Küstenländer fordern Kurswechsel bei Offshore-Auktionen
Berlin (energate) - Schleswig-Holstein, Niedersachsen, Hamburg und Bremen fordern ein neues Ausschreibungsmodell für Offshore-Windparks. Neue Flächen sollen direkt über Differenzverträge vergeben werden. Zudem wollen die Länder gefährdete Projekte neu ausschreiben und ausgefallene Auktionsvolumina nachholen. Mit diesem Maßnahmenpaket wollen sie vor allem einen Bruch der Projektpipeline verhindern. Einen entsprechenden Antrag zum Entwurf des Windenergie-auf-See-Gesetzes haben die Nordländer gemeinsam in den Bundesrat eingebracht, der wegen unterschiedlicher Ressortzuschnitte in den Ländern sowohl im Umwelt- als auch im Wirtschaftsausschuss der Länderkammer verhandelt wird. Das Papier liegt energate vor. Mecklenburg-Vorpommern werde sich dem Antrag anschließen, sagte Niedersachsens Energieminister Christian Meyer (Grüne) bei einer Pressekonferenz. Die Länder drängen auf eine Verabschiedung des Wind-See-Gesetzes bis Ende 2026, damit 2027 wieder erfolgreiche Ausschreibungen stattfinden können.
Bundesländer organisieren Branchendialog selbst
Die Pressekonferenz fand im Anschluss an einen Branchengipfel der Küstenländer statt. Daran nahmen Unternehmen entlang der Offshore-Wertschöpfungskette und Vertreter des Bundeswirtschaftsministeriums teil. Nach Angaben von Meyer und Schleswig-Holsteins Energieminister Tobias Goldschmidt (Grüne) richtete das Bundeswirtschaftsministerium solche politischen Offshore-Gespräche in früheren Legislaturperioden regelmäßig aus. In der laufenden Legislatur fänden sie nicht mehr statt. Die Länder hätten den Branchendialog daher ersatzweise organisiert.
Hintergrund ihres Vorstoßes ist der unvorteilhafte Verlauf der Ausschreibungen für Meereswindenergie in jüngerer Vergangenheit: Im Sommer 2025 waren zum ersten Mal keine Gebote eingegangen. Die Ausschreibungen 2026 wurden abgesagt. Die Küstenländer halten wie die Bundesregierung am Ziel von 70.000 MW Offshore-Leistung bis 2045 fest. Die ausgefallenen Mengen sollen über Sonderausschreibungen nachgeholt werden, fordern sie. Niedersachsens Energieminister Meyer warf der Bundesregierung vor, zu spät zu reagieren. "Wir erwarten von der Bundesregierung, dass nicht weiter getrödelt und weggeschaut wird", sagte er. Die Probleme seien seit anderthalb bis zwei Jahren bekannt. Mit Blick auf den mangelnden Austausch mit Ländern und Branche sprach er von einem "schlechten Regierungsstil".
Länder lehnen zweistufige Auktionen ab
Den größten Änderungsbedarf sehen die Länder beim Auktionsdesign. Die Bundesregierung schlägt ein zweistufiges Verfahren vor. Zunächst soll geprüft werden, ob sich Projekte ohne staatliche Absicherung vermarkten lassen. Erst danach soll eine Ausschreibung mit zweiseitigen Differenzverträgen folgen. Die Küstenländer wollen die erste Stufe streichen. Neue Projekte sollen direkt über Differenzverträge ausgeschrieben werden. Eine Kostenindexierung soll Preissteigerungen zwischen Zuschlag und Inbetriebnahme teilweise ausgleichen. Die Länder wollen damit die Realisierungswahrscheinlichkeit erhöhen und die Finanzierungskosten senken.
Auch Stefan Thimm, Geschäftsführer des Bundesverbands Windenergie Offshore (BWO), warnte bei der Pressekonferenz vor dem zweistufigen Modell. Die erste Stufe belohne besonders hohe Erlöserwartungen und niedrige Kostenannahmen. Die Realisierungswahrscheinlichkeit stehe dagegen nicht im Mittelpunkt. Bei Offshore-Projekten lägen zwischen Zuschlag und endgültiger Investitionsentscheidung regelmäßig drei bis fünf Jahre. In dieser Zeit könnten geopolitische Konflikte, Lieferengpässe und steigende Rohstoffpreise die Kalkulation verändern.
