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EnWG-Novelle: Stadtwerke auf dem Weg zur Gasnetzstilllegung

Trier/Warendorf (energate) - Mit der anstehenden EnWG-Novelle werden bald neue Regeln für die Gasnetzplanung bis hin zur Stilllegung gelten. Im Rahmen der Sommerserie "Politik trifft Praxis" hat energate mit zwei Kommunalversorgern gesprochen, die recht unterschiedlich auf die Zukunft ihrer Gasnetze blicken. Während die Stadtwerke Warendorf mitten in der historischen Innenstadt ein neues Fernwärmenetz bauen, gehen die Stadtwerke Trier diesen Weg nicht. Sie planen stattdessen, gut ein Drittel des Gasnetzes zu erhalten und dies mit eigenem Biomethan zu befüllen. In Warendorf ist die Ausweisung von "Biomethangebieten" wiederum mangels verfügbarer Potenziale keine Option. Doch egal ob Fernwärmenetz oder Biomethan: Beide Versorger stellen sich darauf ein, dass dezentrale Wärmepumpen einen erheblichen Teil des Gasnetzes ablösen werden. Sie müssen - wie die gesamte Branche - ihre Gaskunden auf das Ende ihrer Versorgung vorbereiten.

 

Bundesregierung reißt Europafrist

 

Für diesen Abschied vom fossilen Gas und zur Verbreitung der Alternativen gibt das künftige EnWG einen neuen Rahmen. Zeitlicher Druck kommt von der EU über ihre Richtlinie zu den Binnenmärkten für erneuerbares Gas, Erdgas und Wasserstoff, die bis zum 5. August in deutsches Recht umzusetzen ist. Die Frist wird Berlin reißen. Zwar liegt seit März ein Entwurf (EnWG-E) vor. Dieser schaffte es vor der Sommerpause aber nicht mehr auf die Tagesordnung des Bundestages.

 

Eine große Sorge der Gasbranche ist aber wohl schon abgeräumt. Einen Rückbau der Gasnetze fordert die Bundesregierung nicht. Die Rohre dürfen im Boden liegen bleiben, da dies ansonsten bundesweit für unzählige Baustellen und Milliardenkosten gesorgt hätte. "Alles andere wäre eine absolute Katastrophe. Und ich fände es auch töricht, weil wir diese Leitungssysteme künftig auch für einen Glasfaserausbau oder andere Leitungsverlegungen nutzen sollten", erklärte der Vorstand der Stadtwerke Trier, Arndt Müller, im energate-Interview. Björn Güldenarm, Prokurist und Technischer Leiter der Stadtwerke Warendorf, sieht dies genauso.

 

Lange Ankündigungsfristen für Gasnetzkappung

 

Der EnWG-Entwurf übernimmt eine Vorgabe 1:1 aus der europäischen Richtlinie: Netzbetreiber müssen die Stilllegung zehn Jahre im Voraus ankündigen. Aus der Branche kam teils harsche Kritik, dass diese lange Vorlaufzeit eine flexible Netzplanung zerschießen könnte. Für Müller und Güldenarm ist dies aber im Sinne der Gasverbraucher vertretbar. "Auf der anderen Seite sitzen die Kunden, die sich auf die Stilllegung einstellen müssen. Alles andere wäre vielleicht ein Stück weit die Pistole auf die Brust setzen", so der Warendorf-Manager Güldenarm. In Trier sprechen die Stadtwerke ohnehin frühzeitig mit den Kunden. Priorität haben dabei diejenigen, bei denen theoretisch eine Gasnetzerneuerung ansteht. "Wir investieren natürlich nicht, um zehn Jahre später stillzulegen", so Müller.

 

Wichtig ist es in seinen Augen, die Ankündigung des Gas-Aus mit konkreten Alternativen zu verknüpfen. Der rheinland-pfälzische Versorger entwickelt aktuell ein Contracting-Angebot gemeinsam mit Innungsbetrieben. "Der erste Schritt wird sein, dass ein Energieberater auf unsere Kosten in die Häuser geht, die zur Umstellung anstehen. Dabei wird geprüft, ob das Gebäude bereits für eine Wärmepumpe geeignet ist oder ob vorher - wenn wirtschaftlich sinnvoll - etwa in Heizkörper, Fenster oder Außendämmung investiert werden sollte", erläuterte Müller. Falls die Haushalte mit der alternativen dezentralen Heizlösung finanziell überfordert sein sollten, soll das Contracting-Modell weiterhelfen. Die Haushalte würden somit nicht fünfstellige Eurobeträge für eine neue Wärmepumpe auf einen Schlag zahlen müssen, sondern einen festen monatlichen Betrag. Müller rechnet grob geschätzt mit einer Quote von 25 bis 30 Prozent der Haushalte, die darauf angewiesen sein könnten. Zur Finanzierung kann er sich auch Bürgermodelle mit Nachrangdarlehen vorstellen, wie sie schon aus der Windkraft bekannt sind.  

