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Netz voll: Gaskraft als Lösung für neue Rechenzentren

Essen (energate) - Die Bundesregierung will die Rechenzentrumskapazität bis 2030 verdoppeln. Doch mit den heutigen Netzkapazitäten und Anschlussprozessen ist das kaum realisierbar. Das sagte Günter Eggers, Director Public beim Rechenzentrumsbetreiber NTT Global Data Center, im energate-Interview. Er ist auch Vorstandsvorsitzender des Verbands German Datacenter Association (GDA). Doch eine Lösung gäbe es aus seiner Sicht: Den benötigten Strom vor Ort selbst erzeugen. Das gehe "mit Gas als Brücke, bis der notwendige Netzausbau erfolgt ist". Damit liegt Eggers auf der Linie der Bundesregierung. In der im März beschlossenen Rechenzentrumsstrategie bringt der Bund auch fossile Lösungen ins Spiel. Bereits damals stellten der Erneuerbarenverband BEE und die Grünen die Nachhaltigkeitsambitionen der Regierung infrage. Denn die zweite Lösung, die Eggers ins Spiel brachte, dürfte ebenfalls nicht gefallen: Nämlich neue Projekte im Ausland statt in Deutschland umsetzen.

 

Internetanbindung als X-Faktor

 

Dabei ist der Stromhunger von Rechenzentren gigantisch. Das Beratungsunternehmen Capgemini kam in einer Analyse zu dem Ergebnis, dass der weltweite Stromverbrauch sich allein durch Rechenzentren in den kommenden fünf Jahren verdoppeln wird. Das fordert die Netzbetreiber, in Deutschland kommt es rund um Frankfurt und im Großraum Berlin bereits zu Engpässen: Das Netz des hessischen Verteilnetzbetreibers Syna ist über Jahre ausgebucht, Stromnetz Berlin reagierte mit der Umstellung des Netzanschlussverfahrens vom Windhund- auf das Repartierungsverfahren. Anders als beim Stromnetzanschluss gibt es beim Gasnetzanschluss aber noch Kapazitäten - auch deswegen schielen die Betreiber der Data-Center auf die Gaskraftwerke.

 

Mit einer Entspannung ist dabei nicht zu rechnen. Colocation-Rechenzentren - also solche, in denen Unternehmen wie NTT Global Data Center die Infrastruktur für Fremdfirmen anbieten - sind darauf angewiesen, an möglichst schnellen Internet-Knotenpunkten angebunden zu sein. Deutschland verfügt in Frankfurt mit dem DE-CIX über den größten Internetknoten der Welt. Dementsprechend ballt sich dort die Ansiedlung. Mit einer besseren geografischen Verteilung ist daher nicht zu rechnen. Die Probleme mit knappen Netzanschlusskapazitäten und fehlendem Strom werden sich in den kommenden Jahren also weiter verschärfen.

 

Widerstand gegen Gaskraftwerke in Deutschland

 

"Nicht vorhandene Netze treffen auf einen massiven Anstieg des Strombedarfs bei zunehmender Volatilität des wachsenden regenerativen Angebots", sagte auch der 2G-Energy-Vorstandsvorsitzende Pablo Hofelich gegenüber energate. Sein Unternehmen baut in den USA derzeit Gaskraftwerke im dreistelligen Megawattbereich, speziell für Rechenzentren. Auch Deutschland ist aus Sicht von Hofelich prädestiniert für einen massiven Ausbau an Rechenzentrumskapazität. "Gerade mit unseren vielen mittelständischen Hidden Champions wird der KI-Bedarf in den nächsten Jahren enorm wachsen."

 

Erste Projekte dieser Art gibt es in Deutschland auch bereits. So plant etwa der US-Betreiber Cyrus One zusammen mit Eon ein eigenes Energiesystem für die kombinierte Erzeugung von Strom, Wärme und Kühle. Der Brennstoff für die Eigenproduktion ist dabei Erdgas. Ein geplantes Motorenkraftwerk der Kraftwerke Mainz-Wiesbaden soll künftig die Notstromversorgung des anliegenden Rechenzentrums Green Rocks absichern. Die immissionsschutzrechtliche Genehmigung hat der Betreiber vor Kurzem erhalten.

