Das GModG und die Kubanisierung des Wärmemarkts
Köln (energate) - Die Gasheizung wird so schnell aus dem Wärmemarkt nicht verschwinden. Stattdessen bekommt sie gerade eher die zweite Luft. Das hat mit dem neuen, am 29. Juli in Kraft getretenen Gebäudemodernisierungsgesetz (GModG) zu tun, aber nicht nur. Das erklärten Andreas Feicht, Vorstandsvorsitzender der Kölner Rheinenergie, und Gerald Linke, Vorstandsvorsitzender des Deutschen Vereins des Gas- und Wasserfaches (DVGW), im Interview mit energate. "Wir haben auch im Rahmen des alten Gebäudeenergiegesetzes (GEG) beobachtet, dass Eigentümer die Lebensdauer ihrer Gasheizung verlängert haben", berichtete Feicht. So habe das Ersatzteilgeschäft schon nach Inkrafttreten des GEG deutlich zugenommen. "Wir haben schon von einer 'Kubanisierung' des Wärmemarktes gesprochen", so der Vorstand der Rheinenergie.
Zum Hintergrund: Der Begriff Kubanisierung beschreibt in der aktuellen politischen und wirtschaftlichen Diskussion die Sorge, dass Menschen oder Unternehmen alte Technologien extrem lange weiternutzen, statt sie zu erneuern. Das Bild stammt von der Karibikinsel Kuba, weil dort amerikanische Oldtimer aus den 1950er-Jahren das Straßenbild prägten. Bislang wurde der Begriff vor allem rund um das Thema Verbrenner-Aus im Verkehrssektor benutzt.
Rheinenergie: Kein fixer Ausstiegstermin
Über eine Tochtergesellschaft, die Rhein Netz GmbH, betreibt die Rheinenergie ein Gasverteilnetz von rund 9.000 Kilometern Länge. Einen baldigen Abschied von diesem Asset sieht Feicht nicht. "Wir werden noch lange ein Gasverteilernetz betreiben", sagte er im Gespräch mit energate weiter. Welchen Zeithorizont er dabei im Kopf hat, blieb unklar. Sich auf einen konkreten Ausstiegstermin festzulegen - wie andere Versorger es bereits getan haben - sieht er kritisch. "Wovon ich nichts halte, ist zu sagen: Wir steigen zum fixen Datum xy - etwa 2035 - aus dem Gasnetz aus." Dies zu kommunizieren, würde nur unnötige Diskussionen auslösen - etwa mit Hausbesitzenden, die ihre Gasheizung behalten wollen.
Stilllegung quartiersweise
Feicht betonte, dass der Ausstieg in Köln quartiersweise vonstattengehen wird. Laut dem aktuellen EnWG-Entwurf müssen die Netzbetreiber eine etwaige Stilllegung von Abschnitten mindestens zehn Jahre vorher ankündigen. Entsprechende Briefe hat der Kölner Versorger also noch nicht in Vorbereitung. Aber laut Feicht wird sich das Unternehmen in den nächsten "ein bis zwei Jahren intensiv damit beschäftigen", welche Quartiere ganz oben auf der Liste stehen könnten. Hierzu sei geplant, sich die tatsächliche Nachfrageentwicklung in den infrage kommenden Gebieten anzuschauen, auf der Basis des Gasflusses an Übergabestationen. "Wir wollen weg von einer akademisch-theoretischen hin zu einer praktischen Diskussion, und wir wollen wissen, was wirklich passiert", erklärte Feicht die Idee dahinter.
Was macht GModG mit KANU 2.0?
Auch bundesweit halte sich die Abkehr vom Gasnetz noch in Grenzen, sagte DVGW-Chef Linke im Gespräch. "Unsere Mitglieder berichten von Stilllegung einzelner Hausanschlüsse. Aber das sind keine Massen", so Linke. Er geht vor diesem Hintergrund eher von einem marginalen Rückgang des Gasverteilnetzes aus, etwa zehn bis 15 Prozent bis 2050. Mit Blick darauf und auf die aktuellen politischen Entwicklungen sei in der Branche die Diskussion über KANU 2.0 wieder aufgeflammt, berichtet Linke.
