Markt für Abrechnungslösungen formiert sich neu
Köln/Essen (energate) - In den Markt für Abrechnungslösungen für Energieversorger kommt zunehmend Bewegung. Der Kölner Versorger Rheinenergie und der Softwareanbieter Schleupen gehen gemeinsam mit einem neuen Angebot für Vertriebsprozesse in den Markt. "Unsere Plattform bildet die gesamte Kette im Vertriebsgeschäft von der Kundengewinnung über die Abrechnung bis hin zur Kundenbetreuung ab", erläuterte Volker Kruschinski, Schleupen-Vorstandsvorsitzender, im Doppelinterview mit energate. Die Resonanz auf das neue Angebot sei groß, ergänzte Stephan Segbers, Vertriebsvorstand der Rheinenergie, "nicht zuletzt, weil Tweeq eine Produktalternative in einem sehr engen Markt darstellt".
SAP sorgt für "Trigger-Moment"
In der Vergangenheit zählte der Softwarekonzern SAP mit seiner Branchenlösung IS-U zu den Platzhirschen unter den Softwaredienstleistern für die Prozessabwicklung. Allerdings stellt das Unternehmen mit der Umstellung auf das neue System S/4HANA 2027 den Support für IS-U ein. Viele Versorger nahmen das zum Anlass, sich nach neuen Lösungen im Markt umzuschauen. Auch für die Rheinenergie stellte dies den "Trigger-Moment" dar, wie Segbers im Interview erläuterte. "Zugleich war es uns auch ein Anliegen, die oligopolistische Situation im Bereich der Abrechnungssoftware aufzulösen", begründete er die Initiative mit Schleupen. Schließlich gebe es - neben SAP - "nur eine überschaubare Zahl von Angeboten im Markt".
Mit der Entwicklung von Tweeq haben sich die Partner viel vorgenommen, denn im Vertrieb geht es schließlich nicht nur darum, Abrechnungsprozesse im Hintergrund abzuwickeln. Gesucht war eine Lösung, "mit der wir schnell und effizient Regulatorik in unseren Systemen umsetzen können, ohne dass wir die gesamte IT-Abteilung für drei Monate lahmlegen", beschrieb Segbers die Herausforderung. Zugleich gehe es auch darum, "die neue Wettbewerbsdynamik abzubilden: Produkte schnell in den Markt bringen, bepreisen und abrechnen". Zugleich richtet sich Tweeq nur an ein bestimmtes Marktsegment, wie die Initiatoren erläutern: "Man braucht eine gewisse Mindestgröße, die so bei 400.000 bis 500.000 Kunden liegt, damit eine gewisse Prozesskomplexität vorhanden ist", so Segbers. Für kleinere Marktteilnehmer fänden sich im Markt "schlankere Lösungen".
Thüga-Tochter TAP mischt mit
Der Herausforderung einer neuen Abrechnungslösung haben sich weitere Marktteilnehmer ebenfalls gestellt. So arbeitet beispielsweise auch der Stadtwerkeverbund Thüga seit Längerem an einer entsprechenden Plattform. Das Projekt hatte aber in der Vergangenheit einen herben Rückschlag erlitten. Da der Softwarepartner Powercloud nach einer Übernahme und einer anschließenden Umstrukturierung bestimmte Marktrollen nicht mehr in sein Angebot integrierte, musste sich die Thüga-Tochter TAP einen neuen Partner suchen. Im April präsentierte die Thüga ausgerechnet SAP als neuen Partner.
Zuletzt vermeldete TAP Fortschritte bei der Entwicklung der eigenen Plattform. Erste Prozesse wie etwa die Grundausprägungen für die Profile RLM und SLP Strom sowie SLP Gas liefen inzwischen über die Plattform. Gemeinsam mit dem beauftragten Generalunternehmer Accenture stellt die TAP erste Go-Lives für das kommende Jahr in Aussicht. Auch andere Softwareanbieter bringen sich in Position. Der Dienstleister Wilken hatte zu Beginn des Jahres seine neue Branchenlösung "GY" präsentiert. Mitbewerber SIV hatte seinerseits zuletzt den Abschluss der Migration der IT-Prozesse der MVV-Gruppe von SAP auf seine Plattform vermeldet. Auch Powercloud hat sich nach der Übernahme durch Hansen Technologies neu sortiert und wirbt mit der eigenen cloud-basierten Abrechnungsplattform wieder um Kunden im Energiemarkt.
Segbers: IT kein Differenzierungsmerkmal
Rheinenergie-Vertriebsvorstand Segbers sieht indes in IT-Systemen kein geeignetes Instrument, um sich als Energieversorger im Wettbewerb zu differenzieren. "Ich halte es für sinnvoller, dass wir gemeinschaftlich eine gute Lösung im Hintergrund laufen haben, die durch Skaleneffekte kosteneffizient ist", sagte er im Interview. Es bleibe immer noch genügend Raum, "um sich im Markt zu differenzieren und um die Kunden mit dem besten Angebot zu buhlen". /rb
Das gesamte Interview mit Rheinenergie-Vertriebsvorstand Stephan Segbers und Schleupen-Vorstandsvorsitzendem Volker Kruschinski lesen Sie im Add-on Markt & Industrie.