Kommunale Wärmeplanung: Eigentliche Bewährungsprobe beginnt
Magdeburg (energate) - Viele Städte und Gemeinden haben ihre kommunale Wärmeplanung abgeschlossen oder stehen kurz davor. Nach Einschätzung des Energiedienstleisters Getec beginnt damit jedoch erst die eigentliche Herausforderung. "Jetzt fängt die Arbeit erst richtig an", sagte Guido Zimmermann, CEO von Getec Deutschland, im Gespräch mit energate. Aus strategischen Konzepten müssten nun technisch und wirtschaftlich tragfähige Projekte entstehen. Entscheidend seien dabei die Verfügbarkeit geeigneter Wärmequellen, ausreichende Wärmedichte, verlässliche Abnehmer, eine tragfähige Finanzierung und eine klare Risikoverteilung.
Am 30. Juni endete die Frist für größere Kommunen: Städte mit mehr als 100.000 Einwohnern mussten bis dahin ihre Wärmepläne vorlegen. Die Bilanz fällt besser aus als zunächst erwartet. Von 83 Großstädten hatten 72 fristgerecht einen Wärmeplan vorgelegt, elf verfehlten die Frist. In den meisten Fällen war der Abschluss zum verpassten Stichtag jedoch für Juli oder August absehbar. Als Ursachen wurden unter anderem die aufwendige Datenerhebung und fehlende personelle Ressourcen genannt.
Über 1.200 fertige Wärmepläne
Auch bundesweit ist die Wärmeplanung weit fortgeschritten. Nach Angaben des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) lagen schon Anfang Juni 1.217 fertige Wärmepläne vor. Damit hatten mehr als 26 Prozent der Kommunen ihren ersten Wärmeplan abgeschlossen, weitere 41 Prozent befanden sich noch in der Bearbeitung. Für kleinere Kommunen gelten längere Fristen bis 2028. Die Ergebnisse zeigen jedoch ein sehr heterogenes Bild. In den Großstädten reichen die für das Zieljahr prognostizierten Wärmenetzanteile von acht bis 86 Prozent. Gleichzeitig unterscheiden sich die Rahmenbedingungen erheblich, etwa bei Wärmequellen, Siedlungsstrukturen und bestehenden Netzinfrastrukturen.
Damit ist die Aufgabe nicht abgeschlossen: Das Wärmeplanungsgesetz verlangt eine Umsetzungsstrategie, zudem müssen die Pläne mindestens alle fünf Jahre fortgeschrieben werden. Das Kompetenzzentrum Kommunale Wärmewende spricht deshalb von einer dauerhaften Transformationsverantwortung der Kommunen.
"Technische Lösung bekommt man hin"
Für den Getec-Deutschland-CEO liegt die größte Herausforderung dabei nicht in der Technik. "Technisch bekommt man meistens eine Lösung hin", so Zimmermann. Schwieriger sei die Finanzierung. Entscheidend sei, langfristig genügend verlässliche Wärmeabnehmer zu gewinnen. Als potenzielle Ankerkunden nennt er Krankenhäuser, Schulen oder Sporthallen. Kommunen müssten früh klären, ob sie die Wärmeversorgung selbst aufbauen und betreiben oder mit einem erfahrenen Partner umsetzen wollen.
Eine Schlüsselrolle spielt dabei die Wärmedichte. Wie wirtschaftlich ein Wärmenetz betrieben werden kann, hängt laut Zimmermann maßgeblich von den lokalen Gegebenheiten ab. Auch bei der Wärmequelle gebe es keine Standardlösung: Je nach Standort könnten industrielle Abwärme, Geothermie oder kalte Wärmenetze die beste Option sein. Hinzu kommen Fragen der Förderung, des Eigenkapitals und der langfristigen finanziellen Leistungsfähigkeit des Betreibers.
