Was eine abgespeckte Wärmeplanung für den Markt bedeuten könnte
Essen (energate) - Das Bundeswirtschaftsministerium plant Vereinfachungen bei der kommunalen Wärmeplanung. energate hat sich umgehört, wie ein Wärmeplaner, ein Dienstleister und die nordrhein-westfälische Landesgesellschaft NRW.Energy4Climate den Vorstoß finden.Erstes Fazit: Verständnis für den Vorstoß, indes Zweifel am gewählten Zeitpunkt sowie die Prognose, dass sich so viel in der Praxis gar nicht ändern dürfte.
"Grundsätzlich bin ich eine große Freundin von Pragmatismus. Ich glaube, wir müssen an der einen oder anderen Stelle auch mal fünfe gerade sein lassen", sagte Katharina Schubert, Geschäftsführerin von NRW.Energy4Climate, im Interview mit energate. Die Landesgesellschaft unterstützt Gemeinden mit einem Wärmewende-Coaching und ist auch am Kompetenzzentrum Wärmewende beteiligt.
Datenunterschiede zwischen Bundesländern sind groß
Laut den Eckpunkten zum Gebäudemodernisierungsgesetz soll der Aufwand für kleine Kommunen unter 15.000 Einwohner auf maximal 20 Prozent reduziert werden, damit alles nur noch "wenige Monate" dauert. Aber auch bei den größeren Städten sollen Planer weniger Datenaufwand betreiben, ohne auf Schornsteinfegerdaten zugreifen zu müssen. Bei einigen Bundesländern dürfte das in der gelebten Praxis gar nicht so viel ändern. "Wir beobachten ganz starke Unterschiede der Datennutzung zwischen den Bundesländern. In Bayern sind die aggregierten und anonymisierten Schornsteinfegerdaten beispielsweise unbrauchbar für uns", erläuterte Mathias Frenz, Produktmanager bei Eneka.
Der Rostocker Dienstleister hat seine Software zum Aufbau eines digitalen Zwillings in über 600 Kommunen eingesetzt. Darunter sind größere Städte wie Leipzig, Siegen, Salzgitter oder der Landkreis Celle, aber auch viele kleine und mittlere Gemeinden mit nur 10.000 oder 20.000 Einwohnern. Frenz erläuterte dies an einem Beispiel: Ist in einer bayerischen Stadt nur bekannt, dass fünf Erdgas- und/oder sieben Pelletheizungen in einem Straßenzug stehen, lässt sich nur raten, wo. Auch sagen die Schornsteinfegerdaten nichts über den Zustand der Gebäude aus. "Da wird womöglich aus einem Gebäude, das potenziell an ein Wärmenetz angeschlossen werden kann, ein Wärmepumpenkandidat." Eneka hat in Projekten aus Bayern beobachtet, dass die dortigen aggregierten Schornsteinfegerdaten wegen der Fehleranfälligkeit der Daten gar nicht erst in den digitalen Zwilling eingeflossen sind, sondern nur tabellarisch in den Abschlussbericht eingebunden wurden, um die Pflicht der Einbindung zu erfüllen.
Qualität hängt eher am Menschen als an Daten
Mit den Daten der Katasterämter und zugekauften Daten von weiteren Anbietern lässt sich laut Eneka schon eine Genauigkeit von 80 Prozent erreichen. Der Aufwand für die restlichen 20 Prozent stehe in keinem Verhältnis zu den Kosten, etwa indem Architekten die Gebäude begutachten oder alte Leitz-Ordner zur vorhandenen Infrastruktur in der Straße durchkämmt werden.
Auch der Wärmeplaner Green Planet Energy teilt die Einschätzung, dass die Qualität wegen weniger Daten nicht leiden werde. "Planer haben bereits heute - insbesondere bei kleineren Kommunen - die Möglichkeit, wesentliche Daten selbst zu beschaffen oder abzuschätzen", so Alexander Karasek, der Referent Politik und Kommunikation beim genossenschaftlich organisierten Hamburger Unternehmen ist.
Der zweite noch größere Faktor bei der Qualität der Wärmeplanung sind die Menschen dahinter. "Wir stellen extreme Unterschiede bei fertigen Wärmeplänen fest. Nicht selten fragt man sich, ob ganze Absätze einfach vergessen oder bewusst ausgelassen wurden", so Eneka-Produktmanager Frenz. In seinen Augen steht und fällt die Qualität der Wärmeplanung mit dem Dienstleister und weniger mit einzelnen Sätzen des Wärmeplanungsgesetzes (WPG), das die Bundesländer noch jeweils in eigene Gesetze gießen müssen.
Kritik am Zeitpunkt der Reform
Bisher liegen nur die ersten Eckpunkte vor, der Entwurf zur Änderung des WPG aber nicht. Green Planet Energy hinterfragt, ob ausgerechnet jetzt der beste Zeitpunkt dafür ist, eine Novelle auf den Weg zu bringen. Zur Erinnerung: Große Kommunen mit über 100.000 Einwohnern müssen bereits Ende Juni dieses Jahres einen Wärmeplan vorlegen, die kleineren haben zwei weitere Jahre Zeit. "Die vorhandenen Ansätze für vereinfachte Regelungen wurden bislang kaum erprobt und evaluiert. Daher ist unsere Empfehlung, dass diese entsprechend den Landesgesetzen zunächst konsequent angewendet und deren Zielbeitrag evaluiert werden sollte, statt kaum Erprobtes jetzt zu ändern", so Karasek. Ein guter Zeitpunkt zur länderübergreifenden Auswertung sei nach Mitte 2028, wenn alle Wärmepläne zur Verfügung stehen. Anschließend können Anpassungen für die Fortschreibung der Pläne erfolgen, die laut Gesetz alle fünf Jahre anstehen.
Auch fürchtet Green Planet Energy, dass durch die Ankündigung der Erleichterung manch eine Gemeinde die Hände in den Schoß legen könnte. Kleinere Kommunen waren bislang, auch aufgrund einer schlechteren Personal- und/oder Finanzdecke, zögerlicher. "Wenn viele Kommunen jetzt auf die Umsetzung der neuen Regelungen in Landesgesetze warten, besteht das Risiko, dass die verbleibende Zeit für eine qualitätsvolle Wärmeplanung sehr knapp wird", warnt Karasek. /mt
Das vollständige Interview mit Katharina Schubert, Geschäftsführerin von NRW.Energy4Climate, zum Wärmenetzausbau mit Fragen zur Finanzierung und Kommunikation sowie einer Bewertung zum Gebäudemodernisierungsgesetz lesen Sie im heutigen Add-on Gas- und Wärme.