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Netzanschluss: Abschied vom Windhundverfahren

Bayreuth, Berlin, Dortmund, Stuttgart (energate) - Die vier deutschen Übertragungsnetzbetreiber 50 Hertz, Amprion, Tennet und Transnet BW stellen die Vergabe von Netzanschlüssen am Höchstspannungsnetz grundlegend um. Ab dem 1. April 2026 bewerten sie Anschlussanträge für Großbatteriespeicher, Elektrolyseure, Rechenzentren und andere Großverbraucher nicht mehr nach dem bisherigen Windhundprinzip, sondern nach einem sogenannten Reifegradverfahren. Ziel ist es, knappe Netzanschlusskapazitäten gezielt an Projekte mit hoher Realisierungswahrscheinlichkeit und systemischem Nutzen zu vergeben. Die Netzbetreiber hatten die Methode bereits in einem Positionspapier vorgestellt.

 

Das neue Verfahren ersetzt die chronologische Einzelbearbeitung der Anträge durch eine zyklische, gebündelte Bewertung. In festen Runden werden alle eingereichten Projekte gemeinsam geprüft. Übersteigt die Zahl der Anträge die verfügbaren Kapazitäten - etwa an Schaltfeldern in Umspannwerken -, priorisieren die Netzbetreiber diejenigen Vorhaben, die anhand transparenter Kriterien den höchsten Reifegrad erreichen. Bewertet werden unter anderem die Flächensicherung und der Genehmigungsstand, das technische Anlagen- und Anschlusskonzept, die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit der Antragsteller sowie der Netz- und Systemnutzen der Projekte. Die ausgewählten Vorhaben erhalten ein Angebot mit einem Zeitplan für den Netzanschluss.

 

Drei Phasen

 

Der Prozess ist in drei Phasen gegliedert: eine Informations- und Antragsphase, eine Clusterstudie mit reifegradbasierter Priorisierung sowie eine Angebotsphase. Für jeden Antrag fällt eine Antragspauschale von 50.000 Euro an. Bei Annahme eines Netzanschlussangebots ist zusätzlich eine Realisierungskaution von 1.500 Euro pro Megawatt zu hinterlegen, die später auf den Baukostenzuschuss angerechnet wird. Projekte, die in einem Zyklus nicht berücksichtigt werden können, bleiben ohne zusätzliche Kosten im Verfahren und können im nächsten Durchgang erneut bewertet werden.

 

Mit dem neuen Ansatz reagieren die Übertragungsnetzbetreiber (ÜNB) auch auf Fehlanreize des bisherigen Systems. Das Prinzip des "First Come, First Served" führte zu langen Warteschlangen, die die Anschlussmöglichkeiten bis weit in die 2030er Jahre blockierten. Vergleichbare Reifegradmodelle sind den Netzbetreibern zufolge in Ländern wie Großbritannien und Norwegen bereits etabliert. Die Unternehmen halten eine europarechtliche Bestätigung des neuen Verfahrens durch die Bundesnetzagentur für sinnvoll. Zudem wäre es zielführend, "die gesetzlichen Grundlagen für das Netzanschlussverfahren entsprechend des vorgeschlagenen 'Reifegradverfahrens' zu konkretisieren".

 

ÜNB: Ergänzende gesetzliche Anpassungen nötig

 

Amprion‑Chef Christoph Müller nannte auf Nachfrage das Reifegradverfahren einen wichtigen Schritt zu effizienteren Netzanschlüssen, sieht aber gesetzlichen Nachbesserungsbedarf. Er plädierte für feste Kontingente, um knappe Anschlüsse fair zu verteilen. Auch Tennet‑Germany‑CEO Tim Meyerjürgens unterstützt verbindliche Technologiekontingente. 50-Hertz‑Chef Stefan Kapferer forderte zusätzliche politische Leitplanken, damit neben Großbatteriespeichern auch Kraftwerke, Industrie und Rechenzentren berücksichtigt werden. Batteriespeicher seien zwar zentral, müssten sich aber in das Gesamtsystem einfügen.

