"EmpCo"-Richtlinie: Grün sagen reicht nicht mehr
Essen (energate) - Für die Energiebranche werden seit der Empco-Richtlinie Begriffe wie "grün", "klimaneutral" oder "nachhaltig" zu Tabuwörtern. Eine energate-Umfrage unter zehn Energieversorgern ergab: Alle befragten Energieversorger mussten ihre Marktkommunikation anpassen. Mit der Umsetzung der EU-Richtlinie "Empowering Consumers for the Green Transition" ("EmpCo") in deutsches Recht gelten seit dem 27. September 2026 deutlich strengere Anforderungen an Umwelt- und Nachhaltigkeitsaussagen gegenüber Verbraucherinnen und Verbrauchern. Allgemeine, nicht belegbare Umweltclaims sind seitdem grundsätzlich unzulässig. Ziel ist es, Verbrauchende besser vor Greenwashing zu schützen.
Verunsicherung war groß, Anpassungsbedarf überschaubar
Doch wie groß ist der Aufwand der Unternehmen durch die Umstellung gewesen? Das Bild ist differenziert. Der Siegelanbieter Energie Vision (ehemals OK-Power) sieht die Lage schon fast entspannt. Die Empco-Richtlinie habe die Branche in den vergangenen Monaten "sehr beschäftigt". Es sei "durchaus Unsicherheit im Hinblick auf werbliche Aussagen" zu spüren gewesen. Der tatsächliche Bedarf an Anpassungen sei bisher aber "überschaubar" geblieben.
Dem gegenüber steht die Aussage der befragten Energieversorger, welche einen deutlichen Anpassungsbedarf beschreiben. Für Octopus Energy waren die Anpassungen mehr als deutlich. So passte der Anbieter im Zuge der neuen Anforderungen fast 900 Kampagnen-Assets sowie 300 Website-Inhalte an, wie das Unternehmen gegenüber energate erklärte. "Unsere Kommunikation begrenzt sich nun konkret auf die rechtlich sicheren Werbeaussagen", so die Münchener. Auch Eprimo berichtet, dass das vollumfängliche Auditieren des Contents "trotz KI-Einsatzes zeitlich aufwendig" gewesen sei.
Für die Überprüfung der externen Kommunikation errichtete Eon eine übergreifende Arbeitsgruppe. Ähnlich Vattenfall, das ein eigenes Team für Umweltaussagen im Produktzusammenhang etablierte. Hinzu kommen die zahlreichen Nachschärfungen in Aussagen, von denen die befragten Unternehmen unisono berichten. Auch künftig müssen die Unternehmen auf ihre Formulierungen achten und vor der Veröffentlichung entsprechend prüfen.
Von "Ökostrom" bis "grüner Wasserstoff"
Besonders deutlich zeigt sich der Anpassungsdruck bei einzelnen Schlüsselbegriffen. Der Begriff "Ökostrom" habe dabei zu besonderen Diskussionen geführt. Er könne als unspezifische Umweltaussage eingeordnet werden und müsse daher klar definiert und belegt werden, wie ein Sprecher von Lichtblick sagte. Das Unternehmen verwendet den Begriff nicht mehr isoliert, sondern erläutert auf der Website in einem eigenen Infokasten, was dahintersteckt und wie die Stromqualität nachgewiesen wird. "Des Weiteren stützen wir den Begriff immer wieder durch den Zusatz 'aus erneuerbaren Energien', da diese Begrifflichkeit im Gesetz genutzt wird", so der Sprecher. Der Versorger hatte sich nach eigenen Angaben bereits vor mehreren Jahren von Begriffen wie "klimaneutral" oder "Ökogas" für fossile Gasprodukte verabschiedet und spricht seither schlicht von "Gas". Auf kompensationsbasierte Klimaneutralitätsaussagen für Gasprodukte werde verzichtet, betonte der Sprecher.
Es komme aber nicht auf verbotene Wörter an, so ein EWE-Sprecher, sondern auf das gesamte Wording, also darauf, wie konkret eine Aussage sei und worauf sie sich beziehe. Zwar stand auch bei der EWE der Begriff "grüner Wasserstoff" auf dem Prüfstand. Jedoch sei die "sogenannte Farbenlehre des Wasserstoffs mit beispielsweise grünem, grauem oder blauem Wasserstoff seit Jahren im fachlichen und energiepolitischen Sprachgebrauch etabliert", erklärte der EWE-Sprecher. Entscheidend sei der konkrete Verwendungskontext. "Deshalb achten wir darauf, im jeweiligen Zusammenhang deutlich zu machen, was damit konkret gemeint ist, etwa Wasserstoff, der mittels Elektrolyse unter Einsatz erneuerbarer Energien hergestellt wird", so EWE weiter.
