Speicherregulierung verschreckt Investoren
Hamm/Düsseldorf (energate) - Der Batteriespeicherhochlauf steckt in Deutschland noch in den Kinderschuhen - und könnte dennoch schon bald einen Dämpfer erfahren. Denn immer mehr Investoren blicken mit zunehmender Sorge auf die deutsche Regulatorik und erwägen, lieber Kapital im Ausland zu investieren. "Wir sind von Deutschland als Markt nach wie vor überzeugt, aber wir werden alle unsere Projekte neu bewerten müssen - und möglicherweise dringend benötigte Investitionen verschieben", sagte Theodor Borsche, Geschäftsführer der britischen VPI Flexkraft, zu energate. Auch andere Speicherbetreiber wiesen gegenüber energate auf eine zunehmende Investorenskepsis in Bezug auf den deutschen Batteriespeichermarkt hin.
Ein wesentlicher - aber nicht alleiniger - Auslöser sind die Pläne der Bundesnetzagentur (BNetzA), die Netzentgeltbefreiung für neue Batteriespeicher an eine finale Investitionsentscheidung (FID) zu knüpfen. Die Debatte ist kontrovers, weil die Behörde zu Beginn des Jahres die Netzentgeltbefreiung komplett infrage gestellt hatte. Nach zum Teil heftigen Branchenwiderständen entschied sich die Bundesnetzagentur für den Kompromiss mit dem FID. Doch dieser Teilsieg der Batteriespeicherbranche entpuppt sich nun als weitere Unsicherheit in dem Dauerkonflikt um den Vertrauensschutz.
Laut AgNes-Festlegungsentwurf soll die gesetzliche Netzentgeltbefreiung nur noch für Speicher gelten, die bis zum 4. August 2029 in Betrieb gehen und deren Betreiber bis Jahresende einen FID getroffen haben. Als FID gilt, wenn ein Betreiber mindestens 50 Prozent des Investitionsvolumens durch verbindliche Komponentenbestellungen gebunden hat und sich davon nicht ohne "wesentlichen Vermögensschaden" lösen kann. Als wesentlich gilt ein drohender Schaden von mindestens 25 Prozent des Investitionsvolumens, etwa durch Vertragsstrafen. Planungen, unverbindliche Verhandlungen oder Reservierungen genügen nicht. Betreiber müssen die FID bis zum 31. März 2027 gegenüber dem Netzbetreiber nachweisen.
Warum Investoren zögern
Das Ziel, den Vertrauensschutz auf fortgeschrittene Projekte zu begrenzen, stellten die von energate befragten Unternehmen nicht infrage. Ihre Kritik gilt insbesondere dem Zeitplan. Verbindliche Komponentenbestellungen erfolgten bei projektfinanzierten Speichern üblicherweise erst kurz vor dem Financial Close, sagte Thomas Antonioli, Geschäftsführer der Berliner Terra One. Wer die Bestellungen in Folge der FID-Regelung stattdessen auf Ende 2026 vorziehe, trage höhere Preis-, Liquiditäts- und Beschaffungsrisiken, warnte Antonioli.
Eco-Stor-Geschäftsführer Georg Gallmetzer warnte, dass somit viel Eigenkapital gebunden werde, bevor die finale Finanzierung stehe. Wer hingegen abwarte, riskiere den Verlust des Vertrauensschutzes. Marie-Sophie Braun, Head of Markets & Regulatory Affairs bei der Total-Tochter Kyon Energy, sieht daher besonders kleinere Akteure ohne bestehende Lieferantenbeziehungen unter Druck. Denn kleinere Branchenteilnehmer können nicht auf existierende Netzwerke zurückgreifen und brauchen deshalb üblicherweise mehr Zeit. Auf der Fachtagung "Energiespeicher 2026" in Düsseldorf wurde daher auch die Frage gestellt, ob es sinnvoll sei, die Netzentgeltbefreiung vor allen den Platzhirschen zu überlassen.
Sind die Vorgaben rechtssicher?
Überhaupt ist der Zeitplan von Ungewissheiten geprägt, nicht zuletzt, weil die finale Festlegung noch überhaupt nicht vorliegt. Die Unternehmen müssen Investitionen tätigen, obwohl der regulatorische Rahmen noch nicht feststeht. Und das während eines Prozesses, bei dem sich die Rahmenbedingungen bereits mehrfach verändert haben.
