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Nordsee soll Europas Stromfabrik werden

Hamburg (energate) - Beim Nordsee-Gipfel haben sich Anrainerstaaten sowie die Energiewirtschaft auf mehr Zusammenarbeit beim Ausbau der Offshore-Windkraft geeinigt. In verschiedenen Erklärungen bekannten sie sich zu Plänen, bis zu 100 GW an Erzeugungsleistung von Offshore-Parks grenzüberschreitend zu vernetzen. Auch der Aufbau einer Wasserstoffinfrastruktur ist Teil der Absichtserklärungen. Zu der entsprechenden "Hamburg-Erklärung" haben sich die Regierungschefs von Deutschland, Belgien, Dänemark, Frankreich, Irland, Luxemburg, den Niederlanden, Norwegen und dem Vereinigten Königreich bekannt. Bereits vor drei Jahren hatten sich die Nordsee-Anrainer dazu verpflichtet, bis zum Jahr 2050 Offshore-Windparks mit einer Gesamtleistung von 300 GW in der Nordsee zu errichten. Mit der nun vereinbarten Hamburg-Erklärung einigten sich die Länder darauf, 100 GW dieser Offshore-Windenergie durch gemeinsame Projekte zu liefern. "Wir brauchen mehr Synergien", sagte Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) nach der Unterzeichnung der Erklärung. 

 

Die Regierungen der Nordsee-Anrainer, die Windkraftindustrie und Übertragungsnetzbetreiber schlossen außerdem einen gemeinsamen Investitionspakt für den Nordseeraum. Darin verpflichten sich die Regierungen unter anderem dazu, einen Offshore-Finanzierungsrahmen für Kooperationsprojekte aufzubauen. Sie wollen außerdem die Investitionssicherheit für solche Projekte erhöhen, etwa durch grenzüberschreitende Haftungssysteme. Zudem sagten die Regierungen zu, die Ausschreibungen für Offshore-Windparks zwischen den Jahren 2031 und 2040 gleichmäßiger zu verteilen. Dadurch soll eine europäische Installationskapazität von bis zu 15 GW pro Jahr erreicht werden. In der Verständigung bekennen sich die beteiligten Parteien auch zu zweiseitigen Differenzverträgen (Contracts for Difference, CfDs) sowie Stromabnahmeverträgen (Power Purchase Agreements, PPAs), einschließlich grenzüberschreitender Lieferungen. Durch gemeinsame Planung wollen sie außerdem Nachlaufeffekte mildern.

 

Senkung der Stromgestehungskosten

 

Die Industrie verpflichtet sich mit dem Pakt im Gegenzug dazu, die Kosten der Offshore-Windenergie zu senken, um so die Stromgestehungskosten bis zum Jahr 2040 um 30 Prozent gegenüber dem Niveau von 2025 zu senken. Außerdem soll sie bis zum Jahr 2030 in Europa 9,5 Mrd. Euro in neue Lieferkettenkapazitäten investieren und 91.000 Mitarbeiter bis zum Jahr 2031 einstellen. Die in der Offshore-TSO-Collaboration (OTC) zusammenarbeitenden europäischen Übertragungsnetzbetreiber verpflichten sich zudem dazu, gemeinsam Projekte zu identifizieren, um das Ziel der 100 GW an gemeinsamen Projekten zu erreichen. Bis 2027 soll in enger Zusammenarbeit mit den Regierungen ein erstes Flaggschiffprojekt mit einer grenzüberschreitenden Offshore-Erzeugungskapazität von bis zu 20 GW identifiziert werden. Die OTC hatte sich zum Gipfel auch auf ein Finanzierungsmodell für den grenzüberschreitenden Netzausbau in der Nordsee verständigt. Das Modell kombiniert einen Ex-ante- mit einem Ex-post-Mechanismus.

 

Reiche sieht Investitionsbereitschaft

 

Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) sagte, beim Weltwirtschaftsforum in Davos habe sich gezeigt, dass es viel Bereitschaft gebe, in europäische Energieinfrastruktur zu investieren. Stromnetze seien ein sicheres Investment. Es sei eine "historische Chance", die Europa momentan habe. 

 

Unterschrieben ist der Pakt auch von einem Vertreter von Hynos, einer Gruppe von Gas- und Wasserstoffnetzbetreibern. Hynos und die OTC verpflichten sich dazu, sich über den Ausbau von Wasserstoffinfrastruktur auszutauschen und pro Fall zu überlegen, bei welchen zukünftigen Stromrichterstationen Wasserstofffähigkeit kosteneffizient ist.

