Stress beim Gaseinkauf in Zeiten des Iran-Krieges
Aachen (energate) - Die Blockade der Straße von Hormus hat die globalen Energiemärkte in eine neue Krisensituation gestürzt. Wie schmerzhaft insbesondere die hohen Gaspreise Stadtwerke und Industriekunden treffen, hängt auch davon ab, wie stark sie sich am Spotmarkt eindecken. Viele Unternehmen seien deutlich besser vorbereitet, als dies beim Beginn des Ukrainekrieges im Februar 2022 der Fall war, wie zwei Portfoliomanager der Trianel im energate-Interview erläuterten - auch weil adäquate Risikohandbücher fehlten. "Der Unterschied zu damals ist, dass sich nicht nur Europa neu ausrichten muss, sondern es sich diesmal um ein globales Problem handelt. Trotzdem profitieren wir von den vergangenen Erfahrungen", sagte Jens Butz, Energy Portfolio Manager bei der Stadtwerkekooperation Trianel. Vom Ausfall von 20 Prozent des globalen LNG-Handels sind die asiatischen Regionen zwar am stärksten betroffen, aber auch im europäischen Markt verursachen die ausbleibenden LNG-Mengen aus Katar Preisstress.
Beschaffung bis zu drei Jahre im Voraus
Die Zeiten, in denen die komplette Energie ausschließlich für das Folgejahr eingekauft wird, sind vorbei. Die meisten Unternehmen beschaffen zwei bis drei Jahre im Voraus, aber es gibt auch einige, gerade in der Industrie, die kurzfristiger agieren. "Wir empfehlen hier, einen Mittelweg zu gehen, ohne extreme Positionierungen - also nicht zu früh zu viel kaufen. Auf der anderen Seite aber nicht zu lange warten", erläuterte Butz. In vielen Fällen haben sich Unternehmen zu 90 Prozent im Terminmarkt abgesichert, sind also jetzt bei den Preisspitzen der vergangenen Wochen von 50 bis zu 60 Euro/MWh auf der vergleichsweise sicheren Seite. Zur preislichen Einordnung: Vor dem Beginn des Iran-Krieges am 28. Februar und der Sperrung der Meerenge, schwankten die Notierungen zwischen 32 und 35 Euro/MWh. Als die russischen Gaslieferungen 2022 ausblieben, wurden allerdings noch ganz andere Preisrekorde von bis zu 300 Euro/MWh gebrochen.
Trotzdem spüren risikofreudigere Kunden, die sich zu 20 oder sogar 30 Prozent eindecken, das durchaus hohe Preisniveau schmerzhaft. Wichtig ist es, gute Gelegenheiten für Nachkäufe zu finden. "In den vergangenen Wochen haben wir möglichst günstige Zeitpunkte gesucht, wo charttechnisch eine 10-Tage-Linie unterschritten war, beispielsweise als zwischenzeitlich Spekulationen über Friedensgespräche und eine Öffnung der Straße von Hormus aufkamen", erläuterte Butz das Vorgehen. Wie bei jeder Krise gibt es allerdings nicht nur Verlierer, dank des milden März konnten Unternehmen, die "long" waren - so der Händlerbegriff - die Gasmengen im Spotmarkt zu hohen Preisen verkaufen.
Viel Stress für Marktteilnehmer
Hinter Händlerinnen und Portfoliomanagern liegen damit anstrengende zwei Monate. Butz' Kollege Yahdian Falah, Market Strategist & Portfoliomanager, muss das Risiko mit Blick auf Irankrieg Tag für Tag neu bewerten - neben den anderen Risiken im Gashandel. Werden Gasfelder beschossen? Wie viel von den Exportterminals könnten ausfallen? Gashändler berichten, dass es meistens erst gegen nachmittags spannend werde, wenn US-Präsident Trump die ersten (für ihn) morgendlichen Meldungen auf seinem Kanal "Social Truth" absetzt. Dies hat je nach Portfoliogröße und Portfolioausrichtung unterschiedliche Folgen für den Kunden - mit entsprechendem Beratungsbedarf. Schnelle Entscheidungen auf Kundenseite sind gefragt, damit günstige Gasmengen bestenfalls fünf Minuten später im Portfolio sein können.
Die Preisvolatilität wird in den Augen von Falah weiterhin hoch bleiben. "Bis wir nicht sicher wissen, dass die LNG-Tanker tatsächlich passieren können, wird sich nicht viel ändern." Allerdings könnte sich das Problem noch verschärfen mit dem nahenden Sommer und dem daraus resultierenden Temperaturrisiko. Bei einer Hitze- oder Kältewelle ist Asien bereit, hohe Preise für LNG zu zahlen - mit direkten Auswirkungen auf den europäischen Markt.
Umdenken im Alltag - auch in Friedenszeiten
Die Unternehmensberatung BET stellt fest, dass szenariobasierte Risikomodelle "massiv an Bedeutung gewinnen" und sich dies nicht auf Kriegszeiten beschränkt. "Wir sehen hier sehr deutlich, dass geopolitische Risiken nicht mehr als exogene Ausnahmen behandelt werden können, sondern integraler Bestandteil der Portfoliosteuerung sein müssen", sagte Sarah Roes Partnerin bei BET Consulting zu energate. Sie empfiehlt eine klare Trennung von Strategie, Umsetzung und Risikokontrolle im jeweiligen Unternehmen. "Nur wenn Verantwortlichkeiten sauber definiert sind, lassen sich in volatilen Märkten Geschwindigkeit und Risikodisziplin gleichzeitig sicherstellen", so Roes.
Für fallende Preise gewappnet sein
Sollte sich tatsächlich eine Entspannung des Iran-Krieges abzeichnen, ist Schnelligkeit gefragt. Dies ist ebenfalls eine Lehre aus dem Ukrainekrieg. "In vielen Stadtwerken wurden damals Fehler gemacht: Sie waren zwar im steigenden Markt erst einmal auf der richtigen Seite, aber dann später bei der Trendwende nicht agil genug", erinnerte sich Trianel-Portfoliomanager Butz. Die preisliche Wettbewerbsfähigkeit im Vertrieb gerate schnell unter Druck, wenn bei stark fallenden Preisen nicht rechtzeitig reagiert wird. Damals gingen Discounter schon wieder mit günstigen Erdgaspreisen auf Kundenfang, während Stadtwerke noch anders kalkulieren mussten. /mt