Denkfabrik: ETS-Reform droht Emissionshandel zu entwerten
Brüssel (energate) - Die vorgeschlagene Überarbeitung des EU-Emissionshandels (ETS 1) droht das zentrale Klimaschutzinstrument der EU massiv zu schwächen. Zu diesem Schluss kommt eine Analyse des Umwelt-Thinktanks Sandbag. Das Zusammenspiel der vorgeschlagenen Maßnahmen würde dem Markt bis 2040 einen Rekordüberschuss von 1,9 Mrd. Zertifikaten bescheren - das 5,6-Fache der dann zu erwartenden jährlichen Emissionen - und den CO2-Preis kollabieren lassen, heißt es. Die EU-Kommission hatte am 17. Juli eine Reform des ETS 1 mit mehreren Reformbausteinen vorgeschlagen.
"Der Emissionshandel ist der wichtigste Motor der europäischen Dekarbonisierung. Wenn die EU-Kommission das System mit fast 2 Mrd. neuen Zertifikaten flutet, entzieht sie dem CO2-Preis seine Lenkungswirkung", warnt das Analysten-Team von Sandbag. Ein Preisverfall würde dazu führen, dass das für 2040 beschlossene 85-Prozent-Reduktionsziel verfehlt und bestenfalls 75 Prozent erzielt würden. Sandbag fordert das EU-Parlament und den EU-Ministerrat auf, im anstehenden Gesetzgebungsverfahren nachzubessern.
Auswirkungen der Reformbausteine auf den Markt
Laut Sandbag würde die Anhebung der Obergrenze (Cap), das heißt die Verringerung des linearen Reduktionsfaktors (LRF) auf 3,7 Prozent (2031-2035) und 1,7 Prozent (2036-2040), allein einen zusätzlichen Überschuss von 1.099 Mio. Zertifikaten erzeugen. Der LRF beträgt nach der aktuell geltenden Rechtslage 4,3 Prozent (2024-2027) und 4,4 Prozent (2028-2030). Das Stoppen der automatischen Löschung in der Marktstabilitätsreserve (MSR) würde wiederum weitere 400 Mio. Zertifikate in den Markt schwemmen. Die Versteigerung von bis zu 260 Mio. EUAs zur Finanzierung dauerhafter CO2-Entnahme würde weitere 260 Mio. Zertifikate schaffen. Der Vorschlag, Zertifikate in der Marktstabilitätsreserve ab 400 Mio. Stück nicht mehr wie bisher zu entwerten, würde zudem weitere 104 Mio. Zertifikate in die Gesamtbilanz spülen.
Die MSR hatte die EU 2019 als automatischen Pufferspeicher eingeführt, damit auf dem Markt weder zu viele noch zu wenige CO2-Zertifikate im Umlauf sind. Zusammengerechnet bekommt das System über die Jahre 2026 bis 2040 insgesamt rund 1,9 Mrd. Zertifikate mehr zugeführt, als es unter den bisherigen Regeln der Fall gewesen wäre. /rl