Was erwarten Sie von Schwarz-Rot, Herr Hartmann?
Eschborn (energate) - In Berlin laufen die Koalitionsverhandlungen von CDU, CSU und SPD. energate befragt in einer Serie unterschiedliche Stakeholder zu ihren Erwartungen an das Energiekapitel des künftigen Koalitionsvertrags. Heute antwortet Matthias Hartmann, CEO des Energiedienstleisters Techem. Er appelliert für ein intelligentes Datenmanagement und den Einsatz von KI, um Energieeffizienzpotenziale zu heben.
energate: Herr Hartmann, was ist Ihr wichtigstes Anliegen an die künftige Bundesregierung?
Hartmann: Es ist gut, dass in die Infrastruktur und den nachhaltigen Umbau der Wirtschaft investiert wird. Entscheidend ist jetzt, diese Investitionen durch eine moderne Datenpolitik und technologieoffene Rahmenbedingungen zu flankieren. Intelligentes Datenmanagement ist die Basis dafür, Wärme und Wasser effizient einzusetzen, Kosten zu senken und die Ziele auf dem Weg zur Klimaneutralität im Jahr 2045 zu erfüllen.
Auch KI wird immer wichtiger und ist inzwischen aus dem modernen Heizungskeller nicht mehr wegzudenken. Die ersten Applikationen sind bei uns bereits im Einsatz. Schon vorhandene Gebäude- und Verbrauchsdaten müssen - im Einklang mit der Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) und im Rahmen einer offenen Datenökonomie - zugänglicher gemacht und aktiv genutzt werden. So können wir die Effizienz im Heizungskeller heute schon durchschnittlich um 15 Prozent steigern - bei Wärmepumpen sogar um 27 Prozent.
Grüne Technologien und digitale Lösungen sind ein Wirtschaftstreiber in unserem Land. Innovationen in diesem Sektor stärken nicht nur die Energiewende, sondern auch die internationale Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands. Techem setzt sich für eine vorausschauende und kohärente Politik ein, die Dekarbonisierung, Digitalisierung und Investitionssicherheit konsequent zusammen denkt.
energate: Was sollte aus Ihrer Sicht sonst noch auf jeden Fall im Energiekapitel des Koalitionsvertrages stehen?
Hartmann: Der Ausbau erneuerbarer Energien und die Dekarbonisierung der Stromversorgung müssen weiter voranschreiten. Wir sollten den Schwung mitnehmen und gleichzeitig den Netzausbau stärker bedarfsorientiert und vorausschauend gestalten. Der Wettbewerb im Messstellenbetrieb wird gestärkt, damit wir den flächendeckenden Smart-Meter-Rollout schneller erreichen. Die digitale Zählerinfrastruktur ist Basis für innovative Geschäftsmodelle und erleichtert die spartenübergreifende Bündelung für eine transparente und nutzerzentrierte Erfassung des Energie- und Ressourcenverbrauchs.
Ergänzend ist es sinnvoll über eine solare Grundversorgung in Zusammenhang mit der gemeinschaftlichen Gebäudeversorgung nachzudenken. Die Solarpflicht, die bereits vielerorts für Gebäudeeigentümer gilt, wird so um eine Abnahmeverpflichtung ("solare Grundversorgung") für den erzeugten Solarstrom für die Mietenden ergänzt. So ließe sich eine ausgewogenere Verteilung von Investitions- und Nutzungsvorteilen zwischen Vermietenden und Mietenden erreichen und gleichzeitig der Ausbau erneuerbarer Energien im Gebäudesektor fördern. Damit am Ende Skaleneffekte und Investitionsanreize entstehen können, braucht es klare, langfristige und verlässliche regulatorische Rahmenbedingungen - insbesondere für dekarbonisierte, digitale Gebäudetechnologien.
energate: Was möchten Sie nicht im Koalitionsvertrag lesen?
Hartmann: Entscheidend ist, dass der Koalitionsvertrag klare, verlässliche und konsistente Rahmenbedingungen schafft. Sowohl in Bezug auf die langfristigen Klimaschutzziele als auch im Hinblick auf die kurzfristigen Maßnahmen. Vereinfachung statt Komplexität, mehr Wettbewerb und wir müssen die Machbarkeit noch stärker nach vorne stellen. Außerdem müssen wir den Energie- und Strommarkt dekarbonisiert, technologieoffen und noch europäischer denken, um die Chancen besser nutzen zu können und die Integration erneuerbarer Energien voranzutreiben.
Sämtliche Kurzinterviews der energate-Serie zur Regierungsbildung finden Sie hier.