Octopus Energy überprüft neben den Begrifflichkeiten nun auch Bildwelten. "Bilder von grünen Wiesen oder natürlichen Umgebungen werden dabei nicht grundsätzlich ausgeschlossen, sofern sie nicht gezielt einen unbelegten Nachhaltigkeitsclaim transportieren", so der Sprecher.
KI als Wächter
Drei der befragten Unternehmen beschreiten bei der Überprüfung ihrer Kommunikation einen technologischen Weg. Sie setzen dabei auch auf KI-gestützte Systeme. Vattenfall hat einen internen "KI-Anti-Greenwashing-Agenten" eingeführt, mit dem Marketing-Mitarbeitende Werbemittel in einem Pre-Check auf kritische Aussagen prüfen können. EWE hat gemeinsam mit der Rechts- und IT-Abteilung ein KI-basiertes Tool entwickelt. Dieses identifiziert relevante Umwelt- und Nachhaltigkeitsaussagen in bestehenden öffentlichen Inhalten und gibt Hinweise auf Formulierungen, die überprüft oder präzisiert werden sollten. Die fachliche und rechtliche Bewertung ersetze das Tool aber ausdrücklich nicht. Und auch Eprimo setzt nach eigenen Angaben KI ein, um den umfangreichen Content-Audit zu bewältigen.
Zertifizierungen werden zum Anker
Um dennoch Nachhaltigkeitsaussagen rechtssicher zu treffen, braucht es "belastbare Daten und dokumentierte Nachweise", wie Enercity erklärte. Die Entega setzt zudem auf einen detaillierten Empco-Prüfprozess. Nahezu alle befragten Unternehmen verwenden externe Zertifizierungen, Siegel, Labels und unabhängige Prüfungen. Octopus Energy und Entega verweisen auf das OK-Power-Siegel (heute: "EnergieVision - Das Ökostromsiegel"). Lichtblick setzt bei Stromprodukten aus erneuerbaren Energien auf Herkunftsnachweise - bei Gasprodukten mit Biogasbeimischung auf eine Tüv-Überprüfung. Auch Eprimo und Naturstrom nutzen Tüv-Zertifizierungen. Naturstrom lässt zudem zentrale Produkteigenschaften durch das von BUND und Nabu getragene Label "Grüner Strom" zertifizieren, wie ein Sprecher erklärte.
Kritisch bewerten die Zertifizierungen hingegen die Stadtwerke München. Zwar seien für zukunftsgerichtete Umweltaussagen zu den Klimazielen neben einer Maßnahmenplanung und Umsetzungskontrolle auch eine Zertifizierung durch einen externen Sachverständigen erforderlich. Doch: "Die Kosten für eine solche externe Zertifizierung der Aussagen stehen aber nicht im Verhältnis zum Nutzen für Verbraucherinnen und Verbraucher", hieß es von einem Sprecher der Münchner Stadtwerke. Zudem leiste es keinen Wertbeitrag zum Erreichen der Klimaziele.
Siegelanbieter profitieren
Dennoch sei der Zulauf bei Zertifizierungsanbietern wie Energie Vision seit der Richtlinie "sogar sehr deutlich", wie der Verein auf Nachfrage erklärt. Die Begründung ist naheliegend: "Ökostromanbieter wollen Ökostrom offensichtlich weiterhin als Ökostrom vermarkten. Das geht rechtssicher nur mit einer Zertifizierung", hieß es von Energie Vision. Energie Vision habe die Umsetzung der Empco-Richtlinie zum Anlass genommen, das Siegel zukunftsfähiger aufzustellen: Die Kriterien wurden überarbeitet und übersichtlicher gestaltet. /hp
Die energate-Befragung fand vom 5. bis zum 8. Oktober 2026 statt. Dabei wurden Statements von Octopus Energy, Naturstrom, Entega, Lichtblick, Eprimo, Vattenfall, den Stadtwerken München, Enercity, Eon, EWE sowie Energie Vision ausgewertet.