Die Festlegung der Bundesnetzagentur aus dem Jahr 2024 ermöglicht Netzbetreibern eine schnellere Abschreibung ihrer Infrastruktur schon bis 2035. Aktuell dürfen Unternehmen einen Abschreibungssatz in Höhe von acht bis zwölf Prozent des Restwertes des jeweiligen Vorjahres wählen. Im Jahr 2026 nutzen bereits 86 Prozent der Gasverteilnetzbetreiber, 118 von 132 Unternehmen, KANU 2.0. Laut Linke könnte an der Stelle allerdings nochmal eine Neubewertung stattfinden: "Was wir mitbekommen haben, war, dass einige Wirtschaftsprüfer KANU 2.0 so verstanden haben, dass es 2045 kein Gasnetz mehr gibt", so Linke. Da bestehe seiner Einschätzung nach also durchaus noch Diskussionsbedarf mit Geschäftsführern und ihren strategischen Überlegungen.
Wärmepumpen, Fernwärme und unklare Reise
Die Kölner Rheinenergie nutzt KANU 2.0 nicht, betonte Feicht. Das wäre aber auch unter der alten Gesetzgebung nicht der Fall gewesen. Das liegt auch daran, dass sowohl im künftigen "Wärmepumpenland" als auch im "Fernwärmeland" der Absatz weniger schnell steigt als erwartet. Hinzu kommen in der Kölner Wärmeplanung auch noch die sogenannten "Wärmenetz-geeigneten Prüfgebiete", dort ist es unklar, wohin die Reise geht. "Die kann ich in den nächsten 20 Jahren mit der Fernwärme nicht erreichen", so Feicht. Auch kleinere Wärmeinseln fallen raus, weil es oftmals zu kompliziert sei, ausreichend Eigentümer davon zu überzeugen. Ebenso wenig seien diese Areale für Wärmepumpen geeignet. Unter dem Strich wird also die Nachfrage nach Gas in der Domstadt bleiben.
Biomethan ausreichend verfügbar
Ab 2029 muss die Rheinenergie diesen Kunden einen Vertrag mit einem Anteil von zehn Prozent Biomethan anbieten. Hinzu kommt die Grüngasquote mit einem Prozent für den Gebäudebereich. Die Vorgaben hatten in der Branche teils kontroverse Diskussionen ausgelöst. Die Rheinenergie blickt darauf eher entspannt, wie Feicht schon kürzlich bei der Vorlage der Bilanz sagte. "Unser Handel sagt, 2030 werden wir das gut hinbekommen", so Feicht. 2035 könnte es interessanter werden. Mit welchem Preis das Unternehmen dabei kalkuliert, wollte der Unternehmenschef nicht verraten.
DVGW-Chef Linke teilte den optimistischen Blick auf die Potenziale von Biomethan als Teil der Lösung zur Dekarbonisierung des Wärmemarkts. "Allein mit der derzeitigen Biomethanproduktion kann man etliche Jahre den Wärmemarkt bedienen", so Linke. Im Moment werden rund 10 TWh Biomethan und 100 TWh Biogas erzeugt. Zumindest ein Teil des Biogases ließe sich zu Biomethan aufbereiten. Die Menge ließe sich dadurch verdoppeln, dass man neben die Anlagen einen Elektrolyseur stellt und den erzeugten Wasserstoff mit dem bei der Biomethanproduktion anfallenden CO2 zu synthetischem Methan aufbereitet. Inklusive Importe liege das theoretische Potenzial bei 300 TWh, rechnete Linke vor. Das würde in etwa dem entsprechen, was derzeit an Erdgas im Wärmemarkt verbraucht wird. Die benötigten Mengen seien allerdings viel kleiner, nämlich rund ein Prozent, weil nur bei neuen Heizungen die Biogastreppe zur Anwendung kommt. /ml/hl/mt
Das gesamte Interview mit Andreas Feicht, Vorstandsvorsitzender der Rheinenergie, und Gerald Linke, Vorstandsvorsitzender des Deutschen Vereins des Gas- und Wasserfaches (DVGW), wird in der kommenden Ausgabe des energate-Magazins emw veröffentlicht. Weitere Themen waren unter anderem die Auswirkungen des GModG auf das Fernwärmegeschäft der Rheinenergie und die Marktentwicklung von Wasserstoff. Das Heft erscheint am 6. Oktober.