Stadtwerke Bonn beschränken Wasserstoff auf Heizkraftwerke
Bonn (energate) - Die Stadtwerke Bonn schließen den Aufbau eines Wasserstoffverteilnetzes aus, wollen aber ans bundesweite Kernnetz für ihre beiden Heizkraftwerke. Dazu hat der Kommunalversorger bereits ein Anschlussbegehren bei der Bundesnetzagentur eingereicht, wie der Vorsitzende der Geschäftsführung der Stadtwerke Bonn, Olaf Hermes, im energate-Interview erläuterte. "Für die Netzplanung arbeiten wir mit der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg zusammen, die viel Recherchearbeit geleistet hat, welche Strecken eventuell mit einer Umwidmung einer Gastrasse infrage kommen."
17 Kilometer müsste der Kommunalversorger zum Kernnetz überbrücken. Anfang der 2030er Jahre soll dieses an Bonn vorbeiführen. Denkbar wäre es, dass ein vorgelagerter Ferngasnetzbetreiber wie OGE oder Thyssengas beim Leitungsbau einsteige, so der Geschäftsführer. Auch dass Investoren dafür Kapital bereitstellen, hält er für wahrscheinlich. Notfalls könnten die Stadtwerke die letzten Kilometer der Wasserstoffleitung aber auch selbst bauen. Im Vergleich zu den Summen des Fernwärmeausbaus wäre das der deutlich kleinere Betrag, ordnete Hermes ein.
Skepsis beim Wasserstoffverteilnetz
Ein eigenes Wasserstoffverteilnetz, das viele Kommunalversorger in der Initiative "H2vorOrt" planen, schließt Hermes für Bonn aus. Der erste Gasnetzgebietstransformationsplan (GTP) aus dem Jahr 2022 wird jährlich erneuert, zuletzt waren daran über 250 Netzbetreiber beteiligt. Egal wie zuversichtlich Fachverbände wie der DVGW gestimmt seien, ohne massive Umrüstung verschiedener Komponenten, darunter Graugussrohre, sei der Umstieg auf den flüchtigen Wasserstoff nicht machbar. "Also ich könnte nach derzeitigem Stand keine Nacht ruhig schlafen", betonte der Stadtwerke-Chef.
Auch die Bundesnetzagentur, die das bundesweite Kernnetz genehmigte, ist beim Aufbau von Wasserstoffverteilnetzen eher skeptisch. "Die Frage stellt sich, wie viel Verteilnetzausbau wir am Ende brauchen", hatte Sascha Grüner, Referatsleiter bei der Bundesnetzagentur, in der Juni-Ausgabe der energate-Publikation emw betont. Selbst auf der Transportnetzebene für große Verbraucher und Erzeuger gebe es Herausforderungen, die Situation im Verteilnetz stelle er sich nicht viel einfacher vor.
Wasserstoff für die zentrale Wärmeversorgung
Erstes Geld für Wasserstoff haben die Stadtwerke Bonn aber bereits im Heizkraftwerk Nord in die Hand genommen - für die zentrale Wärmeerzeugung. Eine neue Turbine mit 15 Prozent Wasserstofffähigkeit wurde 2024 installiert, eine weitere umgerüstet. Bisher sind die Investitionen mit 1,5 Mio. Euro hier noch überschaubar. Teuer wird es, wenn es Richtung 100 Prozent geht mit zwei- bis dreistelligen Millionenbeträgen. Bevor der Kommunalversorger hier ins Risiko geht, müsste klar sein, dass ausreichend grüne Wasserstoffmengen über das Kernnetz ankommen. "Denn ich kann keine GuD-Anlage den einen Tag mit Wasserstoff fahren und den anderen Tag mit Erdgas", so Hermes.
Sollte sich der Hochlauf verzögern oder am Ende sogar scheitern, dann gehe allerdings die Rechnung beim Gebäudeenergiegesetz bezogen auf Kraft-Wärme-Kopplung und Fernwärmeausbau nicht auf. In diesem Fall wären aus Sicht des Stadtwerkechefs Sonderregelungen gefragt, damit die KWK-Anlagen als gut steuerbare Kraftwerke nicht auch noch wegfallen. "Auf der einen Seite 20 GW an Gaskraftwerken mehr oder weniger stand alone hinzusetzen über die Kraftwerksstrategie, auf der anderen Seite aber keine Vorsorge zu treffen für die GuD-Anlagen, falls nicht ausreichend grüner oder grauer Wasserstoff da sein sollte, wäre problematisch", resümierte Hermes. Er hält das eine oder andere von der Bundesregierung geplante Gaskraftwerk für verzichtbar, wenn die KWK-Anlagen für die Übertragungsnetzbetreiber ansteuerbar wären. /mt
Das vollständige Interview lesen Sie im heutigen Add-on Gas und Wärme, das unter anderem noch die Fernwärmestrategie mit einer Verdopplung der Netzlänge sowie die Zukunft der Müllheizkraftwerke beleuchtet.