Stromgebotszonen: Nutzen fraglich, Widerstand groß
Brüssel (energate) - Eine Aufteilung Deutschlands in fünf Zonen ist die wirtschaftlich sinnvollste Alternative zur derzeitigen einheitlichen Stromgebotszone. Der potenzielle Gewinn könnte jährlich bis zu 339 Mio. Euro betragen. Das ist ein Ergebnis des sogenannten "Bidding Zone Review" des europäischen Verbands der Übertragungsnetzbetreiber Entso-E. In Deutschland gibt es jedoch starken Widerstand gegen eine Teilung, auch von den vier Übertragungsnetzbetreibern. Praktische Hürden und Risiken würden überwiegen.
Die Übertragungsnetzbetreiber haben im Rahmen des "Bidding Zone Review" für das Zieljahr 2025 die aktuelle Gebotszoneneinteilung in Zentraleuropa überprüft. In der Studie wurden zehn alternative Konfigurationen analysiert und anhand von 22 Kriterien bewertet. Die Vorgaben kommen von der europäischen Regulierungsbehörde Acer. Im Mittelpunkt standen wirtschaftliche Effizienz, Systemsicherheit, Marktfunktionalität und Auswirkungen auf den Netzausbau. Ziel der Untersuchung ist es, eine optimale Konfiguration der Gebotszonen zu finden.
Gewinn weniger als ein Prozent der Systemkosten
Im Ergebnis zeigte sich, dass eine Aufteilung der heutigen Gebotszone Deutschland/Luxemburg in fünf kleinere Zonen den höchsten monetären Nutzen gegenüber dem Status quo aufweist. Die geschätzten Effizienzgewinne belaufen sich auf besagte 339 Mio. Euro pro Jahr. Dies entspricht allerdings weniger als einem Prozent der gesamten Systemkosten der Region. Laut Report würde die Einführung von Splits in der deutsch-luxemburgischen Gebotszone zu einem höheren Preis im Süden von gerade mal rund 0,1 Cent/kWh führen. Norddeutschland könnte von einem Preisrückgang im Bereich von 0,4 Cent/kWh profitieren. Der Energieökonom Lion Hirth von der Hertie School verwies darauf, dass die Preisunterschiede bei den Netzentgelten deutlich höher seien.
Trotz potenzieller Kostenvorteile einer Teilung der deutsch-luxemburgischen Zone verweisen die betroffenen Übertragungsnetzbetreiber in dem "Bidding Zone Review" darauf, dass das Ergebnis ausschließlich auf der von Acer vorgegebenen Methodik basiert und wesentliche zusätzliche Faktoren unberücksichtigt bleiben. Sie heben hervor, dass die Resultate des Berichts nicht isoliert betrachtet werden sollten, sondern in eine umfassende Gesamtbewertung aller relevanten Aspekte einfließen müssen.
Eine Umsetzung der Zonenteilung wäre demnach frühestens in drei bis fünf Jahren realistisch. Zudem würden die Modellrechnungen auf Eingangsdaten aus dem Jahr 2019 beruhen und damit die aktuelle Systementwicklung - etwa beim Ausbau der erneuerbaren Energien und den Stromnetzen - nicht ausreichend abbilden.
Netzbetreiber halten Aufteilung für nicht gerechtfertigt
Die vier deutschen Übertragungsnetzbetreiber 50 Hertz, Amprion, Tennet und Transnet BW verweisen zudem in einem gesonderten Positionspapier auf diese Unsicherheiten. Sie sehen die Ergebnisse des "Bidding Zone Review" kritisch und halten sie nicht für geeignet, eine Aufteilung der deutsch-luxemburgischen Stromgebotszone zu rechtfertigen. Angesichts potenzieller negativer Effekte wie einer verschlechterten Investitionssicherheit und höheren lokalen Energiepreisen halten die Netzbetreiber den Nutzen für zu gering, um eine tiefgreifende Strukturreform zu rechtfertigen.
Auch mögliche negative Auswirkungen auf die Terminmärkte und den Regelleistungsmarkt sehen die Unternehmen kritisch. Eine Zonenaufteilung würde demnach die Marktliquidität verringern und den Förderbedarf für erneuerbare Energien erhöhen - Aspekte, die nach Einschätzung der Netzbetreiber im "Bidding Zone Review" unzureichend berücksichtigt wurden.
Unabhängig von der politischen Entscheidung über eine mögliche Aufteilung betonen die Netzbetreiber die Notwendigkeit zusätzlicher Maßnahmen zur Sicherung der Netzstabilität. Dazu zählen insbesondere der zügige Neubau steuerbarer Erzeugungsanlagen und mittelfristig die Einführung eines zentralen Kapazitätsmarktes mit lokaler Komponente.
Neue Koalition lehnt Teilung ab
Auf bundespolitischer Ebene gibt es ebenfalls keine Unterstützung für eine Teilung. Laut Koalitionsvertrag wollen Union und SPD an der einheitlichen Gebotszone festhalten. Das Bundeswirtschaftsministerium erklärte gegenüber energate, es teile die Einschätzung der deutschen Übertragungsnetzbetreiber. Die Annahmen des "Bidding Zone Review" würden "nicht zu einem aussagekräftigen Bild führen und im Ergebnis die positiven Auswirkungen einer Gebotszonenteilung systematisch überschätzen". Das Ministerium verwies ferner darauf, dass die Empfehlung des Berichts rechtlich nicht bindend sei.
