Anschlagserie: Bekennerbriefe weisen auf Einzeltäter hin
Essen (energate) - Die Anschlagserie auf Umspannwerke in Deutschland geht weiter. Im nordrhein-westfälischen Dormagen gab es einen weiteren Sabotageversuch. Wie bei den Angriffen in Brandenburg und im rheinländischen Bergheim am 1. September fand die Polizei Abschussvorrichtungen. Außerdem gab es einen Polizeieinsatz in der Nähe des Umspannwerks Weisweiler bei Aachen, hier wurden wohl Drähte gefunden. Auch im niedersächsischen Ganderkesee hat die Polizei am Freitagmorgen (4. September) ein Umspannwerk weiträumig abgesperrt. Inzwischen gab es jedoch Entwarnung: In der Nacht sei ein offener Schaltschrank entdeckt worden, bestätigte ein Sprecher des Innenministeriums Niedersachsens gegenüber energate. Laut "Bild" sind auch an Freileitungen an zwei Umspannwerken im Landkreis Görlitz Spreng- oder Brandvorrichtungen gefunden worden. Eine Polizeisprecherin bestätigte gegenüber der Zeitung einen Einsatz.
Mann aus Gevelsberg im Verdacht
In Dormagen entdeckte laut der Polizei ein Fußgänger am frühen Donnerstagabend (3. September) nahe dem Umspannwerk mehrere Abschussvorrichtungen, Rohre mit Kabeln und Zeitschaltuhr. Anders als im brandenburgischen Turnow-Preilack und Bergheim kam es jedoch zu keinen Beschädigungen. Das Umspannwerk befindet sich nordöstlich des RWE-Kraftwerks Neurath. Die am Fundort verlaufenden Hochspannungsleitungen seien Eigentum von RWE Power, teilte das Unternehmen mit. Es gab keine Auswirkungen auf den Kraftwerksbetrieb, betonte RWE. Darüber hinaus teilten die Essener mit, in enger Abstimmung mit dem Übertragungsnetzbetreiber Amprion und den Behörden die Sicherheitsmaßnahmen verstärkt zu haben. Zu konkreten Schutzmaßnahmen äußerte sich RWE nicht.
Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) und NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) bestätigten in einer gemeinsamen Pressekonferenz den Eingang von zwei Bekennerschreiben. Dabei handelt es sich um namentlich unterschriebene Bekennerschreiben eines 48-jährigen Mannes aus Gevelsberg (NRW). Dessen Wohnort habe die Polizei durchsucht, den Mann aber noch nicht angetroffen. Allerdings habe sie dort "sprengstoffverdächtige Gegenstände" entdeckt. "Stand jetzt bewerten wir die Briefe als authentisch", sagte Reul. Neben seinem Namen habe der Verfasser auch seine Adresse angegeben - "sehr ungewöhnlich", so Reul.
Auch habe er Dormagen und Weisweiler als weitere Anschlagsziele genannt. Zwar spreche derzeit viel für einen Einzeltäter, es werde aber weiterhin die Möglichkeit der Vernetzung geprüft. Das Auto des Mannes befinde sich wohl noch in NRW, er rechne stündlich mit einem Fahndungserfolg, gab sich Reul optimistisch. Tatsächlich berichteten Medien kurz nach dem Abschluss der Pressekonferenz am frühen Freitagabend von einem SEK-Einsatz in der Nähe vom Hambacher Forst, in Düren-Niederzier. Dabei sei das Auto des Mannes aufgespürt worden - allerdings ohne den Verdächtigen. Dieser sei nun womöglich zu Fuß unterwegs.
Zuvor hatte schon die Polizei Köln auf energate-Anfrage bestätigt, Kenntnis über ein Bekennerschreiben zu haben. Außerdem hatten die Staatsanwaltschaften Cottbus und Köln sowie die Polizei Brandenburg und Köln Polizeieinsätze in Nordrhein-Westfalen bekannt gegeben. Die Polizei bittet die Bevölkerung bei den laufenden Ermittlungen um Unterstützung und hat ein Hinweisportal aktiviert. Bürgerinnen und Bürger können dort Informationen, die mit den Sabotageakten in Zusammenhang stehen, an die Polizei übermitteln. Sie warnte gleichsam davor, bei der Feststellung von verdächtigen Gegenständen eigenständig zu handeln. Stattdessen appellierte sie daran, die Polizei zu verständigen und den Notruf zu wählen.
Fossile Brennstoffe als Motiv?
Als Grund für die Anschläge habe der Verfasser den Kampf gegen fossile Brennstoffe genannt, erklärte Reul. "Fakt ist, nicht die Stromerzeugung aus fossilen Brennstoffen ist ein Verbrechen, sondern der Angriff auf kritische Infrastruktur", kommentierte er die Bekennerbriefe. Dobrindt sprach in diesem Zusammenhang von "Klimaextremismus". Auch einigen Medien liegt das Bekennerschreiben vor. Laut der "Taz" heißt es dort: "Stromerzeugung aus fossilen Brennstoffen ist ein Verbrechen, das unsägliches Leid nach sich zieht." Dieses Leid wolle der Täter "abwenden oder vermindern". Er begründet seine Tat damit, dass die "Medien einen Scheiß tun, die Dringlichkeit der Situation zu vermitteln, und der Staat da nicht eingreift, um dieses Leid abzuwenden". In diesem Schreiben kündigt der Schreiber außerdem weitere Taten an. "Wenn hier Recht und Ordnung herrschten, dann müsste ich das Gesetz nicht brechen und einen Haufen Leid in Kauf nehmen, das ich wegen dem Stromausfall und allen Stromausfällen, die da noch kommen müssen, zu verantworten habe."
Eines der beiden Bekennerschreiben soll laut Reul zudem detaillierte technische Angaben enthalten, wie der Verfasser mit Rohren, Stäben und Silvesterraketen eine Vorrichtung gebaut habe, mit der dünne Drahtseile auf die Hochspannungsleitungen geschossen wurden. Die verübten Angriffe glichen diesem Vorgehen. "Das Wissen ist eindeutiges Täterwissen", ergänzte Bundesinnenminister Dobrindt. In dem Bekennerschreiben behauptet der Verfasser zudem, alleine zu handeln. Eine Verbindung zur linksextremen Szene, die für den Stromausfall in Berlin verantwortlich sein soll, schließt er darin aus. "Die ham da nix mit zu tun", heißt es in dem Brief laut Taz. /rh/sd
Anmerkung: Der Artikel spiegelt den Stand der Dinge zum Redaktionsschluss um 18:30 Uhr wider.