Mit Bürgerbeteiligungen aus der Kapitalklemme?
Heidelberg (energate) - Angesichts knapper Kapitalressourcen erweisen sich Bürgerbeteiligungen gerade unter kommunalen Versorgern zunehmend als strategischer Baustein bei der Finanzierung von Energie- und Wärmewende. Beispielhaft dafür stehen die Stadtwerke Heidelberg, die in diesen Tagen ihre zweite Bürgerbeteiligung zum Abschluss bringen. 6 Mio. Euro für die Finanzierung einer innovativen Kraft-Wärme-Kopplungsanlage sichert sich der Kommunalversorger auf diesem Weg. Das Interesse an der Bürgerbeteiligung sei groß gewesen, schilderte Michael Teigeler, Geschäftsführer der Stadtwerke Heidelberg Energie, im Interview mit energate. Allein am ersten Tag der Zeichnungsfrist seien knapp 3 Mio. Euro zusammengekommen.
"Wir müssen viel investieren"
Im Gespräch mit energate betonte Teigeler: Für die Stadtwerke Heidelberg gehe es bei der Bürgerbeteiligung nicht in erster Linie um Akzeptanz, Image oder Kundenbindung, wie es bei solchen Finanzierungsformen sonst häufig der Fall ist. Solche positiven Nebeneffekte nähmen die Stadtwerke zwar mit, "aber unsere Beweggründe sind vorrangig finanzieller Natur: Wir müssen viel investieren und benötigen insbesondere Eigenkapital." Der Versorger aus Baden-Württemberg rechnet allein für die Wärmewende mit einem Investitionsbedarf von rund 825 Mio. Euro bis 2040.
Auch wenn Unternehmen über solche Beteiligungsmodelle gesetzlich festgeschrieben maximal 6 Mio. Euro im Jahr einwerben dürfen, sind solche Finanzierungsformen für Stadtwerke durchaus attraktiv. Sie lassen sich beispielsweise über Genussrechte so ausgestalten, dass die Banken die eingeworbenen Summen als Eigenkapital betrachten. So erhört sich der Spielraum für die Fremdkapitalaufnahme - in der Regel über Bankdarlehen.
Günstiges Kapital = günstige Wärme
Teigeler wies noch auf einen weiteren Vorteil hin: Im Vergleich mit institutionellen Investoren gäben sich investierende Bürger mit geringeren Zinssätzen zufrieden. Denn: "Bürger haben ein anderes Risikoempfinden als institutionelle Investoren, die einen zusätzlichen Risikoaufschlag von 2 bis 3 Prozent verlangen." Günstiges Kapital bedeute wiederum, "dass die Wärme nicht teurer wird als nötig und so wettbewerbsfähig und sozial verträglich bleibt", betonte der Stadtwerkechef.
Nach ihren positiven Erfahrungen mit den ersten zwei Beteiligungsmodellen wollen die Stadtwerke Heidelberg diese Form der Finanzierung in ihre Investitionsplanungen fest verankern. "Wenn ich die Bürgerfinanzierung verstetigen und ein kontinuierliches Produkt daraus machen kann, erhalte ich in relevantem Umfang Kapital für die weiteren Projekte, die vor uns liegen", zeigte sich Teigeler optimistisch. Der Versorger plant sogar, künftig über weitere Beteiligungsmodelle auch institutionelle Investoren anzusprechen.
"Da kommt schon was zusammen"
Neben den Stadtwerken Heidelberg haben zuletzt immer mehr Kommunalversorger auf Beteiligungsmodelle gesetzt. Positive Erfahrungen machten dabei beispielsweise die Stadtwerke aus Ellwangen oder auch aus Tauberfranken. Auch die Deutsche Kreditbank (DKB), die sich für die Abwicklung solcher Beteiligungen als Dienstleister positioniert, wirbt für diese Finanzierungsform. Im energate-talk zum Thema Stadtwerke-Finanzierung trat DKB-Vorstand Tilo Hacke zuletzt auch dem Argument entgegen, dass solche Beteiligungsmodelle mit Blick auf die hohen Investitionsvolumina vernachlässigbar seien. "Da kommt schon was zusammen", sagte Hacke. So habe die DKB inzwischen mehr als 240 Bürgerbeteiligungsprojekte mit einem Gesamtvolumen von 2,2 Mrd. Euro unterstützt.
Allen Vorteilen zum Trotz ist allen Beteiligten klar, dass sich die Herausforderungen bei der Energiewendefinanzierung nicht allein mit Bürgerbeteiligungen stemmen lassen. Abhilfe schaffen soll beispielsweise der Deutschlands-Fonds, den die Bundesregierung Ende des vergangenen Jahres auf den Weg gebracht hat. Energieversorger sollen künftig Mittel aus dem Fonds zur Eigenkapitalstärkung nutzen können.
VKU sieht Bund und Länder in die Pflicht
Der Stadtwerkeverband VKU sieht darin einen guten Anfang, fordert zugleich weitere Schritte. Er sieht in dem Kontext vor allem die Bundesregierung in der Bringschuld: "Der Bund steht in der Verantwortung, Modelle staatlicher Bürgschaften und Garantieren zu entwickeln", sagte VKU-Hauptgeschäftsführer Ingbert Liebing im Gespräch mit energate. Zugleich forderte er auch die Länder auf, Möglichkeiten zu schaffen, "dass Kommunen ohne Beeinträchtigung ihrer eigenen Leistungsfähigkeit Kredite aufnehmen können, um diese zur Eigenkapitalstärkung an ihre Stadtwerke weiterzuleiten". Hessen hatte zuletzt ein entsprechendes Förderprogramm für Nachrangdarlehen mit einem Gesamtetat von 1 Mrd. Euro auf den Weg gebracht. /rb
Das gesamte Interview mit Michael Teigeler, Geschäftsführer der Stadtwerke Heidelberg Energie, lesen Sie im Add-on Markt & Industrie.