Kapazitätslimits treffen nur sechs Prozent der Umspannwerke
Berlin/Bonn (energate) - Das Bundeswirtschaftsministerium bringt nach Monaten der Ungewissheit und intensiven Auseinandersetzungen Transparenz in die Ausweisung kapazitätslimitierter Netzgebiete. Eine Analyse des Beratungsunternehmens E-Bridge Consulting im Auftrag des Ministeriums zeigt, dass deutschlandweit rund sechs Prozent der Umspannwerke für Windenergie- und rund fünf Prozent der Umspannwerke für Photovoltaikanlagen kapazitätslimitiert sind. Die zugrunde liegende Auswertung wurde im Rahmen einer Stakeholder-Präsentation am 8. September in Berlin vorgestellt, die Ergebnisse im Laufe des 10. Septembers veröffentlicht. energate hatte die Möglichkeit, vorab und exklusiv die Analyse zu begutachten.
Der Bericht zeichnet ein deutliches Bild. 94 Prozent der Umspannwerke in Deutschland sind demnach nicht kapazitätslimitiert für Windenergie. Bei den ausgewiesenen Windvorranggebieten sind 70 Prozent der noch unbebauten Flächen an ein Umspannwerk angeschlossen, das keine Kapazitätsengpässe aufweist. Dementsprechend stehe diese Anzahl für den weiteren Windausbau wie bisher zur Verfügung.
Weitere 24 Prozent der Windvorranggebiete seien zwar bereits mit Anlagen bebaut und ebenfalls einem nicht kapazitätslimitierten Umspannwerk zugeordnet. Diese stünden jedoch wie bisher für Repowering zur Verfügung und fielen ebenfalls nicht unter das neue Steuerungsinstrument. Lediglich zwei Prozent der bislang unbebauten und vier Prozent der bereits bebauten Windvorranggebiete seien einem kapazitätslimitierten Umspannwerk zugeordnet.
Hotspots wesentliche Kostentreiber
Bei der Photovoltaik zeigt sich ein vergleichbares Muster. Die Kapazitätslimitierung beschränke sich auf wenige Netzgebiete mit begrenzter Aufnahmekapazität. Die räumliche Verteilung konzentriere sich auf Regionen, in denen "bereits heute dauerhaft hohe PV-Einspeisungen mit wiederkehrenden Netzengpässen zusammentreffen", heißt es in dem Bericht. Die Analyse belege somit, "dass der überwiegende Teil des Redispatch-Bedarfs nicht auf einen generellen Mangel an Netzkapazität zurückzuführen ist, sondern auf wenige lokale Netzabschnitte mit strukturell überdurchschnittlichen Abregelungsquoten konzentriert" sei. Bei der Windenergie sind das Umspannwerke vor allem in Norddeutschland, bei der Photovoltaik in Bayern. Die Ergebnisse entsprechen somit Aussagen des Wirtschaftsministeriums aus dem Mai. Damals prognostizierte das Ministerium, dass über ganz Deutschland nur Umspannwerke im einstelligen Prozentbereich für den Redispatch-Vorbehalt infrage kämen.
Diese Hotspots seien jedoch wesentliche Kostentreiber und maßgeblich für den Anstieg der Redispatch-Kosten verantwortlich. Laut der Analyse fanden 2025 neun Prozent des Erneuerbarenzubaus an bereits im Jahr 2024 kapazitätslimitierten Umspannwerken statt. Auf diese neun Prozent entfielen jedoch 72 Prozent des Anstiegs der Redispatch-Mengen, sie seien daher "zentraler Treiber steigender Systemkosten".
Instrument bremst Energiewende nicht aus
Henning Schuster, Geschäftsführer von E-Bridge Consulting und Gutachter des Bundeswirtschaftsministeriums, erklärte im Exklusivgespräch mit energate, dass gerade durch die lokale Konzentration der Kapazitätslimitierung erst ein Steuerungseffekt entstehe. Eben weil sich der überwiegende Anteil des Anstiegs der Redispatch-Mengen auf "identifizierbare Hotspots" konzentriere, ergebe sich die "Notwendigkeit einer räumlichen und zeitlichen Koordination von Netz- und Erneuerbarenausbau", so Schuster.
