Windkraft schwankt zwischen Erfolgen und Sorgen
Berlin/Hamburg (energate) - Die Windenergie in Deutschland ist in einer verzwickten Lage. Einerseits weist das erste Quartal 2025 eine anhaltend hohe Ausbaudynamik auf, die Genehmigungszahlen sind auf einem Allzeithoch. Der Thinktank Goal 100 sieht Deutschland in einer aktuellen Auswertung ebenfalls auf Kurs, die Ausbauziele bis zum Jahr 2030 zu erreichen. Andererseits ist die Branchenstimmung auf einem Vierjahrestief, wie aus dem Wind Energy Trendindex (Wetix) von Wind Energy Hamburg und Wind Research hervorgeht. Insbesondere auf den nordamerikanischen Markt blickt die Branche mit großen Sorgen, aber auch Debatten um den "Realitätscheck" der Energiewende sorgen für Stirnrunzeln.
Dabei könnte alles so schön sein. Goal 100 hält das Ausbauziel von 115.000 MW installierter Windkraftleistung im Jahr 2030 für realistisch. Außerdem stabilisiere sich der Szenariorahmen "weiterhin oberhalb der gesetzlich festgelegten Ausbauvorgabe", urteilt der Thinktank. Besonders positiv stimmt Goal 100 der weiterhin dynamische Ausbautrend. Die beantragte Leistung lag im ersten Quartal 2025 demnach bei rund 3.000 MW - ein Volumen, das dem gesamten Zubau des Vorjahres entspricht.
Genehmigungsdauer nimmt ab
Das hat der Thinktank so nicht kommen sehen. "Eine solche Entwicklung ließ sich aus den bisherigen Inbetriebnahmen nicht erkennen und war auch auf Grundlage der Genehmigungszahlen nur eingeschränkt prognostizierbar", heißt es in dem Bericht. Insbesondere die Genehmigungsdauer verringerte sich in den letzten fünf Jahren von durchschnittlich 29,1 Monaten auf 19,5 Monate. Auch bei den Projektierern zeigt sich durchaus Interesse an der Windkraft. So gab Enercity bekannt, zukünftig verstärkt eigene Windprojekte realisieren zu wollen. Ein Anspruch, den auch die Süwag mit zwei eigenen Windkraft-Töchtern verfolgt.
Trotz Verbesserung noch Potenzial nach oben
Doch die von Goal 100 erhobenen Zahlen zeigen auch Verbesserungspotenzial auf. Zwar ist die Genehmigungsdauer im Durchschnitt seit 2020 deutlich gesunken. Gleichzeitig dauern die Verfahren 2025 noch immer länger als in den Jahren 2015 und 2016. Dabei kam eine europaweit vergleichende Studie der Anwaltskanzlei Luther erst kürzlich zu dem Ergebnis, dass die Planungsdauer für den Erfolg von Windprojekten entscheidend ist. Je schneller diese ablaufe, desto attraktiver sei der jeweilige Markt für Projektierer, so eine der Kernaussagen der Analyse.
Deutschland liegt in diesem Vergleich im europäischen Mittelfeld. Während in den Niederlanden die durchschnittliche Planungsdauer nur zwei Jahre beträgt, dauert der Prozess in Deutschland vier Jahre. Nachholbedarf besteht auch bei der Dauer der Flächensicherung. Hier belegt Deutschland den geteilten vorletzten Platz in Europa gemeinsam mit Belgien, den Niederlanden und Serbien. Durchschnittlich dauert die Flächensicherung hierzulande vier Jahre, nur in Frankreich dauert es noch länger.
Verzögerungen drohen
Und es drohen weitere Verzögerungen. Deutschland hat die nationale Umsetzung der EU-Erneuerbaren-Richtlinie RED III verpasst. Da die EU-Notfallverordnung für beschleunigte Genehmigungsverfahren für Windenergieprojekte am 30. Juni 2025 ausläuft, droht nun Chaos. Es überlagern sich verschiedene Gesetze. Dies betrifft nicht nur die Genehmigungen, sondern auch die Qualifizierung von Windenergiegebieten als Beschleunigungsgebiete. Zwar steht die Umsetzung von RED III in nationales Recht mit auf der obersten Agenda der neuen Bundesregierung. Aber selbst wenn es gelingen sollte, die Umsetzung noch vor der parlamentarischen Sommerpause anzustoßen, ist mit einem Inkrafttreten nicht vor dem Jahresbeginn 2026 zu rechnen. Für Projektierer bedeutet dies mehr Antragsaufwand, mehr Bürokratie und die Gefahr von Genehmigungsstau.
