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Offshore-Auktionen 2026 ausgesetzt

Berlin (energate) - Jetzt ist es offiziell: Die für 2026 geplanten Ausschreibungen für Offshore-Windflächen werden ausgesetzt und auf 2027 verschoben. Die Bundesregierung habe dazu eine von Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) vorgelegte Formulierungshilfe für einen Änderungsantrag der Fraktionen CDU/CSU und SPD beschlossen, erklärte ein Sprecher des Wirtschaftsministeriums gegenüber energate. Diese schaffe die Grundlage, die Ausschreibungen 2026 vollständig auszusetzen. Gerüchte über den Vorgang hatten bereits am 27. Januar die Runde gemacht. Die Branche fürchtet dadurch Unsicherheit und einen Fadenriss beim Ausbau.

 

Unter unveränderten Rahmenbedingungen sei eine Ausschreibung 2026 "nicht aussichtsreich“,  so der Sprecher weiter. Als Begründung führte er ein weiterhin schwieriges Marktumfeld, die erfolglose Auktion 2025 ohne Gebote sowie Kosten‑ und Erlösrisiken an. Zudem sei das Ministerium "vom anschlussverpflichteten Übertragungsnetzbetreiber" - das ist in diesem Fall Amprion - im Dezember 2025 darüber in Kenntnis gesetzt worden, dass es zu erheblichen weiteren Verzögerungen bei der Fertigung von Konverterplattformen auf der Dragados-Werft (Cadiz/Spanien) komme. Diese beträfen auch die nach der erfolglosen Auktion erneut zur Ausschreibung 2026 vorgesehene Fläche N-10.1. Die Verschiebung gefährde jedoch die Ausbauziele nicht. Diese würden mit der Novelle des WindSeeG und der Fortschreibung des Flächenentwicklungsplans abgesichert.

 

Frühester neuer Auktionstermin voraussichtlich Juni 2027

 

Branchenteilnehmer stellen zunehmend das Ausschreibungsdesign infrage. Im August 2025 ging für die zentral voruntersuchten Nordsee-Flächen N-10.1 und N-10.2 kein einziges Gebot ein. Ein Novum in Deutschland, und für die Branche ein Signal dafür, dass das bestehende Modell unter den aktuellen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen nicht mehr trägt. Die beiden Flächen umfassen zusammen 2,5 GW Leistung bei rund 182 Quadratkilometern Fläche und waren für eine Inbetriebnahme ab 2030 und 2031 vorgesehen.

 

Ohne die Verschiebung hätte die Bundesnetzagentur die Verfahren in den kommenden Wochen ankündigen müssen. Die Auktionen sollen 2027 nachgeholt werden. Als frühester Termin gilt Insidern zufolge Juni 2027, sobald zweiseitige Differenzverträge über alle Erneuerbaren‑Technologien eingeführt sind. Damit würde die Industrie zwei Jahre gegenüber der ursprünglichen Auktion verlieren.

 

BWO fordert bessere Ertragsaussichten und höhere Volllaststunden

 

Der Bundesverband Windenergie Offshore (BWO) begrüßte den Kabinettsbeschluss grundsätzlich, forderte jedoch rasche Klarheit und strukturelle Reformen. Der BWO habe sich "frühzeitig und wiederholt für eine Verschiebung der Auktionen ausgesprochen", sagte Hans Sohn, Leiter der Stabsstelle Politik und Kommunikation des Verbandes. Dass das Kabinett dieser Einschätzung nun folgt, sei ein richtiges Signal. Zugleich forderte er ein neues Auktionsdesign auf Basis zweiseitiger Differenzverträge mit Indexierung, um Risiken zu begrenzen und Investitionen wieder zu ermöglichen. Eine pauschale Verschiebung auf 2027 dürfe jedoch nicht zu anhaltender Unsicherheit in der Wertschöpfungskette führen. Zudem müssten die Flächen N-10.1 und N-10.2 so überarbeitet werden, dass bessere Ertragsaussichten und höhere Volllaststunden möglich seien.

