nEHS-Auktionen sorgen für Unzufriedenheit
Essen (energate) - Der Mittelstand hadert mit dem nationalen Emissionshandel und den kürzlich erfolgten ersten Auktionen. Zwar stehen diese formal allen offen, das gelte aber nur auf dem Papier, beklagen insbesondere kleinere Unternehmen. "Leider ist genau das eingetreten, wovor wir schon frühzeitig gewarnt haben: Es war keine richtige Auktion und der Mittelstand muss einige Hürden überwinden, um überhaupt erfolgreich daran teilnehmen zu können", schreibt vor diesem Hintergrund Thomas Johannsen, Geschäftsführer des Dachverbandes Mittelständische Energiewirtschaft Deutschland (MEW), in einem Gastkommentar für energate. Das Problem sind aus seiner Sicht vor allem die hohen Sicherheiten, die Unternehmen dabei hinterlegen müssen. "Das bindet Liquidität, verursacht Finanzierungskosten und benachteiligt diejenigen, die nicht über große Treasury-Abteilungen verfügen", so Johannsen. Verbunden mit dem Risiko, gar nicht oder nur zum Teil zum Zug zu kommen.
Erste Auktion deutlich überzeichnet
Jahrelang hat die zuständige Börse EEX die Zertifikate zu Festpreisen verkauft. Nach dem politisch gewollten Systemwechsel waren die ersten beiden Auktionsrunden erheblich überzeichnet, beim zweiten Termin am 9. Juli erhielt nur rund jedes 17. Gebot einen Zuschlag. Dabei wurde der Maximalpreis von 65 Euro pro Zertifikat ausgereizt. Alle wollen möglichst schnell zum Zuge kommen und bieten entsprechend hoch. Bei hoher Nachfrage wird die Ausgabe der Zertifikate automatisch erhöht, was zu weniger Ausschreibungen statt der geplanten 18 Runden führen könnte ("65-Euro-Regel"). Im Anschluss können die Unternehmen unbegrenzt zu dem höheren Preis von 68 Euro pro Zertifikat nachkaufen.
Mit Blick auf die ersten Ergebnisse und die niedrigen Zuteilungsquoten sei die Kritik vieler Mittelständler nachvollziehbar, sagte Philipp Heilmann, Geschäftsführer von Emissionshaendler.com, zu energate. Volkswirtschaftlich überrasche das Ergebnis der ersten Auktionen indes kaum. "Trifft eine gesetzlich begrenzte Angebotsmenge auf einen offensichtlich zu niedrigen Höchstpreis, entsteht zwangsläufig eine Überzeichnung", ordnete Heilmann ein. Erleichterungen bei Sicherheiten oder Margining - wie etwa der MEW es fordert - würden das Problem aus seiner Sicht jedoch eher verschärfen. "Hiervon würden vor allem bonitätsstarke Marktteilnehmer profitieren, die dann deutlich über ihren Jahresbedarf bieten würden", so Heilmann.
Wie geht man mit spekulativem Handel um?
Das könnte verstärkt auch spekulative Marktteilnehmer auf den Plan rufen. Also Akteure, die eigentlich zum Erwerb von Zertifikaten für die Erfüllung ihrer gesetzlichen Vorgaben gemäß dem Brennstoffemissionshandelsgesetz (BEHG) gar nicht verpflichtet sind. Dass diese überhaupt teilnehmen dürfen, ist für MEW-Geschäftsführer Johannsen ein grundsätzlicher Fehler im Auktionsdesign. Denn so könnten alle an der EEX zugelassenen Unternehmen Zertifikate erwerben und - mit Marge - im Sekundärmarkt wieder verkaufen. Eine Entwicklung, die aus seiner Sicht nicht im Sinne des Erfinders sein kann.
