Energieautarkie: Mittelstand scheitert an Förderprogrammen
Ingolstadt (energate) - Viele mittelständische Unternehmen wollen ihre Energieversorgung unabhängiger machen. Doch fehlende Kenntnisse über Förderprogramme, regulatorische Unsicherheit und mangelnde Investitionssicherheit bremsen die Umsetzung. Das zeigt eine aktuelle Befragung, die energate exklusiv vorab vorliegt. Informationen und Förderprogramme seien eigentlich vorhanden, sagte Oliver Hoffmann, Chief Commercial Officer der Meistro Gruppe, im energate-Interview. "Trotzdem kennen 37 Prozent der von uns befragten Unternehmen keines davon", so Hoffmann. Selbst der KfW-Förderkredit 270, der unter anderem Investitionen in erneuerbare Energien und Batteriespeicher finanziert, ist laut der Yougov-Studie im Auftrag der Meistro Gruppe nur gut einem Drittel der Befragten bekannt. Für die Analyse wurden 400 Entscheiderinnen und Entscheider aus mittelständischen Unternehmen in Deutschland befragt.
"Die Förderfrage kommt häufig erst auf, wenn das Projekt schon Gestalt annimmt - unter Umständen zu spät für eine sinnvolle Einbindung in die Planung", so Hoffmann. Eine Förderung müsse jedoch vom Vorhaben her, also ausgehend von Lastprofilen, Flächen, Netzanschlüssen und des Investitionsrahmens, gedacht werden. "Erst daraus ergibt sich, welche Technik sinnvoll ist und welches Förderinstrument dazu passt", so der CCO der Meistro Gruppe. Zudem sollte sich die Kommunikation rund um solche Programme verändern. "Förderkommunikation sollte nicht bei 'Dieses Programm gibt es' enden, sondern die Frage beantworten: 'Ist es für mein Projekt relevant, und was muss ich als Nächstes tun?'".
Hohe Investitionsbereitschaft, geringe Umsetzung
Denn am Investitionswillen der Unternehmen liegt es nicht, wie die Studienergebnisse zeigen. 44 Prozent der befragten Unternehmen verfolgen das Ziel, ihre Energieversorgung unabhängiger zu gestalten. Rund ein Drittel der Unternehmen plant nach eigenen Angaben Investitionen von bis zu 250.000 Euro. Weitere 23 Prozent rechnen mit einem Investitionsvolumen zwischen 250.000 und 500.000 Euro.
Gleichzeitig ist der Handlungsdruck hoch. 40 Prozent der Unternehmen berichten von Problemen bei ihrer Energieversorgung in den vergangenen zwölf Monaten. Zwar erzeugen bereits 39 Prozent der Unternehmen eigenen Strom, überwiegend über Photovoltaikanlagen. Ihren Energiebedarf systematisch über Eigenproduktion decken allerdings lediglich 13 Prozent. Weitere 26 Prozent planen entsprechende Maßnahmen innerhalb der kommenden zwölf Monate.
Die Zahlen zeichnen damit ein ambivalentes Bild. Investitionen in die Energieversorgung stehen bei vielen Unternehmen auf der Agenda, werden aber längst nicht im gleichen Umfang realisiert.
Regulierung wird zum Investitionshemmnis
Als zentrale Hürden nennen die Unternehmen regulatorische Vorgaben und fehlende Investitionssicherheit. Für 27 Prozent stellen regulatorische Anforderungen ein wesentliches Hindernis dar, 26 Prozent sehen die mangelnde Sicherheit von Investitionsentscheidungen als Problem. Dabei bräuchten Unternehmen nicht für jede Investition eine Garantie auf den höchsten Ertrag, wie Hoffmann erklärte. Der Mittelstand müsse "kalkulieren können, wie viel Strom es selbst nutzt, unter welchen Bedingungen es einspeisen kann, welche Netzanschlussleistung verfügbar ist und wie sich ein Speicher betreiben lässt". Dafür brauche es aber "Regeln, auf deren Grundlage sich unterschiedliche Szenarien belastbar durchrechnen lassen", sagte Hoffmann. Doch die energiepolitischen Rahmenbedingungen stoßen bei den Befragten auf Skepsis. Rund 49 Prozent bewerten die Energiepolitik der Bundesregierung negativ.
Zwischen Energiepreisen und Investitionsrisiko
Als Beispiel nannte Hoffmann den Industriestrompreis. Er verdeutliche zwar, wie wichtig wettbewerbsfähige Energiekosten für Unternehmen seien, so Hoffmann. "Für den überwiegenden Teil des Mittelstands bleibt jedoch die eigene Energieversorgung der entscheidende Hebel, um Energiekosten langfristig zu steuern und die Versorgungssicherheit zu erhöhen." Um die geplanten Investitionen mit den verfügbaren Förderinstrumenten verknüpfen zu können, brauche es verlässliche Rahmenbedingungen, transparente Förderangebote und praxisnahe Unterstützung.
Für die Energiewirtschaft ist das Ergebnis vor allem deshalb relevant, weil der Mittelstand eine wichtige Rolle bei der Dezentralisierung der Energieversorgung spielen kann. Photovoltaik, Speicher, Lastmanagement oder weitere Maßnahmen zur Eigenversorgung können Unternehmen helfen, ihre Abhängigkeit vom Energiemarkt zu reduzieren. Gleichzeitig erfordern solche Investitionen langfristige Kalkulationen und damit ein möglichst stabiles regulatorisches Umfeld. /hp
Das vollständige Interview mit Meistro-COO Oliver Hoffmann lesen Sie im Add-On Markt & Industrie. Die Studienergebnisse werden am 30. September von Meistro veröffentlicht.