Rollout im Nebel: Bundeswirtschaftsministerium schweigt
Köln (energate) - Auch 87 Tage nach der Ankündigung des Bundeswirtschaftsministeriums, den verpflichtenden Smart-Meter-Rollout künftig in die Hände der Verteilnetzbetreiber legen zu wollen, tappt der Messstellenbetrieb über seine künftige Aufstellung im Dunkeln. Wann es zu der Umstellung kommt, wie diese geregelt werden soll und ob es dabei noch eine Zukunft für den wettbewerblichen Messstellenbetrieb gibt, darüber lässt sich zurzeit weiterhin nur spekulieren. Eine energate-Anfrage beim Bundeswirtschaftsministerium zu diesen Fragen blieb mit dem Verweis auf laufende Prozesse unbeantwortet.
Dabei sprach sich der Monitoringbericht von BET und Ewi für das Bundeswirtschaftsministerium dafür aus, gleiche Wettbewerbsbedingungen für grundzuständige und wettbewerbliche Messstellenbetreiber zu schaffen. BET bemängelte den fehlenden Druck auf die grundzuständigen Messstellenbetreiber, die gesetzlichen Rolloutziele zu erreichen. Der Zehn-Punkte-Plan widerspricht den Empfehlungen des Monitoringberichts, darüber herrschte branchenweit Einigkeit.
Ende des wettbewerblichen Messstellenbetriebs?
Wettbewerbliche Messstellenbetreiber fürchten seitdem um ihre Existenz und eine Überführung des Messstellendiensts ins Monopol. Auch deshalb zeigte sich Jochen Schwill, CEO und Gründer des wettbewerblichen Messstellenbetreibers Spotmyenergy, im energate-Interview von der derzeitigen Situation frustriert. Es fehle an Klarheit über die zukünftigen Pläne. "Diese Unsicherheit spüren wir in der gesamten Branche." Denn die Passage lasse viel Interpretationsspielraum. "Man kann den Satz als Ausschluss wettbewerblicher Messstellenbetreiber lesen oder als flexible Quotenregel", so Schwill. Er habe den Eindruck, dass "die linke Hand nicht wusste, was die rechte notiert hat".
Ähnlich äußerten sich auch bereits Gero Lücking, Head of Smart Metering bei Techem, und Thorsten Klein, CSO bei Inexogy. Die Ankündigungen seien "widersprüchlich und kryptisch", so Lücking gegenüber energate. Attentismus hat sich bei den wettbewerblichen Messstellenbetreibern bislang aber noch nicht breit gemacht - ganz im Gegenteil. Sowohl Jochen Schwill als auch Lücking und Klein betonten, den Rollout weiterhin unverändert selbst in die Hände nehmen zu wollen. "Wir machen einfach weiter, was anderes bleibt uns ohnehin nicht übrig", sagte Schwill. Denn an ein Ende des wettbewerblichen Messstellenbetriebs will nach dem Energiewendemonitoring keiner in der Branche so wirklich glauben. "So richtig ernst nimmt das keiner", beteuerte der Spotmyenergy-Geschäftsführer.
Eon: Umstellung trägt "kurzfristig" nicht zum Rollout-Tempo bei
Doch auch für die Verteilnetzbetreiber bleibt die Situation angespannt. Zwar liegt in den allermeisten Fällen der grundzuständige Messstellenbetrieb in den Händen der Netzbetreiber. Schwill suggerierte etwa, dass sich durch die geplante Änderung nicht viel ändern würde. "Der Messstellenbetrieb liegt ohnehin schon in den allermeisten Fällen beim Netzbetreiber", so seine Einschätzung. Der Eon-Konzern, Deutschlands größter Verteilnetzbetreiber, konnte diese Sichtweise auf energate-Anfrage jedoch nicht bestätigen. "Grundsätzlich würde eine mögliche Reintegration des gMSB in den VNB viele neue Prozesse und Änderungen mit sich bringen und damit nach unserer Einschätzung kurzfristig nicht zu einer Beschleunigung des Rollouts beitragen", erklärte eine Eon-Unternehmenssprecherin.
Dass Prozessänderungen die Unternehmen vor Herausforderungen stellen, zeigte in diesem Jahr beispielsweise auch der 24-Stunden-Lieferantenwechsel beim Strom. Selbst Monate nach der Umstellung beklagte der Branchenverband Edna gegenüber energate, dass die "Anwender die Prozesse in der Tiefe noch nicht vollständig verstanden haben". Eon wollte sich gegenüber energate jedenfalls nicht weiter zu den Plänen des Bundeswirtschaftsministeriums äußern. Die Ausgestaltung der Änderungen befinde sich noch in der Diskussion. Auch der fränkische Netzbetreiber N-Ergie erklärte auf Anfrage, dass es für eine seriöse Bewertung noch an Details mangele.
Dabei ist allen Beteiligten klar, dass der Smart-Meter-Rollout endlich Fahrt aufnehmen muss. Zum Stichtag 30. Juni lag die Quote der Pflichteinbauten bei 16,4 Prozent. Die Zielmarke von 20 Prozent bis Ende des Jahres droht verfehlt zu werden. Beim 14. Smart-Grids-Kongress in Baden-Württemberg in dieser Woche forderte Michael Münter, Ministerialdirektor und Amtschef im Energieministerium Baden-Württembergs, die Bundesregierung dazu auf, beim Rollout endlich für Planungssicherheit, Klarheit und Verlässlichkeit zu sorgen.
Pönale oder aktive Marktteilnehmer?
Einen Schritt weiter ist schon die Bundesnetzagentur. Sie hat Ende November neue Standards für den Messstellenbetrieb beschlossen. Die neuen Regeln setzen auf Anreize: Kerninstrument ist die Vertragsstrafe von zehn Cent pro Tag und Messstelle bei Verstößen gegen wesentliche Pflichten wie fehlende Messwerte, verpasste Fristen bei Wechselprozessen im Messwesen oder nicht übermittelte Stammdaten.
Jochen Schwill hält von solchen Pönalen wenig. "Mit Druck und Strafen kommen wir nicht weiter." Stattdessen müsse die Kundschaft zum "aktiven Marktteilnehmer" werden. Er illustrierte dies am Beispiel der Einspeisevergütung. Schwill setzt sich dafür ein, diese für Anlagen ab 7 kW verpflichtend einzuführen. "Dann muss der Kunde handeln. Wettbewerb setzt ein und der pauschale Vorwurf in Richtung grundzuständige Betreiber verstummt", so die Vision Schwills. Denn um den Rollout zu beschleunigen, braucht es laut ihm "echte Kooperation zwischen grundzuständigen und wettbewerblichen Messstellenbetreibern". Säumige Grundzuständige sollten seiner Meinung nach mit Wettbewerblichen zusammenarbeiten können. "Dürften wir kooperieren, hätte das nur Vorteile. Dann gäbe es einen echten Wettbewerb." /rh
Das gesamte Interview mit Jochen Schwill lesen Sie im Strom-Add-on.