 

Auch die Energieminister unterschrieben eine Hamburg-Erklärung. Darin bekennen sie sich unter anderem dazu, sich für bessere Finanzierungsbedingungen einzusetzen. Außerdem wollen sie Lieferkettenprobleme adressieren. Dazu werden sie laut der Erklärung einen Überblick über die geplanten Offshore-Ausschreibungen der kommenden fünf Jahre bereitstellen. Zudem bekennen sie sich unter anderem dazu, Genehmigungen zu vereinfachen und die Verfahren zu beschleunigen. Mit der Erklärung veröffentlichten sie auch einen Aktionsplan. Demnach sollen die Übertragungsnetzbetreiber und die Industrie etwa im vierten Quartal 2027 Fertigungsstandards und Interoperabilität für Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragungs-Anlagen festlegen. 

 

Sicherheit der Infrastruktur

 

Die Sicherheit der Infrastruktur war ebenfalls Thema beim Gipfel. Die Regierungschefs bekennen sich in ihrer Erklärung zu mehr Zusammenarbeit, um Offshore-Windparks und Netze vor physischer Sabotage, Cyber- oder anderen hybriden Angriffen zu schützen. Auch unterstützen sie regelmäßige gemeinsame Übungen und ein Vorgehen gegen "minderwertige Schiffe", womit vor allem Russlands Schattenflotte gemeint sein dürfte. Jean-Charles Ellermann-Kingombe, stellvertretender Nato-Generalsekretär, plädierte in einer Podiumsdiskussion für mehr europäische Produktion von Komponenten, um die Resilienz der Lieferketten zu stärken. Die Energieminister machen in ihrer Erklärung derweil darauf aufmerksam, dass Offshore-Energieinfrastruktur auch einen militärischen Zweck haben könne. Sie könne dazu genutzt werden, die Überwachung der Meeres- und Lufträume zu verbessern, heißt es darin. Auf dem Gipfeltreffen wurden auch Vereinbarungen zwischen der Nato und Europa getroffen, deren Schwerpunkt auf der Zusammenarbeit im Bereich der Cybersicherheit in der Nordsee liegt.

 

Absichtserklärungen

 

Beim Gipfel wurden außerdem verschiedene multi- und binationale Absichtserklärungen unterzeichnet. Die Energieminister Deutschlands, Belgiens, Dänemarks, des Vereinigten Königreichs und der Niederlande unterschrieben beim Gipfel etwa eine Absichtserklärung, um grenzüberschreitende Offshore-Stromprojekte zu ermöglichen. Der Schwerpunkt liegt dabei auf gemeinsamer Planung, Kostenteilung und Marktvereinbarungen. Dies soll dafür sorgen, dass die Projekte schneller umgesetzt werden. Deutschland und das Vereinigte Königreich vereinbarten außerdem ein Rahmenwerk, um die Zusammenarbeit im Bereich Offshore-Hybridanlagen zu vertiefen. Bundeswirtschaftsministerin Reiche und der dänische Energieminister Lars Aagaard trafen zudem eine Vereinbarung zu dem Offshore-Netzknotenpunkt Bornholm Energy Island. Beteiligt sind daran die Übertragungsnetzbetreiber 50 Hertz und Energinet. Mit einer zusätzlichen Gesamtanschlusskapazität von 3 GW Offshore-Windanlagen liefere Bornholm ausreichend Strom, um etwa 3 Mio. Haushalte zu versorgen, hieß es vom Bundeswirtschaftsministerium. 

 

Der Nordsee-Gipfel hat erstmalig 2022 in Esbjerg, Dänemark, und zuletzt 2023 in Ostende, Belgien, stattgefunden. Die Anrainerstaaten hatten das Format infolge des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine ins Leben gerufen, um die Abhängigkeit von fossilen Energieimporten insbesondere aus Russland zu verringern. Primär geht es darum, die Zusammenarbeit im Bereich der Offshore-Windenergie zu intensivieren. Am Gipfel in Hamburg nahmen neben den Ministern und Regierungsvertretern auch etwa 100 Wirtschafts- und NGO-Vertreter teil. /kij

 

Die Erklärungen können Sie hier herunterladen.

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