Anschlag an NRW-Umspannwerk: 4.200 MW vom Netz
Dortmund (energate) - Bei Explosionen an einer Umspannanlage im nordrhein-westfälischen Bergheim bei Köln handelt es sich wohl um einen Anschlag. Der Vorfall ereignete sich am 1. September, um 20 Uhr an der Umspannanlage Rommerskirchen. Dadurch gingen in der Folge Braunkohlekraftblöcke mit einer Gesamtkapazität von 4.200 MW im Rheinischen Revier vom Netz. Die Polizei geht davon aus, dass es sich hierbei nicht um einen technischen Defekt handelt. "Wir sehen dies als Anschlag auf die kritische Infrastruktur", erklärte der Leitende Kriminaldirektor des Polizeipräsidiums Köln, Michael Esser, auf einer Pressekonferenz.
Auch Innenminister Herbert Reul (CDU) äußerte sich klar. "Ich will da nicht drumherum reden: Das war kein kaputter Schalter. Das war Absicht. Eine Straftat." Es bestehe der Verdacht der verfassungsfeindlichen Sabotage. Die Polizei prüfe in zwei Richtungen, so Reul: fremd gelenkte Sabotage und Linksextremismus. "Nichts davon können wir derzeit ausschließen."
Fünf Kraftwerksblöcke vom Netz
Zum Zeitpunkt des Anschlags speisten die Blöcke rund 3.000 MW Leistung ins Netz ein, teilte RWE Power mit. Betroffen waren die Blöcke Neurath G und F sowie Niederaußem H, G und K. Der kurzfristige Kraftwerksausfall hatte auch Turbulenzen im Intraday-Handel zur Folge. Die Preise stiegen in den Abendstunden auf zwischenzeitlich 7.244,98 Euro/MWh. Die Ausnahmesituation hielt bis rund 22:30 Uhr an, danach normalisierten sich die Preise und bewegten sich bis Mitternacht zwischen 200 und 400 Euro/MWh. Die kurzfristig fehlende Kraftwerksleistung wirkte sich noch bis in die Morgenstunden des 2. September aus. Diese seien im Schnitt um 40 Euro/MWh höher als am Vortag, erläuterten Händler auf Anfrage von energate.
Neurath G ist seit dem Morgen des 2. September, 7:20 Uhr, wieder am Netz, Block Niederaußem H seit 8:43 Uhr. Beide Blöcke kommen zusammen auf eine Kapazität von rund 1.600 MW. Der Block Neurath F (1.000 MW) liefert laut Transparenzplattform seit dem frühen Nachmittag (14:40 Uhr) wieder Strom. Mit der Wiederinbetriebnahme der Kraftwerksblöcke Niederaußem G und K (insgesamt rund 1.600 MW) sei zum kommenden Wochenende (5./6. September) zu rechnen, teilte RWE mit.
Parallelen zum Brandenburger Vorfall
Nach jetzigem Ermittlungsstand haben die Täter gezielt einen Kurzschluss herbeigeführt. Dabei gibt es Parallelen zu einem weiteren mutmaßlichen Angriff auf ein brandenburgisches Umspannwerk. Kriminaldirektor Esser erläuterte auf der Pressekonferenz die Einzelheiten: Die Täter hätten einen Draht oder ähnliches auf die Höchstspannungsleitungen geschossen. Da dieser zuvor mit einem Zaun verbunden worden war, kam es zu einem Kurzschluss, der Draht verglühte. In der Folge schaltete RWE die Kraftwerksblöcke ab, um einen weiteren Stromfluss zu verhindern.
"Heute Mittag wurden im Zuge der Ermittlungen angrenzend im Maisfeld insgesamt sechs Abschussvorrichtungen gefunden", so Esser. Solche hatte die Polizei auch in Brandenburg gefunden. Zudem gebe es Hinweise aus der Bevölkerung. Damit sei die Polizei schon einen großen Schritt weiter, nun mache sie sich auf die Suche nach möglichen DNA-Spuren. Auch vor Ort dauerten die Untersuchungen weiter an. Zudem würden die Telekommunikationsverbindungen überprüft, ergänzte Oberstaatsanwalt Ulrich Bremer. Aber, so Bremer weiter: "Wir bitten um Geduld. Wir können den Fall nicht auf Knopfdruck lösen."
Keine Zwangsabschaltungen
Betreiber der betroffenen Umspannanlage ist der Übertragungsnetzbetreiber (ÜNB) Amprion. Mit diesem zusammen habe die Polizei besonders kritische Standorte ausgewählt, die nun von den beiden Akteuren verstärkt beobachtet werden, erklärte Esser auf Nachfrage von energate. Weitere Details wollte er jedoch nicht preisgeben. Amprion betonte seinerseits, die allgemeine Stromversorgung sei zu keinem Zeitpunkt davon betroffen gewesen, auch die Systemstabilität sei immer gewährleistet gewesen. Die Bundesnetzagentur bestätigte diese Einschätzung. Im Umfeld vom Tatort habe es wohl einige kleinere Stromausfälle gegeben. Laut Polizei stehen diese aber nicht im Zusammenhang mit dem Anschlag. Sie erklärte zudem, auch die Drohnensichtungen bei der Anlage hätten nichts mit dem Anschlag zu tun. Im Gegenteil handele es sich um Drohnen des Netzbetreibers Amprion zur Überwachung der Anlagen.
Die Auswirkungen im Netz waren aber natürlich durchaus spürbar. So sackte die Netzfrequenz auf 49,91 Hertz. Unter 49,8 Hertz werde es kritisch, ab diesem Wert würden Verbraucher abgeschaltet, erläuterte Christian Schäfer von Regelleistung online für energate. Auch sei habe es durch den Wegfall der Kraftwerksleistung von zu einer Unterdeckung gekommen. Allerdings sei das System zuvor überdeckt worden, was den Effekt abmilderte, so Schäfer. Infolge der geringeren Strommengen seien auch die Ausgleichsenergiepreise gestiegen - auf in der Spitze geschätzt knapp über 5.000 Euro/MWh.
Zwei Anschläge an einem Tag
Bereits am Morgen des 1. September hatte einen mutmaßlichen Angriff auf ein brandenburgisches Umspannwerk gegeben. In der Folge kam es zu einem Ausfall des nahegelegenen Kraftwerksblocks Jänschwalde B. Ob beide Ereignisse in Zusammenhang stehen, ist ebenfalls Gegenstand der Ermittlungen. Von den beiden anderen Übertragungsnetzbetreibern Transnet BW und Tennet hieß es auf Anfrage, bei ihnen habe es keine vergleichbaren Vorkommnisse gegeben. Die ÜNB stünden aber im Austausch, hieß es von Tennet und Transnet BW.
Die beiden erklärten darüber hinaus, das deutsche und europäische Übertragungsnetz sei redundant und vermascht aufgebaut. Dadurch können Ausfälle einzelner Betriebsmittel grundsätzlich kompensiert und Strom über andere Verbindungen transportiert werden. Die war wohl auch ein Grund dafür, dass es im Falle des Anschlags von Bergheim nicht zu einem Blackout kam. Die ÜNB betonten aber auch: Einen vollständigen Schutz vor allen denkbaren Ereignissen könne es nicht geben. Daher seien die ÜNB auch auf Notfälle vorbereitet, erläuterte eine TransnetBW-Sprecherin: "Für außergewöhnliche Situationen verfügen wir über etablierte Notfall- und Wiederanlaufprozesse, die regelmäßig trainiert, überprüft und weiterentwickelt werden." /sd