Zum InhaltZum Cookiehinweis

RSS Feed

Regelenergie steht vor umfassenden Reformen

Bayreuth/Berlin/Dortmund/Stuttgart (energate) - Mit der Energiewende ist auch der Regelenergiemarkt im Wandel. Deutschlands Übertragungsnetzbetreiber (ÜNB) reagieren. Ein gemeinschaftlich eingeleiteter Reformprozess zur Weiterentwicklung des Marktdesigns läuft. "Nahezu die komplette Primärreserve wird heute von Batteriespeichern vorgehalten und erbracht", erklärte Ulf Kasper im Gespräch mit energate. "Im Jahr 2045 wird das Stromsystem von Erneuerbaren und Speichern dominiert sein." Darauf, so der Obmann der Steuerungsgruppe Regelenergie der vier ÜNB Amprion, Tennet, 50 Hertz und Transnet BW, gelte es sich frühzeitig vorzubereiten. Noch bis Ende Februar läuft deshalb ein Konsultationsverfahren der Steuerungsgruppe zum "Grünbuch Regelreserve 2030".

 

Ausdrückliches Ziel der Konsultation sei es, mit den Marktteilnehmenden über die darin vorgestellten Ideen und Konzepte zur Anpassung der Marktregeln zu diskutieren und sich Input einzuholen, so Kasper. Batteriespeicher werden am Regelenergiemarkt zunehmend wichtiger und letztlich unersetzlich. Insofern ziele das Grünbuch darauf ab, ein Marktdesign zu schaffen, in dem der Systemausgleich "kosteneffizient und mit Speichern und Erneuerbaren als wesentliche Beitragende funktioniert".

 

Verkürzte Produktzeitscheiben

 

Bereits seit Langem warnen Netzbetreiber vor Kostenexplosionen bei der Regelenergie. Gerade deshalb liegt ein Fokus im Grünbuch auf Kosteneffizienz. Eine der Überlegungen: die Verkürzung der Produktzeitscheiben von derzeit vier Stunden auf 15 Minuten. Vierstündige Produktzeitscheiben passen Kasper zufolge besonders gut auf konventionelle Erzeugungsanlagen oder Anlagen mit großem Speichervolumen. Dadurch wird jedoch die Wirtschaftlichkeit zur Erbringung von Regelleistung für Wind- und PV-Anlagen so stark reduziert, dass andere Vermarktungsmöglichkeiten attraktiver sind. Dies habe mit dazu geführt, dass beispielsweise Offshore-Windparks als Regelenergielieferanten kaum aktiv sind.

 

"Bei einer verkürzten Produktzeitscheibe fällt das leichter", so Kasper. Ein weiterer Vorteil der 15-Minuten-Produktzeitscheibe sei, dass der Stromhandel ebenfalls im 15-Minuten-Takt handelt. Eine Angleichung sei daher eine "logische Konsequenz", auch wenn es nicht der primäre Punkt zu dieser Entscheidung gewesen sei. Dennoch: "Wenn die Regelreserve aus Anlagen mit volatiler Einspeisung besser zusammenpassen soll, ergibt sich im aktuellen Marktdesign die Viertelstunde als Produktdauer", stellte Kasper klar.

 

Mehr Erneuerbarenvielfalt als Preisdämpfer

 

In Bezug auf die Kosteneffizienz gibt es laut dem Obmann der Steuerungsgruppe Regelenergie noch weitere Punkte, die für eine bessere Integration der Erneuerbaren in den Regelleistungsmarkt sprechen: Anders als an den Strombörsen ist die Anzahl der Regelreserveanbieter begrenzt. "Wir sind als Übertragungsnetzbetreiber dazu angehalten, uns mit dieser Entwicklung auseinanderzusetzen", erklärte Kasper. Zudem kommt der Erneuerbarenbeitrag zur Sekundär- und Minutenregelreserve vor allem von Pumpspeicherkraftwerken. Ihr Anteil ist so groß, dass das Bundeskartellamt in seinem jährlich erscheinenden Marktmachtbericht Pumpspeicherbetreiber wie EnBW seit Jahren einer marktbeherrschenden Stellung bezichtigt. "Gerade in Zeiten mit einer hohen Ökostromerzeugung kann es ohne Teilnahme der Erneuerbaren an den Regelreservemärkten zu vergleichsweise hohen Preisen kommen", sagte Kasper. Die regenerative Erzeugung besser in die Regelreserve zu integrieren, biete daher die Chance, Preisanstiege am Regelenergiemarkt zu vermeiden.

 

Auch internationale Beschaffungskooperationen bieten eine Möglichkeit, den Wettbewerb bei der Regelleistung zu erhöhen. Mit Österreich gibt es bereits seit 2020 eine Sekundärregelleistungskooperation, seit Januar 2025 können luxemburgische Anbieter am deutschen Regelleistungsmarkt teilnehmen. Auch mit Tschechien planen die Übertragungsnetzbetreiber eine Sekundärregelleistungskooperation, die im September 2025 starten soll. "Alle Maßnahmen zielen darauf ab, das Thema Wettbewerb bei der Regelleistung zu erhöhen", fasste Kasper die internationalen Bestrebungen der vier ÜNB zusammen.

 

IT-Prozessoptimierung

 

Der Wandel des Regelenergiemarkts ist nicht zuletzt auch eine technische Herausforderung für die Branche. Auch dies wird im Grünbuch adressiert. Die größte Herausforderung bei der Integration von Windkraft und PV am Regelenergiemarkt sei die Verfügbarkeitsprognose, so Kasper. "Gerade bei kleineren Anlagen ist zudem die IT-Infrastruktur im Vergleich zur Anlagengröße relativ teuer", führte er aus. Daher sei die Frage zu beantworten, wie eine "sichere Infrastruktur kosteneffizient gewährleistet" werden könne. /rh/pa

 

Das gesamte Wortlaut-Interview lesen Sie im Add-on Strom. Die Konsultation des Grünbuchs findet noch bis zum 28. Februar 2025 statt. Das Grünbuch ist online einsehbar, ebenso ein Feedbackbogen.

Zurück