Smart-Meter-Rollout: "Selbstmord aus Angst vor dem Tod"
Berlin (energate) - Der schleppende Smart-Meter-Rollout war ein zentrales Thema der energate-Diskussionsrunde "Mammutaufgabe Netztransformation" auf den Berliner Energietagen. Fachleute aus der Energiewirtschaft zeigten sich frustriert über die langsame Umsetzung der Digitalisierung im Energiesektor - und forderten eine praxisnähere Regulierung, bessere wirtschaftliche Anreize sowie mehr Raum für wettbewerbliche Anbieter.
Digitale Messtechnik hat eine Schlüsselrolle für ein stabiles, flexibles Stromnetz. Dennoch haben viele Netzbetreiber kaum mit dem Einbau intelligenter Zähler begonnen, wie auch Daten der Bundesnetzagentur belegen. Dabei gelten diese Systeme als Voraussetzung für neue Tarifmodelle, die Einbindung von Flexibilität und eine effizientere Nutzung der Netze.
Gründe für Verzögerungen
Andreas Nehring, Geschäftsführer der Thüringer Mess- und Zählerwesen Service GmbH (TMZ), nannte drei zentrale Gründe für die Verzögerungen: Erstens die hohen Anforderungen und ständigen Änderungen im Regulierungsrahmen, zweitens fehlende Wirtschaftlichkeit und drittens begrenzte Investitionsmöglichkeiten - vor allem bei kleineren Stadtwerken. Diese würden aus Unsicherheit und finanziellen Gründen oftmals abwarten, bis gesetzlicher Zwang sie zum Handeln zwinge. TMZ betreut rund 30 Kunden mit knapp einer Million Zählpunkten.
Wie schwierig der Rollout in der Praxis ist, erläuterte auch Konrad Schade, Managing Director und Chief Commercial Officer bei Rabot Energy. Sein Unternehmen habe seit Jahresbeginn rund 100.000 Kundinnen und Kunden angesprochen, um Smart Meter zu installieren und dynamische Stromtarife anzubieten. Viele der grundzuständigen Messstellenbetreiber hätten jedoch ausweichend oder mit hohen Preisaufschlägen reagiert. Nur bei einem Bruchteil der angeschriebenen Haushalte habe eine Installation tatsächlich stattgefunden. Rabot Energy setze deshalb verstärkt auf wettbewerbliche Messstellenbetreiber, die flexibler und effizienter agieren könnten. Das Unternehmen bietet seinen Kunden zudem die kostenfreie Installation eines Smart Meters an.
Robert Busch, Geschäftsführer des Bundesverbands Neue Energiewirtschaft, übte scharfe Kritik am bisherigen Vorgehen. Die Digitalisierung sei "verkorkst" aufgesetzt worden. Insbesondere das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) habe durch überzogene Sicherheitsanforderungen - fast auf militärischem Niveau - den Rollout ausgebremst. "Das ist Selbstmord aus Angst vor dem Tod", so Busch. Gleichzeitig würden Netzbetreiber Kosten versteckt über Netzentgelte umlegen, wodurch fehlende Anreize für wirtschaftliches Handeln entstünden.
Busch forderte eine Entlastung der Regulierung, differenzierte Lösungen für unterschiedliche Anwendungsfälle und mehr Wettbewerb. Haushalte mit steuerbaren Verbrauchseinrichtungen wie Wärmepumpen oder Heimspeichern bräuchten andere technische Lösungen als solche mit niedrigem Verbrauch. Auch sogenannte "Smart Meter light" - mit vereinfachter Funktionalität - müssten ermöglicht werden.
Ohne dynamische Tarife keine Flexibilität
Zwar existieren bereits heute flexible Strompreise und dynamische Netzentgelte, doch ohne Smart Meter bleibt das Verbrauchsverhalten der Haushalte für Netzbetreiber unsichtbar - und somit wirkungslos, argumentierte Busch. Selbst bei installierten Smart Metern zeige sich laut Schade, dass viele Haushalte ihr Verhalten nicht ändern. Auch wenn sie theoretisch durch netzdienliches Verhalten 100 bis 200 Euro im Jahr sparen könnten, nutzten sie diese Möglichkeiten kaum.
Um dieses Verhalten zu ändern, brauche es digitale Assistenzsysteme und automatisierte Lösungen. Smart-Home-Geräte, die selbstständig erkennen, wann der Strom günstig ist und den Betrieb verzögert starten, könnten Abhilfe schaffen. Das Sparpotenzial sei zwar gering - oft nur Centbeträge pro Tag - aber über das Jahr summierten sich die Einsparungen.
Schade kritisierte auch die von der Bundesregierung geplante Reduktion der Stromsteuer auf das europäische Mindestmaß - von derzeit 2 Cent auf 0,05 Cent pro Kilowattstunde als nicht netzdienlich. Er kritisierte vor allem das Prinzip der "Gießkanne": eine pauschale Entlastung, die keinerlei Lenkungswirkung entfaltet. Und wenn das für die Entlastung aufgewendete Geld aufgebraucht sei, müssten neue Schulden gemacht werden.
Stattdessen forderte Schade, bestehende Instrumente wie die seit dem 1. April 2025 eingeführten dynamischen Netzentgelte konsequenter zu nutzen und auszuweiten. Außerdem müssten Energieversorger dynamische Tarife stärker bewerben. Die großen Versorger hätten dafür jedoch keinen Anreiz, weil sie mit den Standardtarifen mehr Geld verdienen könnten.
Wettbewerb und Vereinfachung statt neuer Hürden
In der Runde herrschte weitgehend Einigkeit: Die politische Rahmensetzung müsse sich ändern. Statt immer neuer Vorschriften brauche es verlässliche, klare und dauerhaft gültige Regeln. Nur dann könnten Stadtwerke, Anbieter und Kunden Planungssicherheit entwickeln. Eine stärkere Rolle für wettbewerbliche Messstellenbetreiber wurde ebenfalls mehrfach betont - sie könnten Innovationen schneller umsetzen und dem stockenden Rollout neuen Schwung verleihen. /mh