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"Spionage- und Sabotagerisiken ernst nehmen"

Oranienburg (energate) - In Oranienburg hat sich die Lage im örtlichen Stromnetz entspannt. Ein neues Umspannwerk soll bald neue Kapazitäten in großem Umfang liefern. Die Herausforderungen bleiben dennoch groß, schildert Stadtwerke-Geschäftsführer Peter Grabowsky: Digitalisierung, Resilienz, Finanzierung. Dazu kommt die Wärmetransformation, die nicht nur technologisch, sondern auch finanziell neue Fragen aufwirft.

 

energate: Vor zwei Jahren machte Oranienburg Schlagzeilen wegen eines akuten Netzengpasses. Herr Grabowsky, wie ist die Situation im Oranienburger Stromnetz heute?

 

Grabowsky: Wir konnten die Lage damals zügig stabilisieren, weil der vorgelagerte Netzbetreiber am bestehenden Umspannwerk zusätzliche Kapazitäten freimachte. Das hat uns die nötige Zeit verschafft. Inzwischen haben wir die Baugenehmigung für ein neues, eigenes Umspannwerk erhalten. Sobald das Wetter es zulässt, starten wir mit dem Bau. Damit bringen wir zusätzliche Leistung in die Stadt und schaffen die Grundlage für weiteres Wachstum im Oranienburger Stromnetz.

 

energate: Das Umspannwerk ist unbestritten wichtig, trotzdem gab es Bürgereinwände. Wie erklären Sie sich das?

 

Grabowsky: Aus unserer Sicht war das keine breite Bewegung. Es gab vereinzelte Akteure, die durch eine Online-Petition eine gewisse Aufmerksamkeit erzeugt haben. Unterzeichner fanden sich aber vor allem außerhalb Oranienburgs. Vor Ort erleben wir hingegen große Unterstützung - von Bürgern, Industrie, Verwaltung und Politik. Die Menschen wollen Versorgungssicherheit, etwa für neue Netzanschlüsse, Wärmepumpen oder E-Mobilität.

 

energate: Wie planen Sie den weiteren Ausbau im Stromnetz?

 

Grabowsky: Wir erhöhen die Leistung, die wir aus dem vorgelagerten Netz beziehen können, durch das neue Umspannwerk deutlich - etwa um den Faktor 2,5. Nach vorliegenden Einschätzungen sollte das mindestens für die nächsten zehn, eher 15 Jahre ausreichen. Einen nennenswerten Ausbaubedarf innerhalb unseres Ortsnetzes gibt es nicht, denn der Engpass lag nicht im Ortsnetz, sondern bei den Transformatoren im Umspannwerk des vorgelagerten Netzbetreibers.

 

Schutz der Infrastruktur hat hohe Priorität

 

energate: Stromausfälle wie jüngst in Berlin führen uns ganz grundsätzlich die Verwundbarkeit der Energieinfrastruktur vor Augen. Welche Rolle spielt das Thema Resilienz bei Ihren Planungen?

 

Grabowsky: Wir haben schon vor den Vorfällen in Berlin in Redundanzen investiert. So haben wir etwa den Schutz unserer kritischen Infrastruktur verstärkt - nicht nur technisch, sondern auch personell durch einen Wachschutz. Hinweise des Landes zu Spionage- und Sabotagerisiken haben wir sehr ernst genommen und entsprechend reagiert.

 

energate: Seit dem Anschlag auf das Stromnetz im Berliner Südosten wird auch über die Transparenzpflichten der Netzbetreiber diskutiert. Dabei steht der Schutz vor Anschlägen gegen die Unfallvermeidung im Tiefbau. Wie kann eine Lösung aussehen?

 

Grabowsky: Tiefbauer brauchen Informationen, aber zielgerichtet. Eine Einzelabfrage sollte dafür reichen. Dann ist nachvollziehbar, wer welche Daten erhalten hat. Eine breite Veröffentlichung, etwa allgemein zugänglich oder über Kartenplattformen, halte ich aus Sicherheitssicht für sehr kritisch.

 

energate: Ein Thema, das einerseits die Netzstabilität verbessern soll, andererseits aber auch neue Gefahren mit sich bringen könnte, ist die Digitalisierung. Wo stehen die Stadtwerke Oranienburg hier aktuell?

 

Grabowsky: Wir sind auf einem guten Weg. Zum einen sind wir dabei, unsere Ortsnetzstationen zu digitalisieren. So erhalten wir Echtzeitdaten zum Netzzustand. Das erhöht die Netzstabilität und hilft uns, Prognosen zu erstellen. Zum anderen setzen wir einen Schwerpunkt bei unserer Leittechnik: Wir modernisieren unsere Systeme und härten diese zugleich. Denn Angriffe auf die Leittechnik wären deutlich gravierender als beispielsweise auf einzelne Smart Meter.

 

Hürden beim Smart-Meter-Rollout

 

energate: Stichwort Smart Meter: Zum Jahreswechsel mussten alle Messstellenbetreiber bei den sogenannten Pflichteinbaufällen die Quote von 20 Prozent erreichen. Haben Sie die Zielmarke geschafft?

 

Grabowsky: Wir befinden uns in einem Bereich, der im Vergleich zu anderen Netzbetreibern ähnlicher Größe durchaus repräsentativ ist. Um den Rollout weiter zu beschleunigen, werden wir in den kommenden Monaten verstärkt auf freiwillige Einbauten setzen.

 

energate: Viele - vor allem - kleinere Stadtwerke haben die Quote verpasst. Was macht den Rollout so schwierig?