 

In Warendorf liegt indes noch keine Kundenkommunikation in der Schublade, obwohl der Fernwärmenetzbau bereits länger läuft. "Unser Gasnetz ist sehr eng vermascht, einzelne Leitungsstränge herauszunehmen, würde von der Beschickung des Netzes Probleme bereiten", erläuterte Güldenarm.

 

Wie viel Gasnetz bleibt übrig?

 

In der nordrhein-westfälischen Kommune bauen die Stadtwerke ein Fernwärmenetz, das mit einer Flusswasser-Großwärmepumpe komplett grün wird. Mit 14,5 Cent Wärme-Arbeitspreis versucht der Kommunalversorger, seine Gaskundinnen und Gaskunden vom Abschied von ihrer fossilen Heizung zu überzeugen. Der Technische Leiter vermutete aber, dass Fernwärme- und Gasnetz noch viele Jahre parallel betrieben werden - zumindest, solange sich das noch wirtschaftlich darstellen lässt. "Die Wahlmöglichkeit ist so politisch gewollt. Es wird also noch dauern, bis wir die ersten Briefe verschicken", erläuterte er im Gespräch mit energate. 

 

Trier musste als Großstadt mit über 100.000 Einwohnern die Wärmeplanung schon abschließen, die Richtung ist hier klar. Grob geschätzt blieben rund 30 bis 40 Prozent des Gasnetzes als "künftiges Kernnetz" erhalten, erläuterte der Alleinvorstand Müller.

Oftmals seien dies Hochdruck- und Mitteldruckleitungen, die sich auch als Speicher nutzen lassen. Die Stadtwerke wollen künftig Biomethan im Sommer einspeisen, den Druck im Netz sukzessive auf bis zu 55 bar erhöhen und im Winter dann für ihre Blockheizkraftwerke ausspeisen.

 

Zwei Biomethangebiete wurden bereits ausgewiesen, in der Innenstadt und in einem zweiten Stadtteil von Trier, wo wegen einer Überflutung vor erst fünf Jahren viel Gasnetz neu gebaut werden musste. Sieben Biogasanlagen sind bereits in Betrieb, vier weitere in der Realisierungsphase inklusive neuer Aufbereitungsanlage. "Bis 2045 brauchen wir 220 Mio. kWh grüne Gase - das entspricht einer Verdreifachung der heutigen Menge", blickte Müller voraus. Explodierende Gasnetzentgelte und Kosten für das Biomethan fürchtet er nicht.

 

Verteilernetzentwicklungspläne mit den Nachbarn

 

Laut EnWG-Entwurf sollen künftig Netzbetreiber sogenannte Verteilernetzentwicklungspläne im Turnus von mindestens allen vier Jahren erarbeiten. In Trier wird ein häufigeres Update alle zwei Jahre anvisiert. Beide Stadtwerke wollen Synergien mit benachbarten Netzbetreibern oder dem vorgelagerten Ferngasnetzbetreiber nutzen. "Es liegt in unserer DNA, dass wir versuchen, mit den Nachbarn Dinge zu entwickeln", so Güldenarm.

 

Dass viele Biomethananschlüsse in Gasnetzgebieten beantragt werden, wo sich eigentlich eher eine Stilllegung abzeichnet, ist bei beiden Stadtwerken kein Problem. Der Entwurf sieht aktuell vor, dass Verteilnetzbetreiber die Netzanschlüsse von Biomethananlagen mit einem Vorlauf von nur zehn Jahren entschädigungslos kündigen können. Hier könnte sich im parlamentarischen Verfahren durchaus noch etwas tun, wie in Berlin zu hören ist. /mt

 

Das komplette Interview mit dem Vorstand der Stadtwerke Trier, Arndt Müller, lesen Sie im heutigen Add-on Gas & Wärme. Teil zwei mit den Stadtwerken Warendorf folgt am 27. Juli. 

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