"Solange nEZ handelbar sind, wird auch spekulative Nachfrage einen Weg finden", kommentierte Heilmann dazu. Eine wirksame Begrenzung wäre nur durch erhebliche Einschränkungen der Handelbarkeit möglich, was wiederum mit deutlichen Nachteilen auch für verpflichtete Unternehmen einhergehen würde. Denn dann könnten diese womöglich auch ihre zum Festpreis gekauften Übermengen nicht mehr aussteuern. Auch der Ausschluss nicht verpflichteter Teilnehmer wäre für den Handelsexperten "kein Allheilmittel".
EEX: Können und wollen niemanden außen vor lassen
Zumal dieser Ausschluss auch rechtlich schwierig werden könnte. "Die EEX kann und will keine Teilnehmergruppen außen vor lassen", antwortete eine Börsensprecherin dazu auf energate-Nachfrage. Denn dies widerspreche dem Prinzip eines diskriminierungsfreien Zugangs zum Marktplatz. Auch bei den Rahmenbedingungen für die Auktion habe die Energiebörse wenig Spielraum. Denn sowohl die Versteigerungsmenge als auch das Auktionsdesign ergeben sich direkt aus den gesetzlichen Vorgaben des BEHG und der Brennstoffemissionshandelsverordnung (BEHV). Die Sprecherin verweist dazu konkret auf Paragraf 5 BEHV, der die Zugangsbedingungen regelt.
Lösung: Handel über Dienstleister?
Um den Schmerzpunkten der Mittelständler und kleineren Akteure zu begegnen, schlägt die EEX stattdessen vor, den Handel outzusourcen und über Dienstleister, sogenannte Intermediäre, abzuwickeln. Sowohl im europäischen Emissionshandel als auch im nEHS habe sich gezeigt, dass dies für kleine und mittlere Unternehmen (KMU) sinnvoll sein kann und auch schon "von einer Vielzahl an verpflichteten Unternehmen genutzt wird". Diese Dienstleister übernähmen dann auf Wunsch auch eine Vorfinanzierungsfunktion und lösten damit das Liquiditätsproblem. Diese wichtige Rolle solcher Akteure belege auch der aktuelle Report der Europäischen Wertpapier- und Marktaufsichtsbehörde ESMA, der jüngst erschienen ist.
Für MEW-Geschäftsführer Johannsen ist das keine Lösung, wie er gegenüber energate sagte: "Das bringt nicht viel, außer dass man als indirekter Teilnehmer keine Händlerausbildung mit Zertifikat machen muss, um überhaupt zugelassen zu werden." Die Hinterlegung der 100-Prozent-Absicherung für die Gebotsmenge bleibe hingegen gleich beziehungsweise sei teilweise sogar einen Tag früher beim Intermediär zu hinterlegen. "Darüber hinaus könnte es ein Kreditrisiko mit dem Intermediär geben, was man auch irgendwie managen muss", so Johannsen.
Novelle steht bevor
Die Auktionen für nEHS-Zertifikate finden wöchentlich mittwochs von 13 bis 15 Uhr an der EEX statt. Die durchschnittliche Zuteilungsrate sank in den ersten beiden Runden von 7,32 auf 5,96 Prozent. "Und es wird auch nicht besser", ordnete Dominik Trisl vom Datenplattformbetreiber Q-Bility ein.
Parallel dazu befindet sich gerade die BEHG/BEHV-Novelle in der Öffentlichkeitsanhörung. "Die Politik sollte deshalb zunächst die Lehren aus den ersten Auktionen abwarten", fordert Heilmann. Der aktuelle Entwurf sieht bei gleichbleibendem Preiskorridor von 55 bis 65 Euro einen höheren "Überschussmengenpreis" vor - statt 68 Euro können Unternehmen dann zu 73 Euro nachkaufen. Die Folge davon wäre, dass mehr mittelständische Unternehmen ihren Bedarf erst im anschließenden Festpreisverkauf zu 73 Euro je Zertifikat decken müssten. "Das käme für viele Unternehmen und letztlich auch für Verbraucher einer CO2-Preiserhöhung durch die Hintertür gleich", so der Handelsexperte. /ml/mt