Leere Gasspeicher: Händler stärker verpflichten?
Berlin (energate) - Mit dem Ende der jüngsten Hitzeperiode rücken die leeren Gasspeicher wieder ins Bewusstsein. Denn die deutschen Erdgasspeicher sind derzeit nur zu gut 50 Prozent gefüllt. Genau lag der Füllstand am 19. August laut den Daten der Transparenzplattform Agsi bei 50,06 Prozent. Das markiert einen historischen Tiefpunkt zu dieser Jahreszeit. Nun werden in der Branche die Stimmen lauter, die Händler stärker in die Pflicht zu nehmen.
"Der Gesetzgeber sollte Händler verpflichten, ausreichende Mengen über Speicher bis zum Winterende abzusichern", wird Matthias Jenn, Vorstandsvorsitzender des Verbands der Fernleitungsnetzbetreiber (FNB Gas), in einer Mitteilung zitiert. Auch Bundesnetzagenturpräsident Klaus Müller äußerte sich jüngst über das soziale Netzwerk Linkedin in einer ähnlichen Richtung: "Aktuell sind rund 123,4 TWh eingespeichert, was uns aber nicht zufriedenstellen kann. Darum ist es wichtig, dass die Gashändler ihrer Verantwortung gegenüber ihren Kunden für den Winter nachkommen", schrieb Müller.
FNB Gas für Lieferantenverpflichtung
Dass die Fernleitungsnetzbetreiber sich an der Stelle mehr Verantwortlichkeit aufseiten der Händler wünschen, ist nicht neu. Schon 2025 hatte der Verband für eine Art Lieferantenverpflichtung geworben. Dabei sollten Gashändler und -versorger dazu verpflichtet sein, einen bestimmten Anteil des Verbrauchs der von ihnen belieferten Endkunden zu bestimmten Stichtagen oder für eine bestimmte Lieferdauer in den Speichern vorzuhalten. Abgeleitet aus den Standardlastprofilen der zumeist geschützten SLP-Kunden rechnete der Verband im vergangenen Jahr mit einer Menge von 43 Mrd. kWh, die vorzuhalten seien, um einen maximalen Gasverbrauch über einen Zeitraum von 30 Tagen abzusichern.
Neben der Lieferantenverpflichtung hatte sich der FNB Gas auch damals schon für eine Speicherreserve eingesetzt. Dass diese kommen soll, steht mittlerweile fest - allerdings erst ab 2027 und das entsprechende Gesetz hatte sich jüngst erst wieder verzögert. Vor diesem Hintergrund waren in der Branche die Diskussionen wieder aufgeflammt, ob denn die Bundesregierung nicht eingreifen müsste. "Ich finde es doch fragwürdig, wie man politisch mit solchen Gasspeicherständen in den Herbst gehen kann", schrieb etwa Energie-Blogger Marcel Linnemann bei Linkedin. Er bezog sich insbesondere auf den niedersächsischen Speicher Rehden. Der größte deutsche Erdgasspeicher ist aktuell gerade einmal zu 7,65 Prozent gefüllt. Linnemann betitelte die Befüllung auf die gesetzlich vorgeschriebenen 71 Prozent bis zum 1. November mit "mehr als sportlich".
Gesetzliche Füllstandsvorgabe kaum erreichbar
Der FNB Gas indes schreibt die 71-Prozent-Vorgabe sei "kaum noch erreichbar". Dafür, so der Verband, bräuchte es eine Einspeicherung von 1,2 TWh pro Tag. Das sei der höchste Wert, der im Markt je beobachtet wurde. Aktuell liegt die tägliche Einspeicherung laut des Verbands bei weniger als 0,5 TWh. Bleibt es dabei, wird der Füllstand zum Stichtag deutlich unter den 71 Prozent liegen. Problematisch ist auch der Blick über die Grenzen Deutschlands hinaus. Sowohl das Energiewirtschaftliche Institut (Ewi) als auch das Analysehaus ICIS kommen in aktuellen Einschätzungen zu dem Ergebnis, dass das Erreichen der europäischen Speicherziele bis zum Winter deutlich anspruchsvoller geworden ist. Ursache dabei ist auch der verschärfte Wettbewerb um LNG-Lieferungen. Dazu hatte der Energiedatenanbieter Montel kürzlich ermittelt, dass Europa ab sofort bis Oktober jeden Monat 142 Schiffsladungen LNG importieren müsste, um noch auf einen Speicherfüllstand von 80 Prozent bis zum 1. November zu kommen. In den vergangenen Monaten waren es im Schnitt nur jeweils 105 Schiffsladungen.
Politischer Druck nimmt zu
Gleichwohl nimmt der politische Druck für Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) zu. Diese hatte jüngst noch einem staatlichen Eingreifen vor der Wintervorsorge eine klare Absage erteilt. Nun hat sich auch Bayerns Wirtschafts- und Energieminister Hubert Aiwanger (Freie Wähler) nochmal mit einem Schreiben an die Bundeswirtschaftsministerin gewandt mit der Forderung, die Wintervorsorge jetzt konsequent und mit konkreten Maßnahmen vorzubereiten. "Gasversorgung ist keine Schönwetterveranstaltung. Wir müssen jetzt vorsorgen, solange noch Zeit ist. Der Bund muss die Entwicklung engmaschig beobachten und jederzeit in der Lage sein, gegenzusteuern, wenn die Einspeicherung nicht schnell genug vorankommt", schreibt Aiwanger darin.
Sonst bleibt am Ende doch nur der bange Blick auf das Wetter. Und an der Front könnte tatsächlich Ungemach drohen in Form von El-Niño-Nachwirkungen. Medienberichte zitieren Tim Hempel vom Deutschen Wetterdienst, der ausgeprägte Fernwirkungen im Spätwinter 2027 für möglich hält. Die kämen mit arktischen Kälteeinbrüchen daher, ausgelöst durch atmosphärische Wellen, die Mitteleuropa mit Verzögerung erreichen. Die Langfristmodelle für den Winter in Westeuropa zeigen aber wohl bislang eher das Gegenteil, nämlich einen deutlich zu milden Winter. /ml