"Schattenboxer" blockieren Speichermarkt
Berlin (energate) - Während die Politik über neue Gaskraftwerke debattiert, plädiert die Speicherbranche für eine "Batterie First"-Strategie. Dies wurde während einer Diskussionsrunde bei der "Handelsblatt Jahrestagung Stadtwerke" in Berlin deutlich. Schleppende aber auch spekulative Netzanschlussanfragen, hohe Baukostenzuschüsse und fehlende Anreize für mehr Netzdienlichkeit treiben die Vertreter der Speicherbranche um.
Zwischen "Tsunami"-Warnungen und Realität
Urban Windelen, Bundesgeschäftsführer des Bundesverbands Energiespeicher Systeme, kritisierte etwa die schleppende Netzanschlussvergabe und sprach sich gegen die mediale Dramatisierung eines vermeintlichen "Speicher-Tsunamis" aus. Die Branche warte seit Jahren auf politischen Rückenwind, jetzt komme der Ausbau in Gang - doch statt Klarheit gebe es neue Unsicherheiten. "Wenn ich eine Mauer aufbaue, dann muss ich mich nicht wundern, dass es sich da auch staut", sagte Windelen mit Blick auf die schleppende Netzanschlussvergabe. Er sieht dafür vor allem die Bundenetzagentur in der Verantwortung. Es sei Aufgabe der Behörde gewesen, rechtzeitig die nötigen Rahmenbedingungen zu schaffen.
Baukostenzuschüsse als Investitionshemmnis
Ein weiteres Thema war der Umgang mit Baukostenzuschüssen: Jens Michael Wegmann, Member of the Board & Chief Operating Office des Speicherprojektierers Green Energy Storage Initiative (Gesi), berichtete von Summen im zweistelligen Millionenbereich, die ohne belastbare Planbarkeit oder Rechtsgrundlage eingefordert würden. Besonders kritisch sei die Einstufung von Speichern als reine Verbraucher, obwohl Gerichte dies bereits für rechtswidrig erklärt hätten. Die Folge: Rechtsunsicherheit und eine massive Verunsicherung potenzieller Investoren. "Wir brauchen klare Regelungen - und zwar jetzt", forderte Wegmann mit Blick auf das Jahr 2029. Weil Stromspeicher bis 2029 von doppelten Netzentgelten befreit seien, gebe es aktuell einen Ansturm auf die Netzanschlüsse.
Marktverzerrung durch "Schattenboxer"
Als ein zusätzliches Problem identifizierte Wegmann die hohe Zahl spekulativer Netzanschlussanfragen. Viele Projektierer würden Anträge stellen, ohne ernsthaft bauen zu wollen - zum Schaden ernsthafter Akteure. Diese "Schattenboxer" würden den Markt blockieren, so Wegmann. Sein Lösungsvorschlag: eine Erfüllungsbürgschaft, die Projektierer nur bei tatsächlicher Umsetzung zurückerhalten. Windelen sprach sich dafür aus, die Netzanschlussanträge zu kategorisieren. Er forderte zudem mehr Einheitlichkeit bei den Netzbetreibern. Der derzeitige "Wildwuchs" an verschiedenen Vorgaben gefährde die gesamte Branche.
Heimspeicher: ungenutztes Potenzial
Der Umgang mit Heimspeichern wurde ebenso kritisch beleuchtet. Viele der rund zwei Millionen installierten Batteriespeicher würden bislang nur zur Eigenverbrauchsoptimierung genutzt, sagte Jannik Schall, Mitgründer und Chief Product Officer von 1Komma5. Die Stilisierung des "Speicher-Tsunamis" nannte Schall "absurd". Für eine systemdienliche Einbindung der Speicher brauche es jedoch bessere Anreize, etwa über dynamische Netzentgelte oder einen beschleunigten Smart-Meter-Rollout.
Prosumer sollten laut Schall jedoch nicht noch stärker in die Verantwortung genommen werden. Sie müssten stattdessen angereizt werden, sich stärker netzdienlich zu verhalten. Auch bidirektionales Laden von Elektroautos könnte helfen. Zwar sei die Technik vorhanden, aber regulatorische Unsicherheiten und fehlende Standards bremsten den Markthochlauf, sagte Schall.
Kritik an Gaskraftwerksplänen
Raum nahm zudem die Kritik an den von Union und SPD geplanten 20 GW an neuen Gaskraftwerken zur Absicherung der Versorgungssicherheit bei Dunkelflauten ein. Diese drohten Flexibilitätsoptionen wie Speicher zu verdrängen und doppelte Strukturen aufzubauen, kritisierte der 1Komma5-Mitgründer. Statt einer "Gas First"-Strategie brauche es eine "Batterie First"-Strategie. Urban Windelen blickte dagegen "entspannt" auf die Pläne, die Diskussion sei "absurd". Es dauere lange, bis die Gaskraftwerke gebaut seien. Wenn sie ans Netz gehen, müssten sie daher eigentlich schon mit Wasserstoff statt Erdgas betrieben werden. Windelen sieht noch keinen Markt für Langzeitspeicher. Dieser werde aber entstehen, wenn Flexibilität stärker gefragt ist.
Auch die Forderung nach mehr Netzausbau ist dem Verbandsvertreter zufolge keine Lösung. Stattdessen brauche es Werkzeuge wie Flexibilität, Strompreiszonen oder Energy Sharing. Diese seien vorhanden, würden jedoch nicht genutzt. Es müsse darum gehen, die erneuerbaren Energien vernünftig in den Markt zu integrieren. Dafür sei ein neues Strommarktdesign nötig. Die von der Bundesregierung eingesetzte Plattform Klimaneutrales Stromsystem sei eine "große Laberrunde" gewesen, die nichts gebracht hat, urteilte Windelen. Simone Peter, Präsidentin des Erneuerbarenverbands BEE, argumentierte dafür, dass mit Blick auf die gesicherte Leistung auch Biogas, Wasserkraft oder Geothermie einbezogen werden müssten. /mh