 

Doch in Deutschland regt sich Widerstand gegen die Versorgung der Infrastrukturprojekte mithilfe von Gaskraftwerken. Im hessischen Maintal wollte die US-Firma Edgeconnex ein geplantes Rechenzentrum im Inselbetrieb mit einem Gaskraftwerk mit Strom versorgen. Das Vorhaben scheiterte letztlich an den Protesten von Anwohnern und einem Teil der Stadtverordnetenversammlung. Sie befürchteten mehr Lärm, ein erhöhtes Sicherheitsrisiko sowie einen erheblichen CO2-Ausstoß. Die Bedenken sind nicht unbegründet. Eine Studie des Kreditversicherers Allianz Trade kam zu dem Schluss, dass der Rechenzentrums-Boom auch die Emissionen schnell ansteigen lassen könnten. Demnach verursachen diese weltweit bereits erheblich mehr CO2-Emissionen als frühere Schätzungen angenommen hatten. 

 

Eggers: Akzeptanz als Schlüsselfaktor

 

Sorgen, die aus Sicht von Günter Eggers ernst genommen werden müssen. Er bezeichnete die Akzeptanz vor Ort als wichtigsten Schlüsselfaktor für das Gelingen des Rechenzentrums-Boom neben der Stromerzeugung. Aus seiner Sicht profitiere von der Wertschöpfung die ansässige Kommune zu wenig. "Die Gewerbesteuer wird nach Arbeitslöhnen zerlegt, und weil Rechenzentren meist wenig Personal vor Ort haben, kommt bei der Standortkommune kaum etwas an", sagte der GDA-Vorstandsvorsitzende.

 

Er unterstrich auch, dass der Inselbetrieb eines Kraftwerks immer als Übergangslösung verstanden werden müsse. "Bis der Netzausbau weit genug ist, um den Bedarf wieder aus dem Netz zu decken", so Eggers. 2G-Vorstand Hofelich sah das Akzeptanzproblem pragmatischer. Er stellte die Frage, wie künftig Politik, Gesellschaft und die deutsche Wirtschaft den in der Rechenzentrumsstrategie vorgesehenen Hochlauf gegen die temporäre Nutzung von Erdgas abwägten. "Deutschland muss sich ehrlich machen, dass es in den nächsten Jahren nicht komplett ohne Erdgas gehen wird. Andernfalls verpassen wir den Anschluss", so seine Warnung.

 

Verliert Deutschland den Anschluss?

 

Der Anbieter von Rechenzentrumsdienstleistungen Telemaxx Telekommunikation brachte hingegen noch einen anderen Aspekt in die Diskussion ein. Das Unternehmen warb dafür, Rechenzentren nicht anhand des sogenannten Power-Usage-Effectiveness-Wertes (PUE) zu bewerten. Dieser definiert das Verhältnis der gesamten aufgenommen Energie, inklusive der Kühlung und Beleuchtung, zu der Energie, die von der reinen IT-Infrastruktur verbraucht wird. Laut dem Energieeffizienzgesetz (EnEfG) müssen Neubauten ab Juli 2026 einen PUE-Wert von maximal 1,2 erreichen, was als sehr effizient gilt.

 

Jan Lange, CEO von Telemaxx Telekommunikation, hält es stattdessen für entscheidend, wie Politik und Branche die Leistungsfähigkeit moderner Rechenzentren künftig bewerten. Ein hervorragender PUE-Wert nütze wenig, wenn das Vorhaben "aufgrund regulatorischer Vorgaben nicht wirtschaftlich betrieben oder nicht bedarfsgerecht ausgebaut werden kann", so Lange. Wer den Standort Deutschland stärken wolle, sollte deshalb nicht immer neue Einzelvorgaben schaffen, sondern Rahmenbedingungen, die Innovation ermöglichen. Die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands hänge zunehmend davon ab, wie schnell neue Rechenzentrumskapazitäten entstehen können.

 

Solar- und Wind keine Alternative

 

Klar ist für Günter Eggers hingegen, dass eine Versorgung über eigene Solar- und Windenergieanlagen keine Option darstellt. Dafür seien die Größenordnungen der Rechenzentren zu groß und die Volllastfähigkeit der Erneuerbaren zu klein. Rechenzentren verfügen über ein konstantes Lastprofil. Colocation-Anbieter wie NTT Global Data Center sichern darüber hinaus ihrer Kundschaft eine feste IT-Leistung zu. "Kunden, die bei Knappheit 20 Prozent weniger Leistung akzeptieren, kennen wir bisher nicht", sagte Eggers. /rh

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