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"Wir sehen, wie verletzlich globale Lieferketten sind"

Hannover (energate) - Die Sperrung der Straße von Hormus und die angespannte geopolitische Lage rücken die Frage der Versorgungssicherheit erneut in den Mittelpunkt der energiepolitischen Debatte. Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) hat angekündigt, die heimische Gasförderung "nicht weiter behindern" zu wollen. Was bedeutet das konkret - und welche politischen und regulatorischen Weichenstellungen sind jetzt erforderlich? Darüber sprach energate mit Ludwig Möhring, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands Erdgas, Erdöl und Geoenergie (BVEG).

 

energate: Herr Möhring, die Bundeswirtschaftsministerin will die heimische Gasförderung stärken. Ist das eine energiepolitische Kurskorrektur?

 

Möhring: Die Ministerin setzt damit den Koalitionsvertrag konsequent um und wählt einen pragmatischen Ansatz für die deutsche Gasversorgung. Heimische Förderung heißt nicht mehr Verbrauch, sondern weniger Risiko bei der Deckung des bestehenden Bedarfs. Es geht um Resilienz, solange wir Erdgas noch nutzen.

 

energate: Warum gewinnt dieses Thema gerade jetzt an Dringlichkeit?

 

Möhring: Wir sehen aktuell, wie verletzlich globale Lieferketten sind. Die Risiken beschränken sich nicht auf die reine Verfügbarkeit von Gas. Geopolitische Spannungen, mögliche Störungen von Lieferwegen aus dem arabischen Raum, sicherheitspolitische Risiken bis hin zu Terrorgefahren - all das wirkt unmittelbar auf Preise und Versorgungssicherheit. Hinzu kommen regulatorische Unsicherheiten, etwa durch europäische Gesetzgebung wie bei der EU-Methanverordnung oder der EU-Lieferketten-Richtlinie CSDDD. Wer Versorgung ernst nimmt, muss diese Risikolage strategisch bewerten.

 

energate: Wo sehen Sie konkret Handlungsbedarf in der Gasstrategie?

 

Möhring: Deutschland braucht eine langfristige Strategie für eine sichere und bezahlbare Erdgasversorgung. Derzeit sind nur rund 50 Prozent unseres Bedarfs langfristig abgesichert. Das erhöht die Abhängigkeit vom Spotmarkt - mit entsprechenden Preisvolatilitäten und Unsicherheiten. Neben zusätzlichen langfristigen Importverträgen gehört dazu zwingend auch die stärkere Nutzung inländischer Ressourcen. Nur so lässt sich das Risiko aus dem Weltmarkt systematisch reduzieren.

 

energate: Kritiker sprechen von einem falschen Signal für den Klimaschutz. Wie begegnen Sie diesem Vorwurf?

 

Möhring: Diese Kritik ist vor allem Symbolpolitik und blendet die Realität aus. Deutschland wird auf absehbare Zeit Erdgas benötigen - für Industrie, Wärme und als Flexibilitätsoption im Stromsystem. Wenn wir diesen Bedarf haben, ist es klimapolitisch sinnvoller, ihn unter strengen deutschen Umweltstandards im Inland zu decken, statt CO2-intensiveres LNG zu importieren. Heimische Förderung ist im Vergleich deutlich emissionsärmer.

 

energate: Was ist aus Ihrer Sicht die zentrale Botschaft an die Politik?

 

Möhring: Versorgungssicherheit, bezahlbare Energiepreise und Klimaschutz sind kein Widerspruch. Sie erfordern eine strategische Beschaffungspolitik, die langfristige Verträge und heimische Förderung zusammen denkt. Wer auf Erdgas angewiesen ist, muss auch bereit sein, die dafür notwendigen Rahmenbedingungen verantwortungsvoll zu gestalten.

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