AgNes-Umsetzung wird anspruchsvoll
Hamm (energate) - Ob neue Entgelte für Speicher und Einspeiser, Prosumeraufschlag oder zweigeteilte Arbeitspreise für Industriekunden - die Neuaufstellung der Allgemeinen Netzentgeltsystematik (AgNes) stellt große Umsetzungsaufgaben an Netzbetreiber. Fisnik Musai, Leiter Stromnetze beim bayrischen Stadtwerk Fürstenfeldbruck, blickt dennoch grundsätzlich optimistisch auf die bevorstehenden Aufgaben. "Ich sehe das nicht als unlösbare Aufgabe", sagte Musai im Rahmen der energate-Sommerinterview-Serie "Politik trifft Praxis". Zwar sei mit der Implementierung Aufwand verbunden. "Wir wissen aber einigermaßen, was sich ändert und wo wir in unseren Systemen Schwierigkeiten bekommen werden. Das gibt mir ein gutes Gefühl", so der Stromnetze-Chef des bayrischen Stadtwerks.
Fürstenfeldbruck als Sonderfall?
Eine Position, die seit Beginn des AgNes-Prozesses im Mai 2025 von der Netzbetreiberseite nur selten zu hören war. Noch im März 2026 plädierten der Energieverband BDEW und die vier Übertragungsnetzbetreiber für eine behutsame Einführung der AgNes-Kerngedanken in die Praxis. Sie regten an, zunächst Erfahrungen aus bestehenden Instrumenten - beispielsweise dem Modul 3 des Paragrafen 14a EnWG zu drei unterschiedlichen Netztarifen - zu nutzen, bevor eine flächendeckende Verpflichtung erfolgt.
Diese skeptische Einschätzung teilte in dem Interview Steffen Boche von E-Bridge Consulting. Das Beratungsunternehmen berät über die Kooperationsplattform Netz mehr als 80 bayrische Netzbetreiber im operativen und strategischen Regulierungsmanagement, darunter auch die Stadtwerke Fürstenfeldbruck. Boche zeigte sich angesichts Musais Optimismus bei der Marktkommunikation zurückhaltender. "Da sehe ich das größte Risiko im gesamten Vorhaben", so der Regulierungsexperte. Die neuen Anforderungen müssten in bestehende Prozesse und IT-Systeme integriert werden. Dies sei für sich genommen schon anspruchsvoll. "In der Summe und im Zusammenspiel wird daraus schnell ein echtes Umsetzungsrisiko", warnte Boche.
"Ziel von AgNes war nie, das System einfacher zu machen"
Einig waren sich die beiden Experten hingegen bei der Frage, ob AgNes die Netzentgeltsystematik vereinfache oder verkompliziere. "Ich sehe kaum Prozesse, die vollständig entfallen, aber eine ganze Reihe, die neu aufgesetzt werden müssen", urteilte Boche. Musai ergänzte, dass es nie Ziel von AgNes gewesen sei, das System einfacher zu machen. Stattdessen stehe im Mittelpunkt die Aufgabe, Investitionskosten gerechter zu verteilen und den Verbrauch zu flexibilisieren. "Dass dadurch mehr zu tun ist, ist die logische Folge", zeigte sich Musai pragmatisch.
Verschiebung dynamischer Netzentgelte trifft auf Erleichterung
Zumindest auf Verteilnetzebene fällt die Umsetzung dynamischer Netzentgelte vorerst nicht an. Ursprünglich pochte die Bundesnetzagentur auf eine Einführung auf allen Spannungsebenen und für alle Kundengruppen zum 1. Januar 2029. Doch nach zum Teil heftigen Branchenprotesten reagierte der Regulierer und verschob die Einführung auf frühestens 2030 - allerdings erst einmal nur für Speicher und auf der Übertragungsnetzebene. Dynamische Einspeiseentgelte für Einspeiser sollen dann erst ab 2032 folgen. Die Netzagentur begründete die Verzögerung mit dem hohen Analysebedarf. Dies betreffe die Rückwirkungen auf den Stromgroßhandelsmarkt, auf den Redispatch, Umverteilungswirkungen zwischen Marktakteuren und die praktische Umsetzbarkeit.
Musai und Boche zeigten sich über diese Entscheidung erleichtert. "Von den Kollegen aus Abrechnung und Messstellenbetrieb höre ich, dass wir noch nicht so weit sind", sagte Musai. Nachholbedarf bestehe bei der Datenqualität, den Smart-Meter-Werten sowie den Abrechnungssystemen. Boche wiederum hatte das Gesamtsystem im Blick. Zusätzliche Komplexität sei nur gerechtfertigt, wenn tatsächlich netzdienliches Verhalten durch die Dynamisierung angereizt werde. Ob dies tatsächlich der Fall ist, war während des über einjährigen Konsultationsprozesses immer wieder Gegenstand hitziger Diskussionen. "Wichtiger als Geschwindigkeit ist zunächst, dass die Finanzierungsfunktion der Netzentgelte funktioniert, die Steuerungsfunktion kommt danach", sagte daher Boche.
Kapazitätsbestellung als Konfliktherd
Neues Konfliktpotenzial sieht Musai insbesondere bei Industriekunden. Die Bundesnetzagentur will von den bisherigen Leistungs- auf Kapazitätspreise umstellen, damit Unternehmen bei ihrer Produktion flexibler werden. Somit müssten sie Jahr für Jahr eine Kapazität für ihre Stromnetznutzung "bestellen", dürften diese aber mit einem Aufpreis überschreiten - anders als im Gasbereich.
Bestellt ein Kunde beim geplanten Kapazitätspreis mit zweistufigem Arbeitspreis allerdings keine Kapazität, müssen Netzbetreiber ihm eine optimale Kapazität aus den Lastgängen ableiten. Sollte die Prognose des Netzbetreibers von der Realität abweichen und der Kunde muss dann am Ende mehr zahlen, drohe großes Diskussionspotenzial, warnte Musai.
Er forderte daher eine klare Berechnungsmethode, die für alle Beteiligten transparent sein müsse. Dies ist bislang aber nicht der Fall. "Auch ist mir nicht klar, was passiert, wenn ein Kunde eine schlechte Entscheidung trifft. Muss er ein Jahr warten, bis nachjustiert wird, oder gibt es eine unterjährige Anpassung?", fragte der Netzleiter. Für Boche ist klar: Der Ermessensspielraum sollte möglichst gering gehalten werden. Individuelle Einzelfalllösungen kosteten "Zeit, Geld und Kapazität". /rh
Das vollständige Interview aus der energate-Sommerserie "Politik trifft Praxis" mit Fisnik Musai und Steffen Boche lesen Sie im Strom-Add-on.