Wärmenetz nicht immer wirtschaftlich
Dass verfügbare Wärmequellen allein noch kein wirtschaftliches Wärmenetz garantieren, zeigt eine Machbarkeitsstudie der Rhenag für den Windecker Ortsteil Dattenfeld. Trotz erneuerbarer Wärmequellen und potenzieller Großabnehmer erwies sich ein flächendeckendes Netz wegen der geringen Bebauungsdichte als unwirtschaftlich. In dichter besiedelten Gebieten kann die Bewertung dagegen anders ausfallen.
Getec setzt deshalb auf unterschiedliche Umsetzungsmodelle. Im Pioneer Park in Hanau wird die bestehende Versorgung aus drei dezentralen Blockheizkraftwerken schrittweise um Wärmepumpen, einen Eisspeicher und eine Biomasseoption erweitert. In Böhlen entsteht nach der Stilllegung eines Braunkohlekraftwerks für die Kommune und zwei kommunale Wohnungsbaugesellschaften als Ankerkunden eine neue Heizzentrale mit Biomasse und Wärmepumpe. Beim Projekt Josef nahe Bayreuth setzt Getec auf ein kaltes Wärmenetz mit rund 170 Erdsonden.
Wer trägt welches Risiko?
Eine zentrale Frage ist dabei die Verteilung der Risiken. Getec könne Entwicklungs-, Planungs-, Bau- und Investitionsrisiken ebenso übernehmen wie Betriebs-, Verfügbarkeits- und Performancerisiken. "Was wir nicht so gerne machen, ist die Abnahmegarantie, weil wir diese nur schwer beeinflussen können", sagte Zimmermann. Hier seien Kommunen, Stadtwerke oder andere Partner mit bestehenden Kundenbeziehungen gefragt.
Für Kommunen stelle sich früh die Frage nach dem späteren Betreiber eines Wärmenetzes. Spätestens mit Beginn der konkreten Umsetzung müsse diese Entscheidung getroffen sein. "Bis dahin muss auch die Finanzierung stehen. Ohne Finanzierungsplan beginnt man nicht richtig mit der Umsetzung", so Zimmermann. Getec sieht sich dabei als potenziellen Umsetzungspartner. Nach eigenen Angaben betreibt das Unternehmen bereits mehr als 700 Wärmenetze, hat zahlreiche davon selbst errichtet und verfügt über ein eigenes Engineering-Team.
Regulatorische Lücken
Handlungsbedarf sieht Zimmermann noch beim regulatorischen Rahmen. Moderne Wärmenetze auf Basis erneuerbarer Energien und Abwärme umfassen zunehmend mehrere Erzeugungsanlagen und verschiedene Akteure. Die AVBFernwärmeVO orientiere sich dagegen noch weitgehend am klassischen Modell eines einzelnen Wärmeerzeugers, der zugleich Netzbetreiber und Vertragspartner der Kunden ist. Erforderlich seien daher neue Rollen- und Vertragsmodelle zwischen Netzbetreibern, Wärmeversorgern und Wärmeeinspeisern. Auch das Wärmeliefercontracting hält Zimmermann insbesondere für kleinere Nahwärmelösungen für wichtig. Es könne Kommunen helfen, die notwendigen Investitionen zu stemmen. Die bestehenden Regelungen seien jedoch unter dem Leitbild der Kostenneutralität entstanden und würden den höheren Investitionen in erneuerbare sowie strombasierte Wärmeerzeugung nur begrenzt gerecht.
Für Zimmermann entscheidet letztlich nicht die technische Machbarkeit über den Erfolg der Wärmewende. Die zentrale Frage laute vielmehr: "Wer finanziert wie und wo was?" Je nachvollziehbarer Finanzierung und Risikoverteilung organisiert seien, desto größer seien die Chancen, Wärmeprojekte erfolgreich umzusetzen. /tc
Das Interview mit Guido Zimmermann lesen Sie im Add-on Gas & Wärme.