Was erwarten Sie von Schwarz-Rot, Herr Meyerjürgens?
Berlin (energate) - In Berlin laufen die Koalitionsverhandlungen von CDU, CSU und SPD. energate befragt in einer Serie unterschiedliche Stakeholder zu ihren Erwartungen an das Energiekapitel des künftigen Koalitionsvertrags. Heute antwortet Tim Meyerjürgens, CEO von Tennet Germany. Er fordert mehr Pragmatismus und klare Regeln für den Netzausbau.
energate: Herr Meyerjürgens, was ist Ihr wichtigstes Anliegen an die künftige Bundesregierung?
Meyerjürgens: Um die Energiewende möglichst kraftvoll, effizient und kostengünstig voranzutreiben, brauchen wir vor allem eins: Verlässlichkeit. Jetzt ist nicht die Zeit für alte Grundsatzdebatten, sondern für klare Entscheidungen und stabile Rahmenbedingungen. Die meisten Projekte, die 2030 fertig sein sollen, sind längst gestartet. Was wir heute planen, wirkt weit über 2035 hinaus. Planungssicherheit ist deshalb kein Wunsch, sondern Voraussetzung, damit der Umbau unseres Energiesystems gelingt. Zudem erwarte ich pragmatische Ansätze, zum Beispiel beim Kapazitätsmarktmodell: Statt alles neu zu erfinden und langwierig mit Brüssel abzustimmen, reicht hier ein Blick auf bewährte Lösungen unserer Nachbarländer. Das spart viel Zeit, Aufwand und Kosten.
energate: Was sollte aus Ihrer Sicht auf jeden Fall im Energiekapitel des Koalitionsvertrages stehen?
Meyerjürgens: Unser Auftrag ist eine zuverlässige Stromversorgung für die Industrie und andere Netzanschlussnehmer. Dafür ist der zügige Netzausbau erforderlich. Wir fordern deshalb, dass mindestens die im Netzentwicklungsplan Strom 2023 von der Bundesnetzagentur bestätigten Drehstrom-Projekte schnell in den Bundesbedarfsplan aufgenommen werden.
energate: Was möchten Sie nicht in dem Papier lesen?
Meyerjürgens: Der Koalitionsvertrag sollte klar festlegen, dass neue HGÜ-Projekte als Freileitungen umgesetzt werden - das spart erheblich Zeit und Geld. Hybride Ansätze nach dem Prinzip "oberirdisch, wo möglich - unterirdisch, wo nötig" klingen vordergründig einfach, wären in der Praxis aber sehr teuer, langsam und technisch extrem anspruchsvoll. Wer Akzeptanz und Tempo für den Stromnetzausbau will, sollte deshalb konsequent auf Freileitungen setzen.