Das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie soll nach dem Willen der Länder zudem grundsätzlich alle benötigten Flächen voruntersuchen. Dadurch sollen Investitionsentscheidungen früher fallen. Für bereits bezuschlagte Flächen und kurzfristig anstehende Ausschreibungen sind Übergangsregeln vorgesehen.
Länder wollen Rückgabeoption schaffen
Ein weiteres Problem sind bereits bezuschlagte Projekte mit einem Volumen von 16.000 MW, deren Realisierung unsicher ist. Das geltende Recht sieht keine freiwillige Rückgabe der Flächen vor. Damit entsprechende Projekte doch noch realisiert werden können, wollen die Länder ein einmaliges Rückgabefenster schaffen. Bereits geleistete Zahlungen sollen beim Staat verbleiben. Hinzukommen soll ein spürbarer wirtschaftlicher Nachteil. Die Unternehmen sollen zudem nicht erneut auf dieselbe Fläche bieten dürfen. Auch der BWO hatte bereits einen Vorschlag zur Flächenrückgabe gemacht.
Es gehe nicht um Nachverhandlungen, betonte Meyer. Die Unternehmen müssten zeitnah entscheiden, welche Projekte sie bauen. Nicht realisierte Flächen müssten anschließend neu ausgeschrieben werden. "Man muss diese Flächen dann auch wieder freigeben", sagte Meyer. Andernfalls würden Flächen und Netzanschlusskapazitäten über Jahre blockiert. Schleswig-Holsteins Energieminister Goldschmidt kritisierte die bisherige Strategie des Bundes ebenfalls. Es sei keine Option, lediglich abzuwarten, ob die bezuschlagten Projekte gebaut würden.
Unter anderem drängt Total Energies derzeit auf eine Möglichkeit zur Rückgabe der Projektrechte, da das Unternehmen mindestens ein Vorhaben in der Nordsee nicht weiterverfolgen möchte. Jera Nex BP, das Joint Venture von BP und Jera für Offshore-Windenergieprojekte, sieht energate-Informationen zufolge seine Projekte in der deutschen Nordsee durch verspätete und weiterhin unsichere Netzanschlüsse gefährdet. Das Unternehmen lässt die Projekte aktuell ruhen und prüft nach eigenen Angaben alle Optionen.
Die Länder verlangen außerdem eine bessere Abstimmung zwischen Windparks und Netzanbindungen. Verzögerte Anschlüsse erschwerten Investitionsentscheidungen und langfristige Stromlieferverträge. Staat, Projektierer und teilweise auch Netzbetreiber hätten zu den Problemen beigetragen. Gegenseitige Schuldzuweisungen führten jedoch nicht weiter. Nun brauche es eine pragmatische Lösung.
Branche warnt vor wirtschaftlichen Schäden
Meyer bezifferte die zusätzlichen Stromkosten beim Ausfall von 4.000 MW bezuschlagter Leistung auf jährlich 2,2 Mrd. Euro. Der fehlende Strom müsste importiert oder zusätzlich in Kohle- und Gaskraftwerken erzeugt werden. Verluste bei Arbeitsplätzen, Steuereinnahmen und industrieller Wertschöpfung seien darin nicht enthalten.
Zudem könnten Zahlungen aus früheren Offshore-Geboten ausbleiben. Von insgesamt rund 10 Mrd. Euro sollten laut Meyer 90 Prozent zur Entlastung der Netzentgelte dienen. Bei einer Nichtrealisierung entfiele damit eine geplante Entlastung von rund 9 Mrd. Euro.
Thimm warnte vor dauerhaften Schäden für die Lieferkette. In der deutschen Offshore-Windindustrie seien derzeit 49.000 Menschen beschäftigt. Das entspreche 31.500 Vollzeitstellen. Bis 2045 könne die Zahl auf 120.000 Vollzeitstellen steigen. Dafür brauche die Branche eine verlässliche Projektpipeline. Die ausgefallenen Ausschreibungen hätten bereits Verzögerungen verursacht. "Wir können nicht verhindern, dass ein Schaden eintritt", sagte Thimm. "Wir können nur noch den Schaden reduzieren."
Weitere Forderungen der Länder betreffen einheitliche Vorgaben für den Rückbau von Offshore-Anlagen, eine Begrenzung von Konzentrationsrisiken bei einzelnen Projektierern und den Meeresschutz. Zudem verlangen die Länder bis Mitte 2027 eine Entscheidung über die künftige Offshore-Rettungsinfrastruktur. Diese soll über einen gemeinsamen Verband der Betreiber statt über eine gesamtschuldnerische Haftung organisiert werden. /mh