 

Projektentwickler: Offene Fragen bei der Ausgestaltung

 

Projektentwickler begrüßen den grundsätzlichen Kurswechsel, verweisen jedoch auf offene Fragen bei der Ausgestaltung. Florian Antwerpen, Geschäftsführer von Kyon Energy, und Marie-Sophie Braun, Business Development Manager Kyon, erklärten, das neue Verfahren könne helfen, Netzanschlusskapazitäten zu entblocken, die derzeit von Projekten ohne Fortschritt belegt werden. Voraussetzung sei allerdings, dass die Kriterien transparent angewendet werden, um Diskriminierung zu vermeiden. Zugleich sehen sie die Gefahr, dass Speicher gegenüber konventionellen Kraftwerken benachteiligt werden, was dem Zubau von Flexibilität widerspreche. Kritisch bewerten sie außerdem, dass Fristen und Realisierungsfahrpläne im Vergleich zur KraftNAV weniger verbindlich ausgestaltet sind, was Planungssicherheit und Einflussmöglichkeiten der Anschlussnehmer einschränke.

 

Auch der Speicherentwickler Eco Stor unterstützt die Einführung eines Reifegradverfahrens grundsätzlich. Entscheidend sei jedoch, wie Kriterien wie Planungstiefe, technische Auslegung, Projekterfahrung und Systemnutzen konkret umgesetzt werden. Ein Reifegradverfahren könne seine Wirkung nur entfalten, wenn es transparent, verbindlich und konsistent angewendet und regulatorisch flankiert werde. Dies gelte auch mit Blick auf parallele Prozesse wie das AgNes-Verfahren der Bundesnetzagentur.

 

Tobias Moldenhauer, Leiter Wasserstoff bei EWE, sieht in einem transparenten Reifegradverfahren die Chance, knappe Netzkapazitäten effizienter zu nutzen. Zugleich warnt er davor, die besonderen Entwicklungsbedingungen von Elektrolyseprojekten zu vernachlässigen. Viele Großelektrolyseure befänden sich noch in frühen Phasen, da regulatorische Vorgaben, Förderkulissen und Abnahmeverträge oft schrittweise geklärt würden. Zu hohe Anforderungen zu einem frühen Zeitpunkt könnten daher den Hochlauf der Wasserstoffwirtschaft bremsen. Moldenhauer fordert deshalb bundesweit einheitliche Kriterien, realistische Übergangsregelungen und eine enge Abstimmung zwischen Netzbetreibern, Projektentwicklern und Politik. Eine Bearbeitungsgebühr für Netzanschlussanfragen führte bei 50 Hertz vor allem dazu, dass Elektrolyseure ihren Antrag zurückziehen.

 

Auch Lösung für Verteilnetzebene nötig

 

Unterstützung, aber auch deutliche Kritik an der Bundespolitik kommt aus Schleswig-Holstein. Landesenergieminister Tobias Goldschmidt (Grüne) bezeichnete auf energate-Nachfrage den Run auf Netzanschlüsse als "richtig gute Nachricht", weil es zeige, dass die Wirtschaft investieren wolle und Stromnetze zur zentralen Zukunftsinfrastruktur geworden seien. Zugleich warnte er, beim Netzausbau dürfe "kein Schlendrian einkehren". Dass die Novelle des Bedarfsplangesetzes weiter ausstehe, sei ein Versagen der Bundesregierung. Goldschmidt forderte, eine Überbauung von Netzverknüpfungspunkten positiv in die Anschlussvergabe einzubeziehen. Er verwies aber auch darauf, dass koordinierte Anschlussverfahren den schnellen und ambitionierten Netzausbau nicht ersetzen könnten. Zudem müsse der Fokus stärker auf die Verteilnetzebene gelegt werden, da dort der Großteil von Erneuerbarenanlagen und Speichern einspeise. "Auch hier brauchen wir Lösungen", so Goldschmidt. /mh

 

Das Konzept können Sie hier herunterladen.

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