Reservekraftwerke: Dohler warnt vor "Vertrauensbruch"
Oldenburg (energate) - In wenigen Tagen will die neue Bundesregierung ihre Arbeit offiziell aufnehmen. Einige Pläne von Union und SPD finden in der Branche Anklang, so auch bei dem Vorstandsvorsitzenden der EWE, Stefan Dohler. Dazu gehören: Bürokratieabbau, eine Umgestaltung des Wärmemarktes und der Wasserstoffhochlauf. Deutliche Worte findet der Unternehmenschef allerdings, wenn es um die geplante Rückholung von Reservekraftwerken zur Dämpfung von Strompreisspitzen geht. "Die Kalkulation der regulären Kraftwerksbetreiber stimmt dann plötzlich nicht mehr", warnte er im energate-Interview.
Einerseits wäre das ein Vertrauensbruch gegenüber allen, die ihre Anlagen nicht stillgelegt, sondern auch auf hochpreisige Betriebsstunden gesetzt hätten. Andererseits könnten all jene, die in Flexibilität investiert haben, beispielsweise in Form von Speichern, nicht mehr darauf vertrauen, dass es am Markt gewisse Stunden mit Preisspitzen gebe, führte Dohler aus.
"Damit sendet man genau das falsche Signal und hemmt Investitionen in neue Kapazitäten", sprach er warnende Worte in Richtung von Union und SPD aus. Um zu verdeutlichen, wie drastisch die Auswirkungen wären, rechnete der amtierende BDEW-Präsident vor: "Im vergangenen Jahr hatten wir 130 Stunden mit Preisen von mehr als 200 Euro/MWh, davon 15 Stunden mit über 500 Euro/MWh. Dem standen 449 Stunden mit negativen Preisen gegenüber. Wegen dieser 130 Stunden das Marktvertrauen zu gefährden, ist unverhältnismäßig."
Staat sollte nicht direkt investieren
Abseits der Reservekraftwerke stimmt Dohler den Kraftwerksplänen im Koalitionsvertrag weitgehend zu. Er plädierte allerdings dafür, bei den geplanten 20 GW an neuen Gaskraftwerkskapazitäten auf H2-ready-Anlagen zu setzen und drängte auf eine schnelle Umsetzung eines Kapazitätsmechanismus. Dabei bleibt er bei einem integrierten Modell, wie es der BDEW immer wieder vorgeschlagen hat. Ob die EWE beispielsweise über ihre Bremer Tochter SWB an einem Kapazitätsmarkt teilnehmen würde, ließ der EWE-Chef offen. In den Wachstumsfeldern des EWE-Konzerns komme die konventionelle Erzeugung nicht direkt vor, allerdings brauche man auch im Norden steuerbare Leistung, nicht nur im Süden, betonte der EWE-CEO.
Mit Blick auf weitere Themen des Energiekapitels im Koalitionsvertrag äußerte sich Dohler zurückhaltend. Egal ob Kraftwerksstrategie, Zukunft des EEGs oder die Transformation der Industrie - viele Themen seien im Koalitionsvertrag bisher nur Überschriften, die nun mit konkreten Inhalten gefüllt werden müssten. Dazu gehöre auch ein Finanzierungskonzept für die Energiewende. "Ich bin vom Grundsatz kein Freund davon, dass der Staat direkt investiert", so Dohler. Stattdessen sollte er Rahmenbedingungen schaffen, die privat finanzierte Investitionen anreizen. Der EWE-Chef schlägt hierfür beispielsweise staatliche Garantien zur Risikominimierung vor sowie Netzrenditen, die international wettbewerbsfähig sind, oder Leitmärkte und in bestimmten Bereichen auch Fördermittel, wie zum Beispiel im Wärmemarkt oder beim Wasserstoffhochlauf.
Einen Investitionsfonds für Energieinfrastruktur, der staatliche Garantien beinhalten soll, hatten Union und SPD im Koalitionsvertrag angekündigt. Auf der EWE-Bilanzpressekonferenz am 24. April hatte Dohler bereits gefordert, dass Teile des Infrastruktur-Sondervermögens in den Hochlauf des Wasserstoffmarktes fließen sollten. /lm