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Sicherheitsfragen werden dringlicher für die Energiebranche

Berlin (energate) - Die Ursache für den Blackout in Spanien und Portugal ist weiterhin ungeklärt. Der Stromausfall biete aber die Chance, zu lernen, wie man ein Netz schnell wieder aufbaut, sagte Dirk Biermann, COO beim Übertragungsnetzbetreiber 50 Hertz, in einem Panel zu Resilienz für Energieinfrastrukturen beim BDEW-Kongress. Hundertprozentige Sicherheit könne es nicht geben, so Biermann. Das Thema Sicherheit zog sich durch viele Podiumsdiskussionen auf der Tagung in Berlin. 

 

Die Infrastruktur in Deutschland sei "so löchrig wie ein Schweizer Käse", warnte dort Cathryn Clüver Ashbrook, Senior Advisor des Programms "Europas Zukunft" bei der Bertelsmann-Stiftung. 267 Mrd. Euro fehlten deutschen Unternehmen durch Angriffe, weil das Land sich schon "im Auge des Sturms" befände. Viele der Angriffe kämen aus China, aber auch die Haltung des US-Präsidenten Donald Trump stelle ein großes Risiko dar.

 

Auch Bundeswehr-Generalleutnant André Bodemann sagte, Deutschland sei zwar nicht im Krieg, aber auch "nicht nicht im Krieg". Desinformation, Fake News, Cyberattacken, Ausspähung, Spionage und klare Sabotage hätten zugenommen. Juristisch herrsche aber Frieden. Aus seiner Sicht ist das ein Problem, genauso wie die Tatsache, dass sich äußere und innere Sicherheit nicht mehr klar trennen ließen. Dadurch ergäben sich Schwierigkeiten bei der Zuständigkeitsfrage. Russland bereite sich darauf vor, "die Fähigkeit zu erlangen, einen großmaßstäblichen Krieg gegen die Nato zu führen". Bedrohungen kämen aber nicht nur aus Russland. "Wir müssen uns als Gesellschaft und unsere kritischen Infrastrukturen besser schützen", appellierte der Generalleutnant. Dazu gehörten Fragen, wer juristisch verantwortlich sei und wer eingreifen dürfe. "Denn wenn Sie die Drohne über Ihrer kritischen Infrastruktur sehen und uns rufen, kommen wir in der Regel zu spät."

 

Netzbetreiber wollen klare Ansprechpartner und mehr Informationen

 

Dieses Thema beschäftigt auch die Netzbetreiber. Florian Bieberbach, Vorsitzender der Geschäftsführung der Stadtwerke München, plädierte für Klarheit bei der Frage, welche Behörde für welche Bedrohung zuständig sei. Deutschland versuche sich zu stark über Zertifizierung zu schützen, das reiche aber nicht. 50Hertz-COO Biermann rief zu einer klaren Rollenverteilung auf. Es sei nicht klar, was zu tun sei, wenn man eine Drohne über Infrastruktur erkannt habe. "Einen Luftkampf über unseren Umspannwerken kann ich mir für 50Hertz nicht vorstellen", so Biermann. Das würde er dann doch lieber der Bundeswehr überlassen. Das Beispiel zeige aber, dass Energieunternehmen mit neuen Sicherheitsproblemen konfrontiert seien. Claudia Rathfux, Kaufmännische Geschäftsführerin der NBB Netzgesellschaft Berlin-Brandenburg, verlangte Transparenz von den Sicherheitsbehörden. Netzbetreiber meldeten Vorfälle wie etwa Drohnen über Energieinfrastruktur, bekämen aber umgekehrt keine Informationen von den Behörden. "Es gibt keine strukturierte Informationslage, sodass diejenigen, die möglicherweise später betroffen sein könnten, sich darauf vorbereiten können", mahnte Rathfux.

