Großflächiger Angriff auf Stromleitungen im 50-Hertz-Netz
Jänschwalde/Berlin (energate) - Bislang unbekannte Täter haben das Übertragungsnetz von 50 Hertz angegriffen. An einem Umspannwerk in Turnow-Preilack in Brandenburg in der Nähe des Leag-Kraftwerks Jänschwalde wurde am Morgen des 1. September eine Sprengvorrichtung gefunden, wie ein Leag-Pressesprecher gegenüber energate bestätigte. In der Folge kam es zu einem technischen Ausfall von Block B im Kraftwerk, wie der Sprecher erklärte. Ein möglicher Zusammenhang werde derzeit noch geprüft. Parallel zur Schadensbehebung arbeite die Leag an der Wiederinbetriebnahme des Kraftwerksblocks, so das Unternehmen weiter. Unklar ist derzeit noch, um was für Sprengvorrichtungen es sich handelte. Ein 50-Hertz-Sprecher sprach gegenüber energate von "selbstgebauten Flugkörpern, die handelsüblichen Silvesterraketen ähneln". Das LKA Brandenburg widersprach jedoch dem Bericht. "Wir reden hier nicht von Raketen", erklärte eine Sprecherin gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters.
Brandenburgs Innenminister Jan Redmann (CDU) lieferte auf einer Pressekonferenz neue Details. Er sprach von "Treibsätzen", mit denen versucht wurde, "leitfähiges Material in die Höchstspannungsleitungen einzubringen, um einen Kurzschluss herbeizuführen". In zwei Fällen sei dies gelungen, in mehreren weiteren Fällen sei dies nicht gelungen. Derzeit sei die Anzahl der Versuche noch unbekannt, das Gelände werde noch abgesucht. Allerdings gehe er mittlerweile von einer zweistelligen Anzahl weiterer Vorrichtungen aus. "Dass es zu keinem Stromausfall gekommen ist, kann man angesichts der zahlreichen weiteren Versuche, die nicht geglückt sind, als vergleichsweise glimpflich bezeichnen", so der Innenminister.
50-Hertz-CEO Stefan Kapferer erklärte auf der Pressekonferenz, dass ein Versorgungsausfall auch deshalb verhindert werden konnte, weil der Anschlag an einem Tag mit viel Sonne und Wind verübt wurde. Die Einspeisung aus den Erneuerbaren wog damit den Ausfall des Kraftwerksblocks aus. Brandenburgs Energieministerin Martina Klement (CSU) hob deshalb die Bedeutung eines "Mix unterschiedlicher Energieträger" für die Energieresilienz hervor.
Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) verurteilte den Anschlagsversuch scharf. "Die besorgniserregend hohe Frequenz derartiger Vorfälle zeigt, dass wir unsere Infrastrukturen entschlossen schützen müssen." Wer versuche, kritische Infrastruktur zu sabotieren und das gesellschaftliche Leben zu lähmen, greife "uns alle an", so der Ministerpräsident.
Kurzfristige Leitungsunterbrechung
Es kam in der Folge der Angriffe zu einer kurzfristigen Leitungsunterbrechung, wie ein 50-Hertz-Sprecher erklärte. Mittlerweile seien alle Leitungen wieder in Betrieb. 50 Hertz versicherte, dass die allgemeine Stromversorgung derzeit nicht beeinträchtigt sei. Bei den laufenden Ermittlungen zur Aufklärung des Sachverhalts kooperiert der Netzbetreiber mit den Sicherheitsbehörden. Zudem bittet das Unternehmen die gesamte Bevölkerung um besondere Aufmerksamkeit. Verdächtige Personen und Vorkommnisse sollen der Polizei gemeldet werden.
Erinnerungen an Berlin und Garching
In den vergangenen Monaten kam es immer wieder zu Anschlägen auf kritische Infrastrukturen in Deutschland. Am 3. Januar 2026 war gegen 6 Uhr morgens ein Brand in einer Kabelbrücke über den Teltowkanal zum Kraftwerk Lichterfelde ausgebrochen. In der Folge brach die Stromversorgung nach dem mutmaßlichen Anschlag für mindestens 45.000 Haushalte und 2.200 Gewerbekunden im Südwesten Berlins zusammen. Der Stromausfall dauerte rund 100 Stunden und war damit der längste in der Berliner Geschichte nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Die linksextreme "Vulkangruppe" hatte sich zu dem Brandanschlag bekannt und in der Vergangenheit auch schon andere Anschläge auf Strominfrastruktur unternommen.
Auch in Bayern gab es in diesem Jahr einen Anschlag auf das Stromsystem. In der Nacht vom 24. auf den 25. Mai kam es zu einem mutmaßlichen Brandanschlag auf zwei Hochspannungsmasten der Bayernwerk Netz bei Garching nahe München. In der Folge waren rund 15.000 Haushalte für etwa 45 Minuten ohne Strom.
"Auffälligkeiten haben zugenommen"
In der Energiewirtschaft befeuerten die mutmaßlichen Anschläge unter anderem die Kritik an Transparenzpflichten für Betreiber kritischer Infrastrukturen. Eine Kritik, der sich Kerstin Andreae, Vorsitzende der BDEW-Hauptgeschäftsführung, anschloss. "Wir begrüßen, dass Transparenz und Offenlegungspflichten der kritischen Infrastruktur aktuell überprüft werden: Detaillierte Informationen und Pläne zu kritischen Infrastrukturen dürfen potenziellen Angreifern nicht frei zugänglich sein." Der BDEW kündigte in diesem Zusammenhang ein Maßnahmenpaket in Zusammenarbeit mit dem Bundeswirtschaftsministerium und der Bundesnetzagentur an.
Überhaupt habe die Häufigkeit von "Auffälligkeiten ohne unmittelbare Auswirkungen zugenommen", so Avacon-CEO Matthias Boxberger im energate-Interview. Dazu zählten Drohnensichtungen, Beobachtungen im Umfeld der Anlagen oder auffällige Fahrzeuge vor Umspannwerken. Zugleich registrierte der Avacon-Chef eine sich gesamtgesellschaftlich veränderte Bedrohungslage. Boxberger verwies etwa auf die "politische Großwetterlage" mit dem Krieg in der Ukraine.
Stefan Quandt, Oberstleutnant im Generalstabsdienst und Referatsleiter Analyse & Lagebeurteilung im Operativen Führungskommando der Bundeswehr, sagte dazu analog im energate-Interview, dass sich Deutschlands Stadtwerke auf einen Krieg vorbereiten müssten. "Stadtwerke sollten sich darüber im Klaren sein, dass sie Angriffsziel wären. Sie werden als verwundbarer Teil der Zivilgesellschaft gesehen", so Quandt. Die Energiewirtschaft und insbesondere die Stromversorgung seien zentral für die Resilienz des Staates. Falle der Strom aus, seien automatisch alle anderen Teile der kritischen Infrastruktur mit betroffen. "Je resilienter allerdings die Energieversorgung ist, desto glaubhafter können wir gesamtstaatlich abschrecken", so der Bundeswehr-Offizier. /rh