Der britische Energiekonzern VPI hält zudem die Schadensschwelle von 25 Prozent - also den "wesentlichen Vermögensschaden" - für weit überzogen. Marktüblich seien fünf bis zehn Prozent. Die Briten warnten daher vor einem Konflikt mit der Rechtsprechung zu Paragraf 343 des Bürgerlichen Gesetzbuches.
Auch ein weiteres Detail bereitet den Speicherbetreibern Kopfzerbrechen: Die Nachweise prüfen die Netzbetreiber, die dafür laut Eco-Stor-Geschäftsführer Gallmetzer weder personell noch prozessual gerüstet seien. Außerdem sind oft die partnerschaftlichen Beziehungen zwischen Speicher- und Netzbetreiber oft vorbelastet, wie auch in Düsseldorf während der Speichertagung immer wieder deutlich wurde. Mehrfach fiel der Begriff einer notwendigen "Paartherapie" zwischen den Akteuren.
Summe der Unsicherheiten entscheidend
Für Investoren zähle zudem die Summe der Belastungen, betonte die Allgäuer Green Flexibility: Netzentgelte, flexible Netzanschlussvereinbarungen (FCA), Baukostenzuschüsse und weitere Vorgaben wie die technischen Anschlussbedingungen summierten sich. Die Masse der verschiedenen Maßnahmen führe dann irgendwann zu einem Kipppunkt, an dem das Investitionsrisiko zu groß werde, war in Düsseldorf zu hören.
Terra One beschrieb den Blick ausländischer Investoren auf die deutsche Regulierung daher als "sehr kritisch". Das Zusammenspiel der genannten Faktoren verfestige den Eindruck eines hohen regulatorischen Risikos. Ein Risiko, das in der Folge hohe Anforderungen an Rendite und Finanzierung nach sich ziehe.
Gallmetzer nannte Vertrauensschutz deshalb "keinen Branchensonderwunsch", sondern Voraussetzung dafür, dass Kapital weiterhin in den deutschen Markt investiert werde. Doch bereits heute gibt es erste Anzeichen, dass Investoren zunehmend mit Skepsis nach Deutschland blicken. So erklärte etwa VPI, dass internationale Investoren in Deutschland bereits zurückhaltender agierten und sich stärker in anderen Märkten engagierten.
BNetzA will Realisierungsstand schützen
Die BNetzA verwies auf Anfrage auf die notwendige Abwägung beim Vertrauensschutz. Die Beschlusskammer habe entschieden, ihn nur Anlagen zu gewähren, die bei Bekanntgabe bereits eine FID getroffen und im Vertrauen auf die bisherigen Regelungen finanzielle Verpflichtungen eingegangen seien. Damit werde ein hinreichend konkreter Realisierungsstand geschützt. Wer erst danach entscheide, könne die neuen Bedingungen einkalkulieren.
Auf der Speichertagung des Handelsblatts ergänzte Sebastian Kramer, Referent bei der BNetzA, dass es darum gehe, Netzkosten auf mehr Schultern zu verteilen. Weitere Projekte noch durch die Tür zu lassen, sei auch ein Problem für Verbraucher, die diese Kosten am Ende tragen.
Dass Speicher ohne Befreiung nicht automatisch unwirtschaftlich werden, räumten auch die befragten Unternehmen ein. Eco Stor bezifferte die Wirkung der Speichernetzentgelte auf rund einen Prozentpunkt Rendite. VPI rechnet bei einem 60-MW-Projekt mit Mehrkosten von mehr als 8 Mio. Euro. Auch Terra One hält das Risiko, die FID-Anforderungen zu verfehlen, grundsätzlich für verkraftbar. Kritisch werde es hingegen in Zukunft bei Projekten mit hohem Baukostenzuschuss in Kombination mit restriktiven FCA.
Verschiebung denkbar?
Auch in Düsseldorf waren die FID-Anforderungen Dauerbrenner der Diskussionen. Mit Blick auf den engen Zeitplan und die knappe Umsetzungsfrist sprach BVES-Geschäftsführer Urban Windelen von einer "objektiven Unmöglichkeit". Er deutete aber an, dass die BNetzA ihm gegenüber Bereitschaft gezeigt habe, die FID-Frist nach hinten zu verlegen.
BNetzA-Referent Sebastian Kramer wollte dies zwar nicht bestätigen, machte aber auch keine Anstalten, sie zu widerlegen. Er verwies aber mehrfach darauf, dass das Verfahren noch nicht abgeschlossen sei und die BNetzA die zahlreichen Stellungnahmen zu dem Thema auswerte. /rh