Politische Stimmungslage schwierig
Dabei ist die schnelle Umsetzung von RED III nicht das einzige Thema, das der Branche gerade Kopfschmerzen bereitet. Mit ihren Äußerungen über einen "Realitätscheck" der Energiewende hat die neue Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) für Verunsicherung gesorgt. Die neue Bundesregierung hatte angekündigt, den Ausbau der Erneuerbaren evaluieren zu wollen. Zwar bekannten sich die Energieminister der Länder auf einer Konferenz dazu, die Energiewende konsequent weiterzuführen. Im Koalitionsvertrag gibt es allerdings Passagen, die insbesondere bei den Flächenzielen Unsicherheiten erzeugen. So soll das Zwischenziel bis 2027 bestehen bleiben, das für 2032 will Schwarz-Rot jedoch evaluieren. Dabei gilt das 2-Prozent-Flächenziel als wichtiges Signal für die Planungssicherheit der Branche. Abo-Energy-Geschäftsführer Thomas Treiling befürchtete, die Überprüfung könne die künftige Flächenausweisung beeinträchtigen und verlangsamen.
Netzanschlüsse auch für Windprojektierer großes Problem
Vermutlich auch deshalb ist die Branchenstimmung laut Wetix auf einem Vierjahrestief. Zwar bewerten die rund 900 befragten Akteure die weltweiten Onshore-Märkte - mit Ausnahme des nordamerikanischen Marktes infolge der Politik von Präsident Donald Trump - als weiterhin positiv. Im Vergleich zum letzten Wetix ist die Stimmung jedoch deutlich pessimistischer. Auch ein Grund: Netzengpässe und fehlende Netzanschlüsse. Diese verzögern laut den befragten Marktteilnehmern den Neubau von Windenergieprojekten im Durchschnitt um 2,8 Jahre.
Auch bestehende Netzengpässe ziehen den Zorn vieler Beteiligter auf sich. So beklagt etwa Johannes Lackmann, Geschäftsführer des ostwestfälischen Projektierers Hellweg Wind, in einem Brief an Bundesnetzagentur-Chef Klaus Müller, dass die "BNetzA als Aufsichtsbehörde bei Verzögerungen im Netzausbau und bei der Nutzung technischer Optimierungen die jeweiligen Netzbetreiber äußerst sanftmütig" behandle. In dem Schreiben, das energate vorliegt, klagt Lackmann darüber, dass die Anreizregulierung dazu führe, dass die Netzbetreiber ihren Wirtschaftsbetrieb möglichst profitabel machen, aber nicht die Netzkosten im Griff halten. "Wenn Netzengpässe nicht in einem angemessenen Zeitraum beseitigt werden (max. 5 Jahre), sollte die Wälzung der Redispatch-Kosten mit einem jährlich steigenden Prozentanteil ausgeschlossen werden", so der Vorschlag Lackmanns an die Bundesnetzagentur.
EEG 2027 sorgt für Run auf aktuelles Fördersystem
Ebenfalls aus Branchenkreisen wurde gegenüber energate eine weitere Sorge geäußert. Ende 2026 läuft die beihilferechtliche Genehmigung der EEG-Förderung durch die EU-Kommission aus. Die Ampelkoalition hatte erste Überlegungen dazu in einem Optionenpapier dargelegt. Wie perspektivisch Wind- und Solarenergie vergütet werden sollen, ist Stand heute jedoch noch ungewiss. Gerade deshalb gebe es derzeit einen Sturm auf Windprojekte, um noch innerhalb der bekannten Vergütungsstruktur einzutreffen, so ein Insider gegenüber energate. Seine Befürchtung: Mit dem Umstieg auf das EEG 2027 droht ein weiterer Rückschlag für die Windenergie, weil dann viele Projekte bereits unter dem alten Förderregime realisiert worden seien. /rh
Die Auswertung von Goal 100 können Sie hier einsehen. Den Trendindex gibt es ebenfalls online und er kann hier eingesehen werden.