 

Deutliche Kritik kommt hingegen vom Windverband BWE. Geschäftsführer Wolfram Axthelm forderte bei einem Parlamentarischen Abend zur Nachlese des Nordsee-Gipfels in Berlin eine Ausschreibung noch im laufenden Jahr und warnte vor einem erneuten "Durchhänger" im Offshore-Ausbau. "2027 ist zu spät", sagte Axthelm und verwies auf Risiken für Lieferketten und industrielle Wertschöpfung in Europa. Als positives Beispiel nannte er Großbritannien, wo Branche und Politik nach einer erfolglosen Auktionen binnen vier Wochen ein Ausschreibungssystem geändert und "sofort implementiert" hätten.

 

Alhamwi: Verschiebung "fatal"

 

In der Politik wird die Verschiebung ebenfalls unterschiedlich bewertet. Der Bundestagsabgeordnete Alaa Alhamwi (Grüne) bezeichnete sie bei der Veranstaltung als "fatal" mit Blick auf das 30-GW-Ziel bis 2030. Aktuell seien 9,2 GW Offshore-Leistung installiert. Ein weiteres Aussetzen gefährde sowohl die Zielerreichung als auch Arbeitsplätze, von denen nach seinen Angaben 25.000 von der Offshore-Branche abhängen.

 

Die CDU/CSU-Bundestagsabgeordnete Maria-Lena Weiss plädierte hingegen für "Gründlichkeit vor Schnelligkeit" und sprach sich für ein sorgfältiges Neudesign des Ausschreibungssystems aus. "Wir können uns jetzt nicht leisten, wieder eine Ausschreibung hineinzustolpern, sondern jetzt muss man genau überlegen, was es braucht. Und das nehmen wir jetzt in Angriff." Ziel sei es, "dass wir mit entsprechenden Anpassungen 2027 wieder erfolgreiche Ausschreibungen haben werden".

 

Frank Wetzel, Staatssekretär im CDU-geführten Bundeswirtschaftsministerium, verwies auf internationale Beispiele, insbesondere auf die erfolgreiche britische Auktion mit acht Gigawatt, und kündigte ein Redesign des deutschen Ausschreibungssystems an. Mit angepassten Regeln könne es ab 2027 wieder erfolgreiche Offshore-Auktionen geben.

 

Bereits im Vorfeld hatten verschiedene Branchenakteure eine Verschiebung der Offshore-Ausschreibungen vorgeschlagen, allerdings nur bis ins vierte Quartal 2026 und unter neuen Ausschreibungsbedingungen. Die nun vorgesehene Verlagerung auf 2027 geht dagegen etwa aus Sicht Schleswig-Holsteins zu weit. Energieminister Tobias Goldschmidt (Grüne) sprach auf energate-Anfrage von einem "fatalen Signal" und kritisierte ebenfalls, dass andere europäische Staaten ihre Auktionsdesigns deutlich schneller an veränderte Marktbedingungen angepasst hätten.

 

Investitionsentscheidung für 16 GW fehlt

 

Aus Unternehmenssicht wird der Fokus jedoch nicht nur auf neue Auktionen gelegt. Marc Becker, Senior Vice President Offshore bei Siemens Gamesa, wies bei dem Parlamentarischen Abend darauf hin, dass unabhängig davon, "ob das jetzt 2026 oder 2027 passiert", Projekte aus einer neuen Ausschreibungsrunde erst "in 2033 oder 2034" ans Netz gingen. Gleichzeitig sei es ein ebenso großes Problem wie das Auktionsdesign, dass von bereits vergebenen 20 GW bislang nur für rund 4 GW Investitionsentscheidungen vorlägen; für "16 GW gibt es keine Bereitschaft". Für die Ausbaupfade bis in die frühen 2030er Jahre brauche es daher nicht nur ein neues Ausschreibungsmodell, sondern auch Lösungen für die bestehende Projektpipeline.

 

Unterdessen verabschiedet sich die deutsche Offshore-Windenergie offiziell immer weiter vom Ziel, bis 2030 eine Leistung von 30 GW auf See zu installieren. Laut neuen Prognosen des Beratungsunternehmens Deutsche Windguard wird dieser Meilenstein erst 2032 erreicht. /mh

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