Aus seiner Sicht widerlegen die Daten daher auch das vielfach aufgeworfene Argument, dass die Ausweisung kapazitätslimitierter Gebiete die Energiewende bremse. Das Instrument schaffe "vielmehr Anreize für den Ausbau in Regionen, in denen zusätzliche Erzeugungskapazitäten einen hohen Systemnutzen haben". Auch erwiesen sich die Hotspots über mehrere Jahre hinweg als "bemerkenswert stabil". Für Projektierer und Investoren bestehe daher - anders als oft propagiert - Planungs- und Investitionssicherheit. Denn nach der Erteilung einer Anschlusszusage blieben die Bedingungen für das jeweilige Vorhaben über Jahre stabil.
BWE widerspricht
Der Bundesverband Windenergie (BWE) bezeichnete die Zahlen auf Anfrage von energate als "irreführend". Die Analyse sage "nichts darüber aus, ob der vorgesehene Redispatch-Vorbehalt das richtige Instrument ist". Aus Sicht des BWE spreche der Befund von Hotspots stattdessen für einen gezielten Netzausbau, Netzoptimierungen oder das Laden von Co-located-Batteriespeichern bei Redispatch in den betroffenen Regionen. Darüber hinaus basiere die Betrachtung auf singulären Daten aus dem Jahr 2024. Eine Zukunftsprognose sei daraus nicht abzuleiten, was - entgegen den Aussagen Schusters - zu massiven Auswirkungen auf die Planungssicherheit führe. "Der Redispatch-Vorbehalt baut auf dysfunktionalen Prozessen (Redispatch 2.0 und Reservierung von Netzanschlüssen) auf, weshalb der intendierte Vertrauensschutz ins Leere läuft und in Planung befindliche Projekte gefährdet sind", so ein BWE-Sprecher.
BDEW: Analyse nur ein erster Schritt
Kerstin Andreae, Vorsitzende der Hauptgeschäftsführung des Energieverbands BDEW, bezeichnete auf energate-Anfrage die veröffentlichten Daten als "wichtige Grundlage, um die möglichen Auswirkungen des geplanten sogenannten Redispatch-Vorbehalts besser einschätzen zu können". Der BDEW hatte in der Vergangenheit die Intransparenz der Datenverfügbarkeit scharf kritisiert. Andreae kündigte an, die getroffenen Annahmen nun zu prüfen. Sie stellte aber auch klar, dass die Analyse nur einen ersten Schritt in einem längeren Prozess darstelle. "Die dynamische Entwicklung der Netzanschlussbegehren sowie des Netzausbaus muss weiter beobachtet und abgebildet werden", so die BDEW-Chefin. Es müsse gelingen, die erhoffte Lenkungswirkung für den Netzanschluss neuer Erneuerbare-Energien-Anlagen zu erzielen, Kosten für Abregelungen deutlich zu dämpfen und gleichzeitig den Ausbau der erneuerbaren Energien sowie den Netzausbau voranzutreiben.
Außerdem stellte sie klar, dass neue Regelungen für den Netzanschluss nur eine Übergangslösung bis zum Ausbau der Netze seien. Planungs- und Genehmigungsverfahren für den Netzausbau müssten vereinfacht werden. "Netzausbauzeiten von zehn Jahren können nicht unser Anspruch sein."
Daten auf Grundlage der Jahre 2022 bis 2025 erhoben
Für die Analyse hat E-Bridge Consulting in gemeinsamer Abstimmung mit dem BDEW und den vom Redispatch betroffenen Hochspannungsnetzbetreibern Redispatch-Abrufe und Einspeise-Testate mit öffentlich verfügbaren Datenquellen verschnitten und analysiert. Auf dieser Grundlage wurden für die Jahre 2022 bis 2025 rund 3.000 Umspannwerke untersucht und danach bewertet, wie viel Energie wegen Redispatch nicht eingespeist werden konnte. Die Erzeugungsanlagen wurden jeweils dem geografisch nächstgelegenen Umspannwerk zugeordnet. Grundlage für die Prüfung waren die Redispatch-Abrufe des Vorjahres. Die präsentierten Daten basieren auf Analysen für das Jahr 2024. Zur Erinnerung: Als kapazitätslimitiert gilt laut Netzpaket ein Umspannwerk oder Leitungsabschnitt, wenn im Vorjahr eine Abregelungsquote des erzeugten Stroms von mehr als fünf Prozent vorherrschte. /rh
Die vollständige Analyse von E-Bridge finden Sie hier. Das Beratungsunternehmen hat außerdem ein Papier zu Priorisierungskriterien im Netzanschlussverfahren veröffentlicht. Dazu bald mehr auf energate-messenger.de