Edis-Chef verteidigt umstrittenen Redispatch-Vorbehalt
Fürstenwald/Spree (energate) - Der Redispatch-Vorbehalt ist seit Monaten ein energiepolitischer Dauerbrenner. Die sonst so oft entzweite Energiebranche ist sich bei diesem Thema einig: Das Instrument würde den Ausbau von Erneuerbaren ausbremsen. Doch es gibt auch einige wenige Befürworter. Edis-Vorstandsvorsitzender Patrick Wittenberg bekannte sich im energate-Interview dazu: "Ja, wir unterstützen den Vorschlag. Wir halten ihn aus volkswirtschaftlicher Perspektive für sinnvoll."
Im Netzgebiet der Eon-Tochter in Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern werde besonders deutlich, wie schwer Stromnetzausbau und der Zubau von Wind- und Solaranlagen zu synchronisieren sind. Dort gebe es ein eklatantes Missverhältnis zwischen dem maximalen Bezug von 2,4 GW und den 17 GW angeschlossenen erneuerbaren Energien - die Einspeisung übersteigt die Nachfrage schlimmstenfalls um den Faktor 7. "Dies zu ermöglichen, entspricht einer technischen Meisterleistung", so der Edis-Chef.
Den Vorwurf, dass der Flächenverteilnetzbetreiber den Netzausbau verschlafen habe, wollte der Vorstandsvorsitzende nicht stehen lassen. Er verwies als Erklärung auf die historische Netzsituation, die die Gegenwart bis heute mitbestimme: Große Industrieansiedlungen seien früher in der Region nicht erfolgt, die Netze deshalb "auch eher schlank dimensioniert" worden. Die jetzige Situation sei aber eine völlig andere. "Der weitere Ausbau der erneuerbaren Energien erfolgt deutlich schneller als der zwischenzeitlich dringend benötigte Netzausbau", erklärte der Edis-Chef. Dahinter liege ein systematisches Problem. Während ein Windpark innerhalb von drei bis vier Jahren entstehe, dauere der Bau einer 110-kV-Leitung oft acht bis zwölf Jahre. Schuld seien insbesondere die komplexen Genehmigungsverfahren.
Wittenberg verteidigt Redispatch-Vorbehalt
Aufgrund dieser Fehlentwicklung hatte Edis bereits im Jahr 2021 gemeinsam mit der Unternehmensberatung E-Bridge Consulting das Konzept des Redispatch-Vorbehalts entwickelt. Wittenberg verteidigte das Instrument daher im energate-Interview vehement. Der Redispatch-Vorbehalt sei eine Lösung, die "schnell, einfach und ohne signifikante Kosten für die Netzkunden umsetzbar" sei. Zugleich entfalte der Vorbehalt eine echte Steuerungswirkung für neue Anlagen hin zu "'freien' Leitungen". Ein Anreiz zur systemeffizienten Ansiedlung erneuerbarer Energien entstehe nur dann, wenn die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen für "volle" Leitungen nicht genauso attraktiv seien wie für "freie" Leitungen, so der Edis-Vorstandsvorsitzende.
Zwar könne Wittenberg die Kritik am Redispatch-Vorbehalt nachvollziehen. Auf der anderen Seite schaffe dieser als temporäre "Härtefallregelung" in den gegenwärtig wenig betroffenen Engpassregionen Transparenz für Projektierer, versicherte Wittenberg. Im Netzgebiet der Edis kämen beispielsweise lediglich etwa 16 Prozent der Leitungslänge für den Redispatch-Vorbehalt infrage.
Entgegen der weitläufigen Meinung, dass das Instrument zu einem Einbruch beim Erneuerbaren-Ausbau führe, stellte er in Aussicht, dass sich der relative Beitrag neuer EE-Anlagen sogar erhöhe. "Der Redispatch-Vorbehalt verbindet Transparenz mit wirksamen Anreizen für den Anschluss neuer Stromerzeugungsanlagen auf Basis erneuerbarer Energien an noch 'freien' Leitungsabschnitten", erklärte Wittenberg. Damit steige das absolute EE-Stromvolumen im Netz trotz in Teilen knapper Netzkapazitäten, während gleichzeitig die Redispatch-Kosten sinken - sozusagen eine Win-win-Situation.
Redispatch-Vorbehalt entzweit Koalition
Der Redispatch-Vorbehalt erlaubt Netzbetreibern, in sogenannten "kapazitätslimitierten Netzgebieten" den Anschluss neuer Erneuerbare-Energien-Anlagen abzulehnen. Das Instrument bricht also mit dem Erneuerbaren-Vorrang. Voraussetzung dafür ist, dass in diesem Gebiet mehr als drei Prozent des erzeugten Stroms aufgrund von Netzengpässen abgeregelt wurden. Anlagenbetreiber könnten in einem solchen Fall nur dann einen Netzanschluss erhalten, wenn sie für bis zu zehn Jahre auf Entschädigungszahlungen bei Abregelungen verzichten.
Der Vorschlag ist innerhalb der Energiewirtschaft höchst umstritten. Mit Ausnahme des Eon-Konzerns und des Bundeswirtschaftsministeriums fanden sich in den vergangenen Monaten kaum Stimmen, die den Redispatch-Vorbehalt unterstützten. Mit der Unternehmensberatung BET, einer Allianz der Netzbetreiber EWE Netz und Netze BW und dem BNE gab es hingegen mehr als nur einen Gegenvorschlag zu diesem Instrumentarium.
Dabei entzweit der Redispatch-Vorbehalt auch die Regierungskoalition. Die Sozialdemokraten haben immer wieder erklärt, das Netzpaket des Bundeswirtschaftsministeriums mit dem Redispatch-Vorbehalt nicht mitzutragen. Seit Wochen hängt das Netzpaket daher in der gesetzgeberischen Schwebe und wurde inzwischen mehrfach verschoben. Wann das Netzpaket den Weg in das Kabinett findet, ist momentan offen. Viel Zeit bleibt jedoch nicht mehr, wenn ein Beschluss des Netzpakets noch in diesem Jahr erfolgen soll. Zuletzt zeigte sich Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) vielleicht auch deshalb offen für Alternativvorschläge.
Netzanfragen auch im Edis-Gebiet gigantisch
Dabei steigt der Druck nach einer Lösung mit jeder Woche, auch das illustrierte Wittenberg. So liegen dem Unternehmen alleine 120 GW an Speicheranfragen vor, hinzu kommen 26,5 GW für Rechenzentren und Anfragen im dreistelligen Gigawattbereich für Erneuerbaren-Anlagen. Eine bessere Koordination von Netzausbau und erneuerbaren Energien ist daher allein aufgrund der Masse an Anfragen unerlässlich. Wittenbergs Fazit ist dabei eindeutig. "Es ist klar, dass das nicht alles umgesetzt werden kann."
Er stellte auch heraus, dass die Abwägung zwischen Industrie, Speichern oder Rechenzentren gesamtgesellschaftlich erfolgen müsse. "Als Netzbetreiber wollen wir solch grundlegende Abwägungen nicht treffen." Er begrüßte daher das Netzpaket. Paragraf 17b Energiewirtschaftsgesetz sieht vor, dass Netzbetreiber künftig anhand gesetzlich verankerter Kriterien priorisieren dürfen. Genehmigt von der Bundesnetzagentur, angewandt vor Ort. Beim energate-Forum in Essen sprachen sich Vertreter von Bundesnetzagentur und BDEW für diesen Vorschlag aus. /rh/mh
Das gesamte Interview mit dem Edis-Vorstandsvorsitzenden Patrick Wittenberg lesen Sie im heutigen Strom-Add-on.