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Wärme-Rollout zieht davon - doch die Wohnungswirtschaft bremst

Essen (energate) - Während im Strombereich die Messstellenbetreiber den Smart-Meter-Rollout verschleppen und dafür Abmahnungen der Bundesnetzagentur kassieren, läuft es im Wärmebereich besser."Wir haben bereits 30 Millionen funkende Geräte und mehr als eine halbe Million Gateways verbaut", sagte der CEO des Messdienstleisters Ista, Hagen Lessing, beim Redaktionsbesuch in Essen. Getrieben wird der Einbau durch die EU-Vorgabe, dass bis Ende 2026 alle Messgeräte fernauslesbar sein müssen. Anfang Mai, also knapp acht Monate vor Ablauf der Frist, sind etwa 80 Prozent der Ista-Messgeräte umgestellt.

 

Die fehlenden 20 Prozent resultieren nicht aus einem Hardware-Engpass oder mangelndem Personal, sondern aus fehlenden Aufträgen. Nicht der Messdienstleister Ista, sondern die Wohnungsunternehmen sind reguliert. Kommen sie ihrer Pflicht nicht nach, besteht für Mieter sogar ein Kürzungsrecht. Ista erinnert zwar mehrmals an die Vorgaben und die finanziellen Konsequenzen, mehr indes geht nicht. "Wenn sich ein Kunde dazu entschließt, keine Funktechnik zu verbauen, ist das seine Entscheidung", betonte Lessing. Geregelt ist die Pflicht in der Heizkostenverordnung, für die der Bundesrat bereits im Jahr 2021 den Weg freimachte. Ziel ist eine monatliche Informationsmöglichkeit für Haushalte zu ihrem individuellen Verbrauch im Vergleich zum Durchschnitt.

 

Wohnungswirtschaft sieht sich im Zeitplan 

 

Der Spitzenverband der Wohnungswirtschaft GdW sieht trotz der noch bestehenden Lücken seine Mitgliederunternehmen, die  insgesamt rund ein Drittel des Mietwohnungsmarktes ausmachen, "im Plan". "Sofern überhaupt noch Punkte offen sind, liegen ernsthafte Gründe vor. Die Unternehmen halten sich an Gesetze und Verordnungen", sagte Fabian Viehrig, Leiter Bauen und Technik. Die Geschäftsführer würden jeweils für die Einhaltung haften und würden dahingehend auch geprüft. "In der Praxis steckt der Teufel manchmal im Detail, da kann eine reine Zahlenbetrachtung keinen Einblick geben", so Viehrig.

 

Betroffen von der Vorgabe sind ca. 20 Mio. Wohnungen in Mehrfamilienhäusern, viel Arbeit also für Immobilienverantwortliche und ihre Submetering-Partner. Jede deutsche Wohnung zählt im Durchschnitt 5,5 Messgeräte: zwei Wasserzähler und drei bis vier Heizkostenverteiler. Ista kann ungefähr 40 Wohnungen mit einem Gateway abdecken. Die Fertigung der Messtechnik erfolgt überwiegend in Asien, kleinere Stückzahlen in Europa, die Entwicklung läuft hauptsächlich beim Heimatsitz Essen. Die Geräte seien kostengünstiger als die Smart-Meter-Gateways - wie viel konkret, wollte Lessing auf Nachfrage der Redaktion nicht beziffern.

 

Gateways für Wärme und Strom mit großen Unterschieden

 

 

Im Strombereich stellt das zuständige Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik hohe Anforderungen. Nicht nur die (Re-)Zertifizierungen, sondern auch der Transport - in geschlossenen und gesicherten Boxen - ist aufwendig. Am Messstellenbetriebsgesetz, das den zentralisierten Datenfluss über das Smart-Meter-Gateway vorschreibt, übt der Ista-Chef harsche Kritik. Ein grundlegender "Konstruktionsfehler" ist in seinen Augen die Vermengung von Messen und Steuern. Die hohen Sicherheitsanforderungen seien für Steueranwendungen etwa für Solaranlagen oder Wärmepumpen zwar richtig, für reine Messfälle aber überzogen und damit überteuert. Der Gedanke, dass ein Smart-Meter-Gateway im Keller - dort, wo der Empfang am schlechtesten ist - alle Geräte im Gebäude erreicht, sei zudem unrealistisch. "Deshalb setzen wir weiterhin eigene Gateways ein, die die Daten sammeln und weiterleiten", erläuterte Lessing - im Hausflur oder auf höheren Etagen.

 

Ladedienstleister im Immobilienbereich

 

Allerdings verbaut das Essener Unternehmen inzwischen auf Kundenwunsch auch eingekaufte Gateways für die Strommessung. Die Idee dahinter: alle Messdaten aus einer Hand ohne Anfahrt eines Messdienstes zur Immobilie. Finanziell interessant wird es, sobald häufige Messungen etwa für das Laden von E-Autos auf Parkplätzen oder in Tiefgaragen erforderlich sind. Aktuell zählt Ista 4.000 Ladepunkte in Deutschland, bis 2030 sollen es 25.000 werden. "Da der Markt sehr wettbewerbsintensiv ist, schauen wir genau hin, denn wir wollen wirtschaftlich arbeiten und kein Geld verbrennen", so Lessing. 

 

Schlummernde Effizienz im Gebäudesektor

 

In dem von den Gateways eingesammelten Datenschatz schlummert viel Potenzial - insbesondere in Zeiten steigender Energiepreise. Auch werden die Daten im Zuge der europäischen Regulierung für die Finanzierung von Gebäuden immer wichtiger. Banken achten zunehmend auf Energiekennzahlen. Große Unternehmen unterliegen Reportingpflichten zu Energieverbrauch und CO2-Ausstoß.

 

Erst mit Zählern hinter dem Hauptzähler (Submetering) wird sichtbar, wo Energie verbraucht oder verschwendet wird. Dies gilt nicht nur für die typischen Wohngebäude, sondern auch bei Gewerbegebäuden. Diese adressiert die Ista inzwischen in einem eigenen Geschäftsbereich. In Einkaufszentren, Bahnhöfen und Büros ohne Voranalyse seien Einsparungen von 20 Prozent das "Minimum", wirbt Lessing. Die Ursachen seien durchaus vielfältig: Die Heizung ist zu hoch eingestellt, sie läuft am Wochenende weiter und besonders prekär: Heizungen und Klimaanlagen laufen parallel. "Mitunter begegnen uns auch kuriose Fälle: Eine zugemauerte Toilettenanlage mit einer defekten Spülung, die dauerhaft Wasser verbraucht hat - oder in Schulen Heizkörper, die im Keller auf Stufe fünf laufen. Solche Dinge passieren", so der Ista-CEO. /mt

 

Das vollständige Interview lesen Sie im heutigen Add-on Gas und Wärme. 

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