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Risikomeetings werden zur Regel

Essen (energate) - Die enorm gestiegenen Preise infolge des Iran-Krieges treiben die Energieversorger um. Allerdings: Viele Unternehmen sind besser vorbereitet als zu Beginn des Krieges gegen die Ukraine. So sagte Erik Höhne, Vorstand des Regionalversorgers Enervie, beim Besuch in der Essener energate-Redaktion: "Wir greifen auf altbekannte Strukturen für das Risikomanagement zurück." Bei Enervie gebe es dafür tägliche Meetings. Bei diesen gehe es vor allem darum, wie das Unternehmen mit gestiegenen Liquiditätsanforderungen an der Börse umgehen soll. Insbesondere die Variation Margins steigen mit höheren Energiepreisen und wachsender Volatilität an. Um die Situation besser einschätzen zu können, führe Enervie Szenarioberechnungen durch.

 

Auch in anderen Unternehmen tauschen sich die betroffenen Bereiche aufgrund der Preiskrise häufiger aus, wie energate aus Kreisen erfuhr. Dies passiert teils regelmäßig, teilweise auch in "Ad-hoc-Risikorunden". Dabei geht es beispielsweise auch darum, wie der Vertrieb mit der Situation umgeht. Einige Versorger setzten ihre Angebotslegung an Industrie- und Gewerbekunden zumindest zeitweilig aus, um sich der neuen Situation anzupassen.

 

Geänderte Beschaffungsstrategien verändern Risikodisposition

 

Viele Stadtwerke und industrielle Großverbraucher haben sich lange vorwiegend über den Terminmarkt eingedeckt. Das habe sich mittlerweile geändert, sagte der Geschäftsbereichsleiter eines großen Energieunternehmens mit dem Schwerpunkt Vertrieb Großkunden zu energate. Mittlerweile beschafften aber auch Großkunden und Stadtwerke immer mehr Mengen über den Kurzfristhandel. Liefermodelle mit hohen Spotanteilen sind besonders stark von den aktuellen Preissteigerungen betroffen. Zwar sind mittlerweile auch die Strom- und Gaspreise am langen Ende gestiegen, sie liegen aber noch deutlich unter den kurzfristigen Preisen. Im Gashandel hat sich der Day-Ahead seit Beginn des Krieges verdoppelt.

 

Auch Enervie spürt sein geändertes Handelsverhalten - allerdings in einem anderen Bereich. In der Vergangenheit war das Unternehmen fast ausschließlich im außerbörslichen, dem sogenannten OTC-Handel, tätig. "Das war unser Vorteil zu Beginn des Ukraine-Krieges, weil sich das Thema der Liquiditätsanforderungen aus dem Börsengeschäft damals nicht stellte", führte Höhne im Gespräch mit energate aus. Mittlerweile handelt aber auch Enervie zunehmend an der Börse. Der Grund: Der OTC-Markt sei schwieriger geworden, die Liquidität gesunken. Im kurzfristigen Bereich halte er das aber auch für unkritisch, so Höhne. Hier seien die Liquiditätsanforderungen überschaubarer.

 

Grüne Gase als Lösung

 

Neben den hohen Energiepreisen beschäftigt Enervie unter anderem die Wärmewende. Höhne begrüßte in diesem Zusammenhang, dass es künftig neben Wärmepumpen und Fernwärme mit Biogasen eine dritte Säule geben soll. Diese sei insbesondere für Innenstädte von Bedeutung, in denen es kaum Platz für Wärmepumpen gebe. "Und für Fernwärme müssten wir alles aufbuddeln", so Höhne. Es brauche daher eine andere Lösung. "Aus unserer Sicht sind grüne Moleküle naheliegend, zumal wir bereits ein Gasnetz zur Verfügung haben." Es sei sinnvoll, das Netz noch zu nutzen, auch wenn Enervie dieses ab 2026 abschreiben werde. Auch für die Dekarbonisierung der Fernwärme seien Wasserstoff und biogene Gase "naheliegend".

 

Beteiligung an Kraftwerksausschreibungen

 

Nicht nur sein Gasnetz, sondern auch die bestehenden Kraftwerksstandorte will das Unternehmen weiter nutzen. Es erwägt daher auch, sich bei den Kraftwerksausschreibungen zu beteiligen. Höhne erläuterte die guten Voraussetzungen: "Noch haben wir keine fertigen Pläne in der Schublade, aber wir verfügen über Standorte im netztechnischen Süden, auch in der Nähe zu einer möglichen Wasserstoffinfrastruktur - und wir haben die notwendige Erfahrung." /sd

 

Das vollständige Redaktionsgespräch mit Erik Höhne finden Sie im Add-on Markt und Industrie.

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