Erster Wasserstoff aus Lingen erreicht Marl
Münster/Essen (energate) - Im Wasserstoffprojekt Get H2 Nukleus ist am 4. August erstmals erneuerbar erzeugter Wasserstoff aus dem niedersächsischen Lingen bis zum Chemiepark Marl (NRW) transportiert worden. Damit arbeiten nach Angaben der Projektpartner erstmals Elektrolyse, Transportinfrastruktur und industrieller Abnehmer im Verbund zusammen. Der von RWE erzeugte Wasserstoff fließt über ein rund 120 Kilometer langes Leitungsnetz der Fernleitungsnetzbetreiber OGE und Nowega sowie der Evonik-Tochter Syneqt nach Marl und wird dort industriell genutzt.
"Mit dem Get H2 Nukleus gehen unsere ersten Wasserstoffleitungen in den Netzbetrieb", erklärte OGE-Chef Thomas Hüwener im Interview mit energate. "Wir können erstmals zeigen, dass die gesamte Wasserstoff-Wertschöpfungskette im industriellen Maßstab funktioniert." Grüner Wasserstoff werde in Lingen erzeugt, über das Leitungsnetz transportiert und im Ruhrgebiet industriell genutzt. "Damit lösen wir ein, was wir versprochen haben." Für OGE sei dies zugleich "der erste kommerzielle Wasserstofftransport in der Geschichte unseres Unternehmens".
Wasserstoff erfüllt RFNBO-Kriterien
Auch RWE wertet den Projektfortschritt als wichtigen Meilenstein. "Dass zertifiziert erneuerbarer Wasserstoff aus Lingen über Leitungen Marl erreicht, zeigt: Das Zusammenspiel funktioniert", sagte RWE-Generation-Vorstand Nikolaus Valerius. In den kommenden Monaten werde das Unternehmen die beiden Elektrolyseure mit jeweils 100 MW Leistung auf den kommerziellen Betrieb vorbereiten. Bis Ende 2026 sollen in Lingen 200 MW Elektrolysekapazität verfügbar sein, ab 2027 insgesamt 300 MW.
Der Wasserstoff erfüllt nach Unternehmensangaben die EU-Kriterien für erneuerbare Kraftstoffe nicht biologischen Ursprungs (RFNBO), sodass Kunden entsprechende Nachhaltigkeitsnachweise erhalten. "Unsere Beharrlichkeit zahlt sich aus. Mit dem gemeinschaftlich durchgeführten Projekt öffnen wir nun die Tür zu einer zukunftsorientierten Weiterentwicklung des Chemieparks", ergänzte Thomas Basten, Vorsitzender der Geschäftsführung von Syneqt. In Marl angekommen, lasse sich der Wasserstoff direkt für den Bedarf der Industrie nutzen.
Praxistest und Blaupause
Die beteiligten Unternehmen sehen in Get H2 zugleich einen wichtigen Praxistest für den Aufbau des deutschen Wasserstoff-Kernnetzes. Die Leitungen gehören zu dessen ersten Abschnitten und werden wie weitere Projektbestandteile im Rahmen des europäischen Förderprogramms IPCEI "Hy2Infra" von Bund sowie den Ländern Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen gefördert.
"Get H2 ist aus meiner Sicht eine Blaupause für Europa", führte Hüwener im Interview mit energate weiter aus. Das Projekt zeige, dass sich bestehende Erdgasleitungen erfolgreich auf Wasserstoff umstellen lassen. "Das macht den Ausbau schneller, kostengünstiger und schont Ressourcen." Zugleich könnten nun zentrale Prozesse wie Netzzugang, Kapazitätsbuchung und Bilanzierung erstmals unter realen Betriebsbedingungen erprobt werden.
Nach Einschätzung Hüweners entwickelt sich auch die Nachfrage. Seit März könnten Transportkapazitäten im deutschen Wasserstoff-Kernnetz reserviert werden. "Wir sehen eine Nachfrage von inzwischen knapp 6 GW. Das stimmt uns zuversichtlich", sagte der OGE-Chef. Insgesamt bleibe der Wasserstoffhochlauf aber hinter den ursprünglichen Erwartungen zurück. Ursache seien unter anderem kostentreibende europäische Vorgaben und veränderte politische Prioritäten.
Anbindung des Speichers Epe folgt 2027
Der Ausbau des Get-H2-Netzes wird unterdessen fortgesetzt. Bereits Ende 2025 hatten OGE und Nowega die rund zehn Kilometer lange Wasserstoff-Neubauleitung zwischen Heek und Epe fertiggestellt, über die der Kavernenspeicher von RWE Gas Storage West angebunden wird. Dort soll Ende 2026 die Befüllung des nach Unternehmensangaben ersten kommerziellen Wasserstoff-Kavernenspeichers Europas beginnen, die Inbetriebnahme ist für Mitte 2027 vorgesehen.
Parallel stellen OGE und Nowega bis 2027 eine bestehende Erdgasleitung zwischen Legden und Dorsten auf Wasserstoff um und errichten einen weiteren Leitungsneubau zwischen Dorsten und Marl. Bereits abgeschlossen ist zudem die Wasserstoffverbindung der Syneqt zwischen dem Chemiepark Marl und der Raffinerie Gelsenkirchen-Scholven. /tc
Das Interview mit Thomas Hüwener lesen Sie im Add-on Gas & Wärme.