Digitalisierung: Versorger sehen viel Luft nach oben
Essen/Ulm (energate) - Die Riege der Energieversorger stellt sich selbst bei der Prozessdigitalisierung ein durchwachsenes Zeugnis aus. Rund 61 Prozent bewerten den eigenen Digitalisierungsgrad als eher gering oder sehr gering. Das zeigt eine Branchenumfrage, die energate gemeinsam mit dem Softwaredienstleister Wilken erstellt hat. Zugleich sieht sich die Branche bei dem Thema einem wachsenden Handlungsdruck ausgesetzt. 96 Prozent der befragten Unternehmen nehmen den aktuellen Transformationsdruck als hoch oder sehr hoch wahr. Den stärksten Transformationstreiber sieht eine deutliche Mehrheit (78 %) in den regulatorischen Anforderungen und neuen gesetzlichen Vorgaben. Ebenfalls häufig genannt (53 %) wurde der Kosten- und Margendruck.
"Messlatte für Digitalisierung steigt"
Die kritische Selbsteinschätzung ordnete Tobias Mann, Chief Customer Officer (CCO) von Wilken, als nicht überraschend ein. "Die Messlatte für Digitalisierung steigt", sagte er im Gespräch mit energate. Noch vor fünf Jahren habe sich die Branche mit der Digitalisierung einzelner Systeme oder Kundenschnittstellen beschäftigt. Inzwischen sei aber die gesamte Prozesskette in den Fokus geraten. "Ein Unternehmen kann deshalb heute deutlich digitaler sein als früher und dennoch großen Handlungsbedarf sehen", erläuterte Mann.
Die Ergebnisse der Umfrage passen ohnedies zu dem Bild, das auch die Digitalisierungsstudie des Branchenverbands BDEW aus dem April gezeichnet hatte. Demnach misst die Branche der Digitalisierung sowie der Einführung von KI generell eine hohe strategische Relevanz bei, die Umsetzung bleibt aber vielerorts hinter den Ambitionen zurück.
Zahl der Umsetzungshürden ist hoch
Die gemeinsame Umfrage von Wilken und energate erkundigt sich auch nach den größten Hürden bei der Umsetzung digitaler Transformationsprojekte in den Unternehmen. Die Antworten zeigen die Fülle an möglichen Störfaktoren in der betrieblichen Praxis. 50 Prozent der Befragten nennen historisch gewachsene IT- und Prozesslandschaften, 46 Prozent eine zu geringe Automatisierung bestehender Prozesse. Die mangelnde Datenqualität stellt für 38 Prozent ein Hemmnis dar, ein gutes Drittel (34 %) nannte zudem Systembrüche, also die fehlende Integration von Prozessen, als weiteren Faktor.
Das Ergebnis decke sich mit den täglichen Erfahrungen aus Kundengesprächen, so Mann. "Versorger müssen regulatorische Änderungen, neue Geschäftsmodelle und den laufenden Betrieb gleichzeitig bewältigen." Dazu bräuchten sie eine IT, "die diese Komplexität beherrschbar macht und Veränderungen erleichtert".
Marktkommunikation bereitet Probleme
Gefragt nach den Themenbereichen, in denen die operative Belastung aktuell am größten ist, führen Marktkommunikation und Lieferantenwechsel das Feld an. 53 Prozent der Befragten sehen dort das größte Problemfeld. Dahinter folgen Smart-Meter-Rollout und Messstellenbetrieb (43 %), Abrechnung und Billing (41 %) und Kundenservice (35 %). Wilken-CCO Mann sieht in den Ergebnissen einen klaren Hinweis darauf, wo die zentralen Aufgaben der Energiebranche liegen: "Mehr Automatisierung, bessere Datenqualität und stärkere Integration. Daran hängt, wie schnell und verlässlich neue regulatorische Vorgaben und Geschäftsmodelle im Alltag funktionieren." /rb
Die Umfrage "Realitätscheck 2026: IT in der Energiewirtschaft" haben energate und Wilken gemeinsam durchgeführt. Mit 51 Teilnehmenden aus dem Kreise der Energieversorger erhebt sie keinen Anspruch auf Repräsentativität.