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Waffenstillstand sorgt für Gaspreissturz

Berlin (energate) - Die Verkündung eines zweiwöchigen Waffenstillstandes und der Öffnung der Straße von Hormus hat am Morgen des 8. April einen regelrechten Absturz der Handelsnotierungen ausgelöst. Analysten sehen den Konflikt allerdings nicht gelöst, sondern werten die zwei Wochen eher als Aufschub, wie bei einem Webinar, organisiert vom Münchner Handelsplattformbetreiber Enmacc, deutlich wurde. Auch werde es eher Monate statt Wochen brauchen, bis neues Öl und LNG tatsächlich in den Markt gelange, so die Prognose.

 

In der Nacht zum 8. April lief das Ultimatum des US-Präsidenten Donald Trump aus. Dieser hatte mit massiven Angriffen auf die Infrastruktur des Irans gedroht, sollte dieser die Passage durch die Straße von Hormus für die Handelsschifffahrt nicht freigeben. Das führte zu Risikoprämien. Auch Angriffe auf die für die iranischen Ölexporte substanzielle Insel Kharg trieben zunächst noch die Notierungen an. Nach der Ankündigung der Waffenruhe verlor der Day-Ahead am niederländischen Gashandelspunkt TTF bis 8:50 Uhr 3,58 Euro und fiel auf 49,42 Euro/MWh. Das Quartal 3/2026 gab massiv um 9,14 Euro auf 44,00 Euro/MWh nach, der Jahreskontrakt 2027 rutschte auf 35,42 Euro/MWh ab - ein Minus von 6,24 Euro gegenüber dem Schlusskurs am Vortag. Auch der Ölmarkt reagierte vormittags mit einem Minus der näherliegenden Kontrakte für Brent Crude Futures um bis zu 15 Prozent, ebenso wie der Stromterminmarkt. 

 

Aufschub statt Lösung

 

Bei dem Enmacc-Webinar wurde die zweiwöchige Waffenruhe eher als Aufschub denn als Durchbruch gewertet. Es gebe keine echte Deeskalation, zentrale Akteure wie Israel seien nicht in formelle Verhandlungen eingebunden. Die LNG-Produktion und Verschiffung werde erst wieder hochgefahren, wenn reale Sicherheit bestehe, sagte Anne-Sophie Corbeau vom Center on Global Energy Policy an der Columbia University. Sie war als LNG-Expertin unter anderem für BP und die Internationale Energieagentur (IEA) tätig. Auch wenn die Straße von Hormus offen bleibe, komme nicht sofort neues LNG in den Markt. Logistik, Tankerpositionierung und die Wiederinbetriebnahme der Anlagen brauchten Monate. 

 

Für Wayne Bryan, Director of European Gas Research der London Stock Exchange Group (LSEG), sind die aktuellen Preise angesichts der nach wie vor bestehenden Risiken eher zu niedrig als zu hoch angesetzt. Negative Schlagzeilen könnten die aktuelle Preisbewegung schnell wieder in ihr Gegenteil verkehren. 

 

Im Tagesverlauf haben mehrere Golfstaaten gemeldet, dass sie weiterhin Ziel iranischer Angriffe sind. Zudem hat sich gezeigt, dass die Öffnung der Straße von Hormus noch nicht eindeutig geregelt ist. Der Iran hält die Meerenge am Mittwoch weiter geschlossen, eine Öffnung könne am Donnerstag oder Freitag erfolgen, hieß es laut Medienberichten. Zudem will sich der Iran die Durchfahrt bezahlen lassen. Von zwei Mio. Euro pro Schiff ist die Rede. Die USA sollen dem zugestimmt haben. Für Corbeau ein beispielloses und völkerrechtlich problematisches Vorgehen. Dem Iran werde damit faktisch die Kontrolle über eine internationale Wasserstraße eingeräumt. Die zusätzlichen Kosten würden die Inflation weiter in die Höhe treiben, ergänzte Bryan. Schiffe in den Golf zu schicken bleibe trotz Gebühren hochriskant. "Die Straße von Hormus bleibt der größte strukturelle Unsicherheitsfaktor."

 

Speicherstände beruhigend

 

Positiv bewerteten die Analysten die aktuelle Speichersituation. Mit 28 bis 29 Prozent seien die europäischen Speicherfüllstände nur knapp unter dem Vorjahreswert von 35 Prozent. Dennoch bleibe die Wiederbefüllung der Speicher im Sommer angesichts der Preisniveaus die größte Herausforderung. Am Nachmittag notierte der TTF-Future für das Sommerquartal Q3/26 bei 44,32 Euro/MWh. Das Winterquartal Q1/27 kostete nur 42,745 Euro/MWh. Damit ist die Einspeicherung im Spätsommer für den nächsten Winter ein Minusgeschäft. Um einen Füllstand von 70 Prozent vor dem nächsten Winter zu erreichen, empfahl Bryan dennoch ein frühes Einspeichern. Auf einen möglichen Preissturz zu warten, könnte Händler teuer zu stehen kommen.

 

Zur weiteren Marktentwicklung hieß es, die eigentlich für das Jahr 2027 erwartete Angebotswelle aus Katar sei erst einmal vom Tisch. Durch die beschädigten LNG-Trains und die damit verbundenen Produktionsausfälle sei mit einer Erweiterung der LNG-Produktion erst ab dem kommenden Jahr zu rechnen. Es gehe nicht mehr um die Frage, wie man mit einem "überschwemmten Markt" umgeht, vielmehr dominiere die mittelfristige Knappheit: Wie stark werden Industrie und Stromerzeugung davon beeinträchtigt?

 

Knappheit und Nachfragesituation

 

Als Hauptleidtragende verwiesen die Analysten auf Länder wie Indien, Pakistan und Bangladesch, weil sie finanziell nicht im Bieterwettbewerb um knapperes LNG mithalten können. Überraschend sei, dass China aktuell nur wenig LNG importiere, Mengen zum Teil sogar weiterverkaufe. Der Grund dafür sei vermutlich eine staatlich gelenkte Nachfragesteuerung. Auch Europa sei gut beraten, seinen Verbrauch zu reduzieren, vor allem im Stromsektor. Aber auch sonst sollten ungenutzte Effizienzpotenziale geprüft werden, so die Empfehlung. Staatliche Maßnahmen wie einen Preisdeckel lehnte Corbeau ab. Damit würden nur Mengen ins höherpreisige Asien umgelenkt.

 

In Berlin sind sich Union und SPD derweil weiter uneins, wie eine Entlastung hierzulande am besten aussehen sollte. Trotz Waffenruhe im Nahen Osten und einer Öffnung der Straße von Hormus wollen sie darüber weiter verhandeln. Eine schnelle Entwarnung an der Tankstelle erwartet die Bundesregierung nicht. Ein Tanker brauche drei bis sechs Wochen von der Meerenge von Hormus nach Europa, sagte ein Regierungssprecher. /tc/or

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