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Warnung vor dem Messstellen-Monopol

Berlin (energate) - Zahlreiche Unternehmen aus der Energie- und Messbranche warnen die Politik vor einer Rückkehr zu monopolistischen Strukturen im Messwesen. Die CEOs von Enpal, Techem, Lichtblick, Octopus Energy und Inexogy haben gemeinsam mit mehr als 20 weiteren Unternehmen und Verbänden einen Appell veröffentlicht. Sie fordern ein klares politisches Bekenntnis zum Wettbewerb im Messstellenbetrieb und wenden sich gegen eine mögliche Rückführung dieser Aufgabe in ein Monopol der Netzbetreiber.

 

Auslöser ist die anhaltende politische Debatte über die künftige Rolle des wettbewerblichen Messstellenbetriebs. Seit der Ankündigung des Bundeswirtschaftsministeriums, den verpflichtenden Rollout stärker in die Hände der Verteilnetzbetreiber legen zu wollen, ist weiterhin offen, wie die Umstellung konkret aussehen soll und welche Rolle der wettbewerbliche Messstellenbetrieb künftig spielen wird. Auch Monate nach der Ankündigung gibt es dazu keine belastbaren Aussagen aus dem Ministerium. Eine entsprechende energate-Anfrage dazu beim Bundeswirtschaftsministerium blieb mit dem Verweis auf laufende Prozesse jüngst unbeantwortet.

 

Marktordnung und Tempo der Digitalisierung in Gefahr

 

Aus Sicht der Unternehmen steht dabei nicht nur die Marktordnung, sondern auch das Tempo der Digitalisierung im Energiesektor auf dem Spiel. Der wettbewerbliche Messstellenbetrieb habe den Smart-Meter-Rollout zuletzt spürbar beschleunigt. "Der Rollout hat endlich an Fahrt gewonnen - jetzt kommt es darauf an, den regulatorischen Rahmen nicht erneut grundlegend zu verändern", erklärte Enpal-CEO Mario Kohle. Entscheidend seien nun Verlässlichkeit und Planungssicherheit, damit sich alle Marktakteure auf die Umsetzung konzentrieren könnten.

 

Die Sorge ist nicht neu. Bereits der Monitoringbericht der Beratungsunternehmen BET und Ewi für das Bundeswirtschaftsministerium hatte empfohlen, gleiche Wettbewerbsbedingungen für grundzuständige und wettbewerbliche Messstellenbetreiber zu schaffen. Zugleich kritisierte BET, dass es bislang an ausreichendem Druck auf die grundzuständigen Messstellenbetreiber fehle, die gesetzlichen Rolloutziele zu erreichen. Die politischen Ankündigungen von zehn Schlüsselmaßnahmen standen aus Branchensicht im Widerspruch zu diesen Empfehlungen und nährten die Befürchtung, der Wettbewerb könne zurückgedrängt werden.

 

Nach Angaben der Unterzeichner des Appells betreiben wettbewerbliche Messstellenbetreiber bereits mehr als 15 Prozent aller intelligenten Messsysteme in Deutschland. Sie investieren dreistellige Millionenbeträge und haben sich verpflichtet, in den kommenden drei Jahren rund fünf Millionen weitere Smart Meter zu installieren. Dieser Beitrag sei zentral, um Deutschland aus der europäischen Schlussgruppe beim Smart-Meter-Rollout herauszuführen.

 

"Deutschland braucht echten Wettbewerb"

 

Neben steigenden Installationszahlen heben die Unternehmen die digitale Kompetenz der wettbewerblichen Anbieter hervor. Durch bundesweit einheitliche Prozesse werde der Rollout effizienter und kostengünstiger. Zugleich unterstützten diese Anbieter Stadtwerke und grundzuständige Messstellenbetreiber, denen häufig Kapital oder personelle Ressourcen für einen schnellen Hochlauf fehlten. Jochen Schwill, Gründer und CEO von Spotmyenergy, die sich ebenfalls an dem Appell beteiligen, forderte zuletzt im energate-Interview daher bessere Kooperation im Messstellenbetrieb. David Zimmer, CEO von Inexogy Smart Metering, kommentierte, die Politik müsse stärker den Austausch mit den Kunden wettbewerblicher Messstellenbetreiber suchen. Aus diesen Gesprächen ergebe sich "ein eindeutiges Bild: Deutschland braucht echten Wettbewerb, Skalierbarkeit und netzübergreifende Akteure im Messwesen".

 

Zugleich zeigt ein Blick auf die Verteilnetzbetreiber, dass auch dort keine einfache Lösung gesehen wird. Der Eon-Konzern hatte gegenüber energate bereits darauf hingewiesen, dass eine mögliche Reintegration des grundzuständigen Messstellenbetriebs in die Verteilnetze neue Prozesse erfordern und "kurzfristig" nicht zu einer Beschleunigung des Rollouts beitragen würde. Auch andere Netzbetreiber verweisen auf fehlende Details und sehen sich außerstande, die Auswirkungen der politischen Pläne seriös zu bewerten.

 

Der Handlungsdruck ist hoch. Zum Stichtag 30. Juni lag die Quote der Pflichteinbauten bei 16,4 Prozent, die Zielmarke von 20 Prozent bis zum Jahresende droht verfehlt zu werden. Vertreter der Länder forderten zuletzt mehr Klarheit und Verlässlichkeit vom Bund. Parallel hat die Bundesnetzagentur neue Standards für den Messstellenbetrieb beschlossen und setzt dabei auf Anreize und Pönalen bei Pflichtverstößen.

 

Warnung: Re-Monopolisierung erhöht Kosten

 

Die CEOs der wettbewerblichen Anbieter halten es für entscheidend, Investitionen und Innovationen nicht durch neue Unsicherheiten zu gefährden. Eine Re-Monopolisierung würde aus ihrer Sicht Kosten erhöhen, Abhängigkeiten von wenigen Infrastrukturanbietern schaffen und die Digitalisierung der Netze verzögern. "Wir sind gerade auf die Überholspur eingebogen - und treten schon wieder auf die Bremse", sagte Lichtblick-CEO Marc Wallraff. Wettbewerb schaffe Effizienz und wirtschaftlich sinnvolle Lösungen, während neue Abhängigkeiten von wenigen Infrastrukturanbietern die Energiewende verzögern würden.

 

Auch Techem-CEO Matthias Hartmann sieht grundlegende Risiken für den Transformationsprozess. Die Liberalisierung des Messmarkts sei eine strategisch richtige Entscheidung gewesen, um marktgerechte Preise, Innovation und Geschwindigkeit zu ermöglichen. Den Wettbewerb jetzt zu beschneiden, wäre aus seiner Sicht "absurd und kontraproduktiv". Sein Kollege Gero Lücking, Head of Smart Metering bei Techem, äußerte sich im energate-Interview bereits ähnlich.

 

Die wettbewerblichen Messstellenbetreiber sehen sich zudem als wichtigen Partner für Geschäftsmodelle der Energiewende. Sie könnten flexibel und schnell mit Anbietern von Wärmepumpen, Photovoltaik- und Speicherlösungen, Wallboxen, E-Mobilität, intelligenten Steuerungssystemen und Mieterstrommodellen kooperieren. Auch kundengetriebene Installationen spielten eine wichtige Rolle. Smart Meter ließen sich auf freiwilliger Basis und auf Wunsch der Nutzer installieren, was den Rollout beschleunige und stärker an den Bedürfnissen der Kundinnen und Kunden ausrichte. /mh

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