Netzbetreiber bremsen Enpals virtuelles Kraftwerk
Berlin (energate) - Enpal hat Ende 2024 den Aufbau eines KI-basierten, virtuellen Kraftwerks (VPP) gestartet. Inzwischen sind mehr als 40.000 Kundinnen und Kunden darin integriert und über 100.000 private Energieanlagen miteinander verbunden, wie das Unternehmen mitteilte. Eigentlich ein Grund zum Jubeln - wären da nicht die unternehmenseigenen Ziele, die Enpal zum Jahresende verfehlen wird. Bislang sind rund 40 Prozent des gesamten Enpal-Portfolios Kunden des VPP. Das Ziel lag jedoch bei 70 Prozent.
"Wir könnten mit dem Rollout des VPPs schon viel weiter sein, wenn Netzbetreiber in angemessener Zeit ihren Aufträgen nachkommen würden", klagte eine Unternehmenssprecherin im Gespräch mit energate. Derzeit scheitere die Integration häufig noch bei der Freigabe zur Direktvermarktung, obwohl die nötige Infrastruktur bei der Kundschaft zum Teil schon seit Monaten installiert sei. Auch im Hinblick auf ein mögliches Ende der festen Einspeisevergütung für Solaranlagen sehen die Berliner hier großen Nachholbedarf. Bei vielen Netzbetreibern existierten bislang "keine massentauglichen und digitalisierten Prozesse". Bevor "diese Baustellen nicht nachhaltig gelöst" seien, dürfe die Einspeisevergütung nicht auslaufen, forderte die Sprecherin.
Qualitätsregulierung als Hoffnungsschimmer
Ähnlich argumentierte bereits Wolfgang Gründinger, Chief Evangelist von Enpal, im energate-Interview. "Für den Massenmarkt der Kleinanlagen gibt es noch keine standardisierten Prozesse. Diese müssen möglichst schnell aufgesetzt und implementiert werden. Wenn diese Prozesse einmal etabliert sind, löst sich die Diskussion um die feste Einspeisevergütung wie von selbst auf", sagte er im September. Aktuell bündelt Enpal in seinem virtuellen Kraftwerk eine Gesamtleistung von 400 MW.
Besserung erhofft sich das Unternehmen durch die anstehende Qualitätsregulierung der Bundesnetzagentur. Perspektivisch soll die Energiewendekompetenz von Netzbetreibern anhand eines Bonus-Malus-Systems belohnt bzw. bestraft werden. "Wir erhoffen uns, dass durch die Qualitätsregulierung eine grundsätzliche Incentivierung geschaffen wird, die Effizienz, Digitalisierung und eine stärkere Harmonisierung der IT-Systeme auf Seiten der Netzbetreiber fördert", sagte die Sprecherin.
Auch andere Akteure sehen an der Stelle Nachholbedarf. Laut dem Digitalisierungsindex des Beratungsunternehmens E-Bridge Consulting liegt der deutschlandweite Digitalisierungsgrad der Netzbetreiber bei 24,7 Prozent. Ein Wert von 100 Prozent steht für die vollständige, ein Wert von null Prozent für keinerlei Digitalisierung. Für den Index hat E-Bridge die Daten von 809 Netzbetreibern ausgewertet. Die Studie "Digital Grid Insights" von energate und dem Software-Dienstleister Envelio zeigte ebenfalls hohen Nachholbedarf bei der Digitalisierung von Netzbetreibern.
Kundschaft profitiert bereits heute finanziell
Doch nicht nur bei den Netzbetreibern gibt es noch Probleme. Auch bei der Kundschaft spielt die Direktvermarktung im virtuellen Kraftwerk noch eine untergeordnete Rolle. "In der Allgemeinheit ist das Wissen über Virtuelle Kraftwerke noch nicht vollständig angekommen", sagte die Sprecherin. Die Diskussionen um das Ende der Solarförderung führten allerdings dazu, dass das Interesse kontinuierlich ansteige. Schließlich lasse sich mit der Direktvermarktung schon heute mehr Geld verdienen als mit der Einspeisevergütung. "Es ergibt Sinn, auch wenn die feste Einspeisevergütung noch existiert, umzustellen, um langfristig besser zu fahren", so die Sprecherin. Kunden mit E-Auto und Stromspeicher könnten einen Mehrwert von über 1000 Euro jährlich erwarten. /rh