Die Bundesregierung hat nun sechs Monate Zeit, um auf den Bericht zu reagieren. Danach können sich auch die betroffenen EU-Mitgliedstaaten einbringen. Kommt es zu keiner Einigung, liegt die Entscheidungsbefugnis bei der EU-Kommission. Auch kann die Bundesregierung entscheiden, ob sie der Empfehlung folgt oder einen "Aktionsplan Gebotszone" ergreift, um bestehende Netzengpässe zu reduzieren. Deutschland verfolgt einen solchen Plan bereits. Ziel ist es, bis Ende 2025 mindestens 70 Prozent der grenzüberschreitenden Stromleitungen für den Handel mit den Nachbarländern zur Verfügung zu stellen. Die Übertragungsnetzbetreiber sehen sich dabei auf einem guten Weg, wie sie gegenüber energate erklärten.
Auch landespolitisch stößt die vorgeschlagene Teilung auf Ablehnung. Baden-Württembergs Energieministerin Thekla Walker (Grüne) hält den "Bidding Zone Review" für keine belastbare Grundlage für eine Trennung der deutschen Stromgebotszone. Ihrer Einschätzung zufolge liefert der Bericht keine umfassende Bewertung der Auswirkungen. Studienergebnisse im Auftrag ihres Hauses hätten zudem gezeigt, dass die gesamtwirtschaftlichen und energiewirtschaftlichen Kosten einer Aufspaltung die potenziellen Wohlfahrtsgewinne übersteigen würden. Walker spricht sich für den Erhalt der einheitlichen Strompreiszone aus und betonte, dass der notwendige Netzausbau Priorität habe.
Aufspaltung politisch wenig realistisch
Auch Niedersachsens Wirtschaftsminister Olaf Lies (SPD) bewertet die Aufspaltung Deutschlands in mehrere Strompreiszonen als politisch wenig realistisch. Er begrüßte jedoch die angestoßene Diskussion über eine kostengerechtere Energienutzung. Lies plädierte dafür, anstelle einer Zonenaufteilung die Flexibilisierung des Stromsystems und die erzeugungsnahe Nutzung von Energie voranzutreiben. Ziel müsse es sein, Strom dort günstig zu halten, wo er produziert werde, ohne künstliche Preisgrenzen einzuziehen.
Bayerns Wirtschafts- und Energieminister Hubert Aiwanger (Freie Wähler) warnte vor negativen Folgen für den gesamten Wirtschaftsstandort Deutschland. Eine Aufteilung der Gebotszone würde seiner Einschätzung nach Strom im Süden verteuern und den Wert von Windstrom im Norden mindern, was letztlich zu höheren EEG-Ausgleichszahlungen führen könnte. Ein Befürworter eines Neuzuschnitts der Strompreiszonen ist dagegen Schleswig-Holsteins Energieminister Tobias Goldschmidt (Grüne).
Belastungen für Unternehmen befürchtet
In der Diskussion um das Für und Wider einer Gebotszonenteilung gibt es klare Trennlinien zwischen Wissenschaft und Praxis. Erstere spricht sich verstärkt für eine Trennung aus, Letztere lehnt sie eher ab. Der Verband der Chemischen Industrie (VCI) etwa warnte angesichts des Berichts vor jahrelanger Unsicherheit und neuen Hürden für die Energiewende. Auch der ZVEI sieht angesichts geringer Wohlfahrtsgewinne keine Rechtfertigung für die erheblichen Umsetzungsrisiken.
Der Energieverband BDEW und der Automobilverband VDA befürchten Investitionshemmnisse für erneuerbare Energien und steigende Stromkosten in industriestarken Regionen. DIHK und VKU warnen zudem vor einem Verlust an Liquidität auf dem Strommarkt und neuen Belastungen für Unternehmen. Statt einer Marktaufteilung fordern die Verbände eine Beschleunigung des Netzausbaus und stabile Rahmenbedingungen. Der Energieanbieter Octopus Energy hingegen begrüßte die Pläne und sieht in lokalen Preisen mehr Transparenz und Chancen für Verbraucher.
Andreas Jahn von der Nichtregierungsorganisation Regulatory Assistance Project erklärte gegenüber energate, das Ergebnis zeige, "dass eine neue Konfiguration einen hohen Mehrwert hat, der in Zukunft entsprechend weiter steigen wird". Die neue Regierung sollte sich damit konstruktiv auseinandersetzen, und aus der Verweigerungshaltung herausfinden, "auch für die europäische Energiewende und den europäischen Zusammenhalt". Das gelte ebenso für die deutschen Übertragungsnetzbetreiber. Der Bericht zeige, welches Sparpotenzial bestehe. "Wenn schon der halbe Koalitionsvertrag unter Finanzierungsvorbehalt steht, hat das auch eine entsprechende politische Relevanz, wie teuer oder kosteneffizient wir unsere Energiewende gestalten wollen", so Jahn. /mh
Der "Bidding Zone Review" kann hier heruntergeladen werden.