei größerer Lastdichte und größeren Netzgebieten.
Zugleich steige die technische Komplexität der Verteilnetze. Bidirektionale Lastflüsse, volatile Einspeisung, Elektromobilität und Wärmepumpen machten Netzsteuerung und Assetmanagement zunehmend software- und kapitalintensiv. Netzverbünde und gemeinsame Leitstellen könnten hier erhebliche Effizienzvorteile schaffen.
Warum Fusionen häufig scheitern
Wenn nun wirklich eine Fusion im Raum steht, liegen die Hürden hoch. Ein zentrales Problem ist laut PWC-Leiter Otto häufig bereits die Grundsatzfrage nach dem tatsächlichen Mehrwert einer Fusion gegenüber flexibleren Kooperationsmodellen. Hinzu kommen klassische Konfliktthemen wie Unternehmensbewertungen, Gesellschafteranteile und Einflussmöglichkeiten der beteiligten Kommunen. "Ist die Überzeugung bei allen Stakeholdern nicht gegeben, ist ein Scheitern wahrscheinlich", erklärte Otto. Der BDEW verweist zudem auf Faktoren wie unterschiedliche Unternehmenskulturen, Machtfragen und mangelnde Zusammenarbeit "auf Augenhöhe". Diese gehörten demnach zu den häufigsten Ursachen gescheiterter Zusammenschlüsse.
Unterdessen sieht Rottmann die größten Risiken vornehmlich in Governance- und Politikfragen. Stadtwerke seien eben keine gewöhnlichen Unternehmen, sondern zugleich Instrumente kommunaler Daseinsvorsorge. Konflikte entzündeten sich häufig an Fragen nach Unternehmenssitz, Aufsichtsratsbesetzung, Gewinnverteilung oder Investitionsprioritäten einzelner Kommunen.
Deloitte-Sektorleiter Brüggemann sieht insgesamt weniger branchenspezifische als vielmehr strukturelle Probleme bei Zusammenschlüssen. "Schlechte Projektplanung, unzureichende Kommunikation an die relevanten Stakeholder sowie unrealistische Zielsetzungen" seien die Hauptfaktoren. Hinzu kämen oftmals lokale Partikularinteressen.
Stadtwerke unter Druck - aber nicht ohne Perspektive
Trotz der steigenden Anforderungen rechnen die Experten nicht mit einem flächendeckenden Verschwinden kleiner Stadtwerke. "Ein Stadtwerke-Sterben wurde bereits in den 2000er Jahren prognostiziert, eingetreten ist es nicht", beschrieb Rottmann. Durch Rekommunalisierungsbestrebungen und die (dezentrale) Energiewende habe es eher eine Renaissance der Stadtwerke gegeben. "Das eigenständige Stadtwerk wird auch weiterhin seine Berechtigung haben", sagte Otto.
Die Experten sind sich zudem einig, dass die Stadtwerke wettbewerbsfähig bleiben können, "da sich gerade kleinere Einheiten schnell und unbürokratisch auf veränderte Rahmenbedingungen einstellen können", wie Andreae zusammenfasste. Vorteile lägen insbesondere in der Ortskenntnis, der Kundennähe sowie der engen Verbindung zu Kommune und Stadtgesellschaft. "Ob klein oder groß - Erfolgsfaktoren sind und bleiben eine agile Belegschaft und ein vorausschauendes Management", betonte Brüggemann. Wenn beides gegeben sei, werde ein kleineres Unternehmen erfolgreich bleiben. "Gleichwohl werden die Herausforderungen für die kleineren Stadtwerke in Zukunft sicher nicht geringer werden", prognostizierte er. /hp