 

Es bleibe "uns nichts anderes übrig, als Sicherheit und Wirtschaft viel stärker zusammenzudenken", sagte Marcus Hicken, Beauftragter für Energieaußenpolitik, Klima & Sicherheit beim Auswärtigen Amt. Das Kritis-Dachgesetz müsse schnell kommen. Beim Ausbau der Erneuerbaren gelte es zu beobachten, was für Komponenten da eigentlich eingebaut würden und welche Gefahren sie in Hinblick auf Cyberspionage und Sabotage in sich trügen.

 

Wechselrichter und Produktion in Europa

 

Auf die Rolle des Internet of Things (IoT) machte Jürgen Reinert, Vorsitzender des Vorstands von SMA Solar Technology, aufmerksam. Photovoltaik und damit Wechselrichter spielten inzwischen eine zentrale Rolle in der Stromversorgung. Schon sechs GW könnten sehr gezielt eingesetzt werden, um Probleme im Netz zu verursachen. Es bestehe die Gefahr einer erheblichen Spannungsüberhöhung. Eine sichere IoT-Infrastruktur, die die Netze steuere, sei daher "das A und O". Auch die Rolle von Speichern muss in seinen Augen mehr mitgedacht werden und zudem sei es wichtig, bei Lieferketten auf Abhängigkeiten zu schauen.

 

Damit mehr Windkraftanlagen in Europa produziert werden können, brauche es eine Umsetzung des Net Zero Industry Act (NZIA) und Förderung, um die Produktionskapazitäten auszubauen, sagte Philipp Seibel, Vice President Supply Chain beim Windradhersteller Vestas. Wichtig sei allerdings, dass der NZIA nicht zu bürokratisch werde.

 

IT-Sicherheit brauche mehr Priorität

 

Energieunternehmen müssten IT-Sicherheit jedoch auch genügend priorisieren, mahnte Thomas Werner, Geschäftsführer von DNV Energy Systems Germany. "Wir sehen viele, viele Themen, die gegenwärtig zwar bekannt sind, aber nicht adressiert werden", so Werner. Wenn es um die konkrete Umsetzung gehe, hätten Unternehmen oft nur zwei Mitarbeiter, die für die IT-Sicherheit zuständig seien. Da fehle die Zeit, die anderen Mitarbeiter zu trainieren.

 

Angriffe könnten ebenso Direktvermarkter treffen, sagte Alterric-Geschäftsführer Frank May. "Wir haben eine Leitstelle, die komplett abgeschottet ist, wo man nicht zugreifen kann", so May. Auch Angriffe auf Windanlagen kämen vor. Laut May lohne es sich für Europa, mehr auf Resilienz zu setzen. Das sei zwar teuer, aber wenn der Zugang zu Netzen vereinfacht werde, könne Europa dadurch Geld sparen und mehr Investoren anlocken und habe in dem Bereich einen Vorteil gegenüber den USA und China.

 

EU-Richtlinien, Strategien und Zusammenhalt

 

Das Thema Resilienz wird auch die neue Bundesregierung beschäftigen. Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) hatte am ersten Tag des Kongresses eine "Resilienzstrategie Energie" angekündigt. Diese solle die "Energiesicherheit als Teil der nationalen Sicherheit organisatorisch verankern", so Reiche. Bei der EU-Richtlinie NIS-2, die IT-Sicherheit in kritischen Bereichen verbessern und vereinheitlichen soll, ist Deutschland im Verzug. Biermann und Werner plädierten für eine schnelle Umsetzung der Richtlinie.

 

Dass nicht alles an Gesetzen hänge, machte allerdings Dirk Güsewell, COO Systemkritische Infrastruktur und Kunden bei EnBW, klar. Unter den Infrastrukturbetreibern sei über Jahrzehnte eine Solidarität gewachsen. Um Bedrohungen zu begegnen, sei es "extrem wichtig", diese gegenseitige Unterstützung aufrechtzuerhalten. /kij

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