 

Grabowsky: Vor allem die Verfügbarkeit geeigneter Hardware, dazu kommt die Bürokratie und die Komplexität der Prozesse bis in die Software hinein. Außerdem benötigen wir für die Installation der Geräte qualifiziertes Personal. Denn für die Installation von Smart Metern ist ein anderes Know-how erforderlich als bei einem einfachen Zählerwechsel.

 

energate: Auf Bundesebene wird diskutiert, die Zuständigkeiten für den Rollout in den regulierten Bereich zu verlagern. Was würde das bewirken?

 

Grabowsky: Das würde Prozesse vereinfachen und Bürokratie abbauen. Wir haben einen merklichen Aufwand mit wettbewerblichen Messstellenbetreibern, wenn Daten fehlen oder diese unplausibel sind. Hier sehen wir erhebliche Mängel. Die angedrohten Pönalen bewirken kaum eine Änderung. Deshalb würden wir eine Verlagerung der Rollout-Verantwortung absolut begrüßen.

 

Wärmetransformation: "Eine andere Dimension"

 

energate: Netzausbau, Resilienz und Digitalisierung - all das kostet viel Geld, das gerade bei Stadtwerken oft rar ist. Reichen die heutigen Finanzierungsmöglichkeiten aus Ihrer Sicht?

 

Grabowsky: Unsere anstehenden Investitionen ins Stromnetz können wir stemmen, da uns die Stadt Oranienburg maßgeblich mit Eigenkapital unterstützt. Bei der Wärmewende ist die Dimension aber eine andere: Die kommunale Wärmeplanung weist Bedarfe im dreistelligen Millionenbereich aus. Je nach Ausbaustufe reden wir über 80 bis 200 Mio. Euro. Aus eigener Kraft ist das kaum zu schaffen, also müssten wir Partner einbinden. Die haben jedoch Renditeerwartungen, die sich am Ende in den Preisen niederschlagen werden.

 

energate: Bei der Wärmeplanung gehört Oranienburg zu den Vorreitern, Ihr Plan liegt bereits seit gut einem Jahr vor. Welche zentralen Erkenntnisse haben Sie gewonnen?

 

Grabowsky: Unser kommunaler Wärmeplan sieht drei Stufen vor. Erstens müssen wir das bestehende Fernwärmesystem dekarbonisieren. Zweitens gibt es Ausbaustufen für die Fernwärme, deren Umsetzung aber stark von der Finanzierung, den Baukosten und der Förderkulisse abhängt. Drittens schafft der Plan Klarheit für die Außenbereiche - also dort, wo Fernwärme nicht vorgesehen ist.

 

Hoffnung auf Tiefengeothermie

 

energate: Welche Technologien prüfen Sie für die Dekarbonisierung des bestehenden Fernwärmenetzes?

 

Grabowsky: Wir prüfen ein breites Spektrum, von Geothermie über Solarthermie bis zu Seewasser-Wärmepumpen. Erste Option könnte die Tiefengeothermie werden, da wir einen Industriepartner haben, der für seine Prozesswärme selbst die geothermischen Potenziale erkunden will. Hier könnten wir Wärmeüberschüsse nutzen und in unser Fernwärmenetz einspeisen.

 

energate: Sind die Potenziale bereits untersucht?

 

Grabowsky: Theoretische Voruntersuchungen gibt es bereits. In Oranienburg ist die Umsetzung wegen hoher Kampfmittelbelastung im Boden aber komplex. Dennoch setzen wir große Hoffnungen in diese Option.

 

energate: Wie hat die Bevölkerung auf den kommunalen Wärmeplan reagiert?

 

Grabowsky: Das Interesse war groß, unsere Informationsveranstaltungen waren voll besetzt. Die Menschen wollten drei Dinge wissen: Bin ich im Fernwärmegebiet? Wenn nicht, welche Alternativen habe ich? Und: Wird Erdgas abgeschaltet? Letzteres kann ich klar beantworten: Das entscheiden nicht wir, sondern die Kunden - unter Berücksichtigung der Kostenentwicklung etwa durch CO2-Preis und Netzentgelte. Wir drehen niemandem ungewollt den Gashahn zu.

 

energate: Mit Blick auf die künftige Gasversorgung wird eine Grüngasquote diskutiert. Würden Sie eine solche Quote befürworten?

 

Grabowsky: Grundsätzlich ja, aber es kommt auf die Ausgestaltung an. Zertifikate und die physische Einspeisung werden häufig nicht sauber getrennt. Für Investitionen ist das jedoch entscheidend. Wenn wir teuer dekarbonisieren, andere sich aber über günstige Zertifikate freikaufen, ist das kein fairer Wettbewerb. Hier kommt es sehr auf die Details an.

 

Förderung unabdingbar

 

energate: Welche politische Unterstützung brauchen Sie grundsätzlich, um die Wärmeplanung umzusetzen?

 

Grabowsky: Eines ist essenziell: Förderprogramme müssen verlässlich und auskömmlich sein. Die derzeitige Ausstattung der Bundesförderung für effiziente Wärmenetze liegt deutlich unter dem, was als Bedarf nötig wäre. Häufige Änderungen erschweren langfristige Infrastrukturplanung. Zudem braucht es in der Praxis mehr Tempo bei Förderzusagen.

 

energate: Nicht alle Oranienburger werden Sie mit einem Wärmenetz erreichen. Planen Sie Angebote für Haushalte in den Außenbereichen?

 

Grabowsky: Ja. Wir prüfen mit weiteren regionalen Stadtwerken ein gemeinsames Geschäftsmodell - etwa über eine gemeinsame Beschaffung oder den Aufbau von Kapazitäten im Handwerk. Regionalität ist für uns ganz zentral. Details dazu werden wir hoffentlich in näherer Zukunft bekannt geben können.

 

energate: Herr Grabowsky, ich danke Ihnen für das Gespräch.

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