US-Zölle beunruhigen Energiebranche und Industrie
Berlin (energate) - Große Teile der deutschen Industrie sind über die Zollankündigungen von US-Präsident Donald Trump besorgt. "Wir blicken mit Sorge auf die zunehmend destruktive Handelspolitik der USA", sagte Wolfram Axthelm, Geschäftsführer des Bundesverband Windenergie (BWE) auf Nachfrage. Trump hatte am 2. April Zölle von 20 Prozent auf nahezu alle Produkte aus der EU angekündigt. Sie sind Teil eines Zollpakets, das die USA gegen alle Länder verhängen, die einen Handelsüberschuss gegenüber den USA aufweisen. Die Zölle sollen per Dekret des US-Präsidenten ab dem 9. April gelten. Einige Produkte sind jedoch davon ausgenommen, darunter fallen Halbleiter, fossile Energieträger und seltene Rohstoffe wie Lithium, Kupfer und Silber. Die schon vorher angekündigten Zölle von unter anderem 25 Prozent auf Stahl und Aluminium gelten aber weiterhin. Auch Länder, die mehr aus den USA importieren als dorthin exportieren, sind mit neuen Zöllen konfrontiert. Für ihre Produkte gelten bereits ab dem 5. April Zölle von zehn Prozent.
Es stelle sich die Frage, wie langfristig die Zölle sein werden, sagte Axthelm. Bleibe es aber dabei, drohe allen Seiten schwerer wirtschaftlicher Schaden. Die EU müsse den Ausbau der erneuerbaren Energien weiter vorantreiben. Dies verstärke die Unabhängigkeit und setze Impulse für Wertschöpfung und Beschäftigung. Es gelte, diesen Weg weiterzugehen, "da auch die Verlässlichkeit zum Beispiel US-amerikanischer Energieimporte schwer einzuschätzen ist", so Axthelm.
Mögliche Zölle von Trump hatten einige Unternehmen schon in ihre Geschäftsplanung einbezogen. Pit Yannik Podleschny, Geschäftsführer bei Hydrogenea sagte auf energate-Nachfrage: "Es war leider schon länger absehbar, dass Trump wieder Präsident werden und mit willkürlichen Zöllen um sich werfen könnte sowie zusätzlich den Markthochlauf von grüner Technologie torpedieren würde. Mit solchen Unsicherheiten kann man kein zuverlässiges Geschäftsmodell aufbauen." Der Hersteller von Komponenten für Elektrolyseure habe sich deshalb bewusst dazu entschieden, sowohl in der Zuliefererkette als auch bei den Kunden von den USA weitestgehend unabhängig zu bleiben.
Indirekte Auswirkungen erwartet
Eine Sprecherin von Bosch nannte die Zölle eine "Herausforderung". "Es gilt, ein "level playing field" für die Automobilindustrie weltweit und vor allem auch die Zuliefererindustrie zu erhalten. Wir setzen darauf, dass politische Entscheidungsträger den Dialog fortsetzen, um in der aktuellen komplexen Lage gemeinsam eine Lösung zu finden", so die Sprecherin. Auch eine Thyssenkrupp-Sprecherin sprach von einer Herausforderung. Der Großteil des US-Umsatzes des Unternehmens stamme aus dem Handelsgeschäft und der Automobilzuliefersparte. Ein signifikanter Teil der Produktion für Kunden aus den USA finde bereits innerhalb der Vereinigten Staaten statt. "Indirekte Auswirkungen werden mit hoher Wahrscheinlichkeit zeitverzögert eintreten. Es ist momentan noch zu früh, um konkrete Aussagen über das Ausmaß dieser Effekte zu treffen", so die Sprecherin. Faktoren wie die Reaktion von Kunden, Verbraucherverhalten und etwaige Ausgleichsmaßnahmen spielten dabei eine Rolle.
Armdrücken und Deeskalation
"Der US-Präsident hat der Weltwirtschaft einen weiteren Tiefschlag verpasst", kommentierte Wolfgang Große Entrup, Hauptgeschäftsführer des Verbands der Chemischen Industrie (VCI) die von Trump angekündigten Zölle. Eine Eskalationsspirale müsse vermieden werden. Die USA seien ein zentraler Wirtschaftspartner und würden es auch bleiben. "Die richtige Balance aus angemessener Reaktion und möglicher Selbstschädigung ist die Herausforderung der Stunde", so der VCI-Hauptgeschäftsführer. Die Chemieindustrie exportierte 2024 Waren im Wert von 10,2 Mrd. Euro in die USA. Die EU-Staaten müssten nun zusammenhalten und auch den Schulterschluss mit anderen Ländern suchen, die auch von US-Zöllen betroffen sind, so Große Entrup.
Noch-Bundeswirtschafsminister Robert Habeck nannte die Zollankündigungen die "destruktivsten" seit 90 Jahren. Sie seien vergleichbar mit der Wucht des Angriffskriegs Russlands auf die Ukraine. Europa müsse nun geeint handeln. Die EU-Kommission sei dabei, Gegenmaßnahmen abzustimmen. Trump müsse den Druck spüren. "Dann werden wir gucken, wer bei diesem Armdrücken der Kräftigere ist", so Habeck. Bei einem Handelskrieg gebe es allerdings nur Verlierer. Die EU gebe den USA deshalb noch 14 Tage Zeit, Verhandlungen aufzunehmen. Das Ziel sollte sein, zu deeskalieren.
Thomas Silberhorn, Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion für transatlantische Beziehungen, sagte, die Zölle bremsten das Wachstum "auf beiden Seiten des Atlantiks". Gegenzölle der EU-Kommission würden nicht vermeidbar sein. Sie müssten aber mit einem Verhandlungsangebot verbunden werden. Mit einem Handelsvolumen von 253 Mrd. Euro im Jahr 2024 seien die USA der wichtigste Handelspartner Deutschlands. Die stellvertretende Vorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion, Verena Hubertz, deren Partei derzeit mit der Union über eine Koalition verhandelt, sagte, die Situation sei "eine Chance für Europa, stark zu sein und sich zu beweisen". Würden die Zollschranken hochgefahren, werde es für alle teurer. Die EU müsse hart mit Gegenmaßnahmen reagieren.
USA auf Schlüsseltechnologien aus Ausland angewiesen
Der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) unterstütze die Strategie der EU, sagte Wolfgang Niedermark, Mitglied der Hauptgeschäftsführung des BDI. Auch der Verband Die Papierindustrie unterstütze die Strategie, sagte eine Sprecherin des Verbands, mit Blick auf die exportierten Papierprodukte und Zellstoffe in die USA. Die Zölle bedrohten nicht nur den Handel zwischen der EU und den USA, sondern auch internationale Lieferketten und die Produktion in Deutschland. "Der enge Austausch mit den Vereinigten Staaten muss auch in diesen schwierigen Zeiten beibehalten werden, um nachhaltige und schnelle Lösungen für den Handelskonflikt zu finden", so die Sprecherin.
Bertram Kawlath, Präsident des Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA) warnte vor einer "Spirale der Abschottung". Denn die EU werde wohl mit Gegenzölle reagieren. Die Zölle würden zudem auch der US-amerikanischen Industrie schaden, denn die sei bei bestimmten Schlüsseltechnologien, auch aus dem Bereich der Energietechnik, auf Anbieter aus